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10.02.2020, Jamal Tuschick

Später wird die Schriftstellerin finden, dass der Ruhm zu früh kam und so falsch war wie der erste Ehemann. Doch da ist sie schon halb vergessen und ganz kolonisiert vom Krebs.

Leidenschaft als Staatsräson

Herbert Warnke (links) verleiht den Kunstpreis des FDGB für Literatur an Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann (1961)

So ein bisschen kirchenfromm ist sie auch. Brigitte Reimann erscheint vor allem als eine der exemplarisch Gläubigen des Sozialismus in einer furiosen Allianz mit Christa Wolf und gesegnet von Anna Seghers, der „fast wie eine Heilige“ Verehrten. Man bindet sie mit Ehrungen und hievt sie auf die Podeste. Die junge DDR braucht die unverdächtige Leidenschaft einer Generationskohorte, die unter dem Generalverdacht antritt, ihre Marschbefehle von Hitler persönlich erhalten zu haben.

In der Bundesrepublik ignoriert man die Implikationen nach Kräften. Die Westbindung, der Marshallplan und ein gemeinsamer Feind im Osten wirken wie eine verordnete Amnesie. Der Deutschen Demokratischen Republik fehlt der Zuspruch, die Ostblock-Systeme sind down, da helfen nur Paraden. Worüber wir zu wenig gesprochen haben, das ist die Symbolpolitik, mit der die DDR Staat zu machen versuchte. Der alte Kaderkämpfer Walter Ulbricht, hohl geworden in der Moskauer Angst, schmückt sich mit frischen Gesichtern, Reimann steigt auf „bis in die erste Reihe der jungen Nationalliteratur“.

„Mit herrlichem Größenwahn“ glaubt Reimann an „ihre Bestimmung“.

Das erzählt Roswitha Schieb in ihrem Lesebuch der Lebensläufe. Sie kommt von Inge Müller zu Brigitte Reimann.

Roswitha Schieb, „Risse. Dreißig deutsche Lebensläufe“, Lukas Verlag, 299 Seiten, 24.90 Euro

Von links: Anna Seghers, Christa Wolf, Eva (und Erwin) Strittmacher

Nichts steht unter einem glücklichen Stern im Leben von Inge Meyer, die als Ehefrau von Heiner Müller Selbstmord begehen wird.

Eine Abschweifung

Von links: Inge Müller, Gerhard Wolf, B.K. Tragelehn

Sie gräbt ihre zu Tode verschütteten Eltern aus und findet die Leiche der Mutter auf besondere Weise versehrt. Fledderer amputierten Glieder des Ringfingers. Nicht erst die Bergung traumatisiert die zum Schluss als Luftwaffenhelferin in Berlin eingesetzte, Jahre vom Reichsarbeitsdienst beanspruchte, angehende Trümmerfrau.

„1945 war jeder ein Greis.“

„Die Ausnahme und die Regel

Wehrmachtshelferinnen von Offizieren zum Beischlaf kommandiert, täuschen zweimal wöchentlich Monatsblutungen vor.“

Schieb errichtet das Koordinatenkreuz der Verzweiflung einer nach den Regeln der Zeit und ihrem Verdrängungsgeboten heil durch den Krieg gekommenen (unsichtbar) Verletzten. Vielleicht steckt bereits in dieser paradoxen Beobachtung ein Motiv für den Müller-Titel „Krieg ohne Schlacht“. Ines Geipel sagte es wohl zuerst: Inge war im Krieg und Heiner schrieb darüber.

Brigitte Reimann über die Zentrale ihrer Existenz. Das ist ein überspielter Dreh- und Angelpunkt:

Mit zehn „wütet“ sie in einem Feldpostbrief an den Vater „gegen die verdammten Engländer“. Die Tochter eines nationalsozialistischen Journalisten träumt von einer Kolonialkarriere in Afrika.

*

„Parks blühen über Massengräbern.“ In einem Mai erinnern Kirschbäume die Erzählerin an den russischen Einmarsch im Sommer Fünfundvierzig. Die Echos des Krieges hallen durch Reimanns Romanraum „Franziska Linkerhand“. Ein Volk verdrängt mit aller Macht, Reimann wäre keine Schriftstellerin, könnte sie mithalten. Sie überspannt ihre Liebesgeschichten, den Panther Überdruss alle Zeit an der Kehle.

„Ein Mann, der mich eben noch als gleichberechtigte Kollegin behandelt … entdeckt auf einmal meine Brust und meine Hüften; die Schriftstellerin verwandelt sich für ihn, ist das Weibchen, das man besitzen will.“

Ich schweife ab und kehre zurück zu den Apperzeptionen nach Fünfundvierzig. Im Kontext einer heillosen Klarheit schildert Gerhard Wolf die erste Begegnung mit seiner künftigen Frau 1949 in Jena. Er kam in den SA-Stiefeln des Vaters zum Date. Sie hatte aus einer Krankenhausdecke den Mantel sich geschneidert. Man trat in die SED ein, die Idee der sozialen Gerechtigkeit trieb beide an. Christa Wolf: „Ich war so begeisterungsfähig. Ich musste mit meiner Begeisterung irgendwo hin.“

Gerhard Wolf: „Die Eltern hatten alles gegen den Baum gefahren“, die Jungen wollten es besser machen. Privat schlitterte das Paar über die vereiste Saale. Es stritt wie verrückt und las den ganzen Gerhart Hauptmann „in der Mansarde der Witwe Specht“.

Da treffen sie sich, Inge, Brigitte und Christa: auf einer Anhöhe des Vitalen. Unter ihnen bereitet Anna den Boden. In Seghers’ „Umsiedlerin“ (1950) spielen die dürftigen Verhältnisse der Kriegsmigranten die Hauptrolle. Erzählt wird eine lange Geschichte. Sie fängt mit der Bodenreform 1945 an und endet mit der Kollektivierung landwirtschaftlicher Betriebe. Jemand fragt Seghers‘ Sprachrohr Niet, warum sie sich anstrenge, als sei sie „daheim“. Niet antwortet: „Weil man gerecht war.“ Der Zugriff glückt mit beiden Händen, die Gesellschaft und das Individuum ziehen an einem Strang. Niet bleibt nicht „Flüchtling“, sie findet einen Platz im Trubel ihrer Gegenwart. Heiner Müller nimmt die Motive zeitlich gar nicht so viel später, historisch jedoch in einer ganz anderen Phase auf. Seiner „Umsiedlerin“ fehlt der Optimismus. Der Dichter lässt alle Schichten antanzen, die Verwerfungen des Kriegs schreiben die Partitur der Verteilungskämpfe. Ein Bürgermeister stieg vom Melker auf, es geht aber nicht allen gut. Den Neubauern Ketzer ernährt sein neues Land nicht, er beendet die Verelendung im Sozialismus mit Suizid. Auf der Parteilinie schließen sich Sozialismus und Selbstmord aus. Müller, weit davon entfernt, Dissident zu sein, bringt es bloß nicht fertig, sich von der Wirklichkeit zu verabschieden. Aus dieser Wirklichkeit zieht er den Umsiedler Fondrak, der sich unter Kommunismus „Bier aus der Wand“ vorstellt und lieber in den Westen geht, als eine Neubauernstelle anzutreten. Obwohl Fondrak die Umsiedlerin Niet geschwängert hat.

Müller will seine „Umsiedlerin“ als Komödie verstanden wissen, so versteht sie aber keiner. Seine Konflikte sind alltäglich. Sie drehen sich um Traktoren, Motorräder, Arbeitskräfte, Bier, Frauen und Ideen, die erst einmal kapiert werden müssen: „Was die Mehrheit / Beschlossen hat, das kann die Mehrheit auch / Umschmeißen.“

Ein Bauer wird zum „Umzug aus dem Ich ins Kollektiv“ gezwungen. Auch er möchte mit sich Schluss machen. In der LPG beantragt er umgehend einen Krankenschein: „Zehn Jahr saß er uns im Genick, der Hund / Zwei Jahr und länger ließ er sich dann bitten / Und wieder stößt er sich an uns gesund. / Ich wollt, ich hätt ihn nicht vom Strick geschnitten.“

Niet übernimmt Ketzers Hof. Das ist der utopische Moment bei Müller. Die Umsiedlerin repräsentiert eine Bereitschaft zum Aufbau der jungen Republik.

Nach der ersten Aufführung am 30.9.1961 an einer Karlshorster Studentenbühne setzt seine Stigmatisierung ein. Müller fliegt aus dem Schriftstellerverband. Er wird in der DDR zum ungespielten Autor und bleibt das zwölf Jahre.

Noch in der Nacht der Premiere werden Schauspieler verhört. Man legt ihnen nah, sich mit „der verbrecherischen Regie“ heraus zu reden. Müller wirft man „Nihilismus“ und „Schwarzfärberei“ vor, sein Spezi Tragelehn fährt zur Bewährung in den Braunkohletagebau ein. „Die Umsiedlerin“ verschwindet in einem Futteral des Schweigens. Erst 1976 inszeniert Fritz Marquardt „Die Umsiedlerin“ als Mumienschanz unter dem Titel „Die Bauern“ an der Berliner Volksbühne.

Rauschhafter Enthusiasmus

Reimanns Gläubigkeit kollabiert. Sie stößt sich an der Zensur und sitzt immer wieder der Stasi gegenüber. Das sind „laute, grobe, brutale, brüllende Landsknechte.“

Informelle Mitarbeit gehört zu diesem Autorenschicksal. Siebenundfünfzig wirbt der MfS die Hochgelobte an, Reimann wird selbst überwacht. Sie beschreitet den Bitterfelder Weg, „bis sie diesen Becher (Johannes R.) beiseite stellt“. Danach muss sie sich „Gefühlsduselei“ als Vorwurf gefallen lassen. Die Nazis sprachen von „Humanitätsduselei“.

Reimann entdeckt eine fatale Kontinuität. Dazu gehören „Pogromstimmungen“, entfacht zur Erhöhung des Verfolgungseifers „missliebiger Schriftsteller“.

Zwischendurch ist Reimann entsetzt.

„Wir hassen den Militarismus in der Republik, dieses unausrottbare Preußentum und seine militante Sprache (Getreideschlacht, Kartoffelfront).“

Die Sozialistin fragt sich: „Kann ein politischer Mensch überhaupt eine Seele haben?“

Sie geht weiter: „Hat der Staat ein Anrecht auf meine Seele?“

Reimann schwankt zwischen „rauschhaftem Enthusiasmus“ und Ernüchterung sowohl in ihren politischen Analysen als auch in ihren Beziehungen. Schieb diagnostiziert „eine Sehnsucht nach Erlösung“.

P.S.

In „Franziska Linkerhand“ spricht Reimann einen intellektuellen Arbeiter an. Ben wurde in die Produktion relegiert. Ihrem Tagebuch meldet Reimann im September Neunundsechzig: „Inzwischen muß ich mir immer wieder sagen, vorsagen: Ich war mit Wolfgang „Ben“ Trojanowicz verheiratet. Ich habe eine literarische Figur geliebt.“

„Alles schmeckt nach Abschied.“  

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