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10.02.2020, Jamal Tuschick

"Mehr als eine Heimat" - Ali Can definiert Deutschsein neu

Mister #MeTwo

Ali Can, geboren 1993, ist Sozialaktivist und Autor. Vor allem als Initiator einer „Hotline für besorgte Bürger“ sowie 2018 des Hashtags #MeTwo ist er national wie international bekannt geworden. Seit 2015 gibt er Workshops für interkulturelle Sensibilisierung. Anfang 2019 eröffnete in Essen das von ihm gegründete „Vielrespektzentrum“. Für sein Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Jugenddemokratiepreis 2016. Über seine Erfahrungen mit der „Hotline für besorgte Bürger“ veröffentlichte er 2017 sein erstes Buch. Ali Can bei Twitter: @alicanglobal

Poetischer Aufstand

2008 übernahmen Cans Eltern einen Dönerimbiss im Gießener Umland. Der Autor beschreibt eine „unscheinbare“ ortsausgangsnahe Einkehrgelegenheit: ein Image mit Klassikeraspirationen im kollektiven Gedächtnis der fortgeschrittenen Bundesrepublik. Vermutlich gibt es für U-sechzigjährige Diversdeutsche gar keine Erinnerungen ohne geraspelten Weißkohl und dieser direkt an den Neocortex adressierte, geradezu touristisch offlinigen Serviergeschicklichkeit. Mir gefällt, wie Can ausführlich wird. So wie Carola Rackete* der brisanten Zufälligkeit ihres plötzlichen Ruhms, als für einen Erkrankten eingesprungener „Kapitän“, Rackete gendert Kapitän nicht nur nicht, sie missbilligt sogar die Begriffsbildung „Kapitänin“, mit einer Prise erinnerte Kindheit in der Gegend von Celle bestreicht, so erzählt Can von den „vier kleinen Tischen“ in der Verzehrszone … so wie vom Selbständigkeitsglück der Eltern.

Ali Can, „Mehr als eine Heimat. Wie ich Deutschsein neu definiere“, Dudenverlag, 222 Seiten, 15,-

Da ist er: der Stolz auf das eigene Geschäft. Die sanfte Erhebung koinzidiert mit klischeehaftem Spott, den Ali sich als Akteur eines Bilderbuchgeschehens gefallen lassen muss.

„Bei aller Dankbarkeit gaben mir meine Eltern zu verstehen, dass sie meine Hilfe für selbstverständlich hielten“.

Can erfüllte Sohnespflichten nach einem traditionellen Kanon, während klassische Kategorien der Mehrheitsgesellschaft ihre Rahmenhärte verloren und zu Variablen wurden.

Es ist leichter an der Zukunftsschraube zu drehen, als die Vergangenheit zu rühren.

Rassistischer Ausschluss

„Schon als Kind wünschte ich mir, ein Deutscher zu sein und als gleichwertiger Teil der Gesellschaft wahrgenommen zu werden.“

Markierende Feststellungen der Andersartigkeit empfindet Can als „Makel“. Gleichzeitig schwankt er selbst zwischen den Zuschreibungen fremd, anders, deutsch, türkisch, kurdisch. Das biografische Maximum lässt sich in der Vorläufigkeit des Jetzt nie ganz fassen. Ständig hantiert man mit Abstrichen, Einschränkungen, theatralischen Leistungen und temporären Lösungen. Die Mehrheitsgesellschaft öffnet und verschließt auf einer unkalkulierbaren Linie. Einerseits trägt man Can an, Ministrant zu werden, andererseits lässt man ihn vor Clubs stehen. Er erfährt von einem Selektionsschema, das ihn überrascht:

„Fast alle Diskos … lassen maximal 15 bis 20 Prozent Ausländer rein.“

Da ist er, der „rassistische Ausschluss“. Can reagiert darauf mit einem poetischen Aufstand. Er weiß, die Zugangsberechtigungskodes werden in den Zukunftswerkstätten der Kultur kreiert.

Pressetext

„Deutschsein bedeutet heute Diverssein, meint Ali Can, dessen Twitterkampagne „#MeTwo“ im Sommer 2018 ein enormes Echo auslöste. Zehntausende Menschen mit Migrationshintergrund berichten seither unter dem Hashtag von ihren alltäglichen Erfahrungen mit Rassismus. In seinem Buch „Mehr als eine Heimat. Wie ich Deutschsein neu definiere“, beschreibt Ali Can die einjährige Geschichte des Hashtags als Teil einer drängenden gesellschaftlichen Debatte. 

Ali Can blickt auf seine eigene Biografie und die seiner Eltern. Zudem befragt er eine Reihe bekannter Gesprächspartner. So kommt er zu dem Schluss: Heimat – das sind letztlich die Werte, die wir teilen. Und an einem offenen, konstruktiven Dialog über sie sollten alle teilnehmen können, die in diesem Land leben und seine Gesellschaft mitgestalten – ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Trotz abstrakter Begriffe wie „Integration“ und „Deutschsein“ geht es schließlich um das Zusammenleben.

Die #MeTwo-Debatte führte vor Augen, dass Rassismus eines der drängendsten Probleme der deutschen Gesellschaft ist. Millionen Menschen wird in Schule, Berufsleben und Alltag vermittelt, sie seien nicht wirklich Deutsche und gehörten somit nicht dazu. Dabei betrachten sie Deutschland als ihre Heimat – und das so selbstverständlich, wie sie sich oft noch einer anderen Sprache und Kultur verbunden fühlen. „Mehr als eine Heimat“ ist ein selbstbewusster, mutiger und ermutigender Versuch, den Riss in unserer Gesellschaft zu flicken.“

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