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10.02.2020, Jamal Tuschick

„Jeder Fortschritt erledigt einen Fortschritt.“ Heiner Müller

Mit der Mauer fiel ihr Staat. In seiner Analyse „Die Mauergesellschaft“ identifiziert Frank Wolff die DDR mit der Mauer. Ein reformierter Sozialismus habe auf dem Territorium der aufgelassenen DDR nie eine Chance gehabt.

Unzuverlässige Praxis der Mündlichkeit oder Gemurmelter Totalitarismus

Es gab keinen auf die Zukunft gerichteten Widervereinigungswillen vor Neunundachtzig. Mit dieser Behauptung schließt Frank Wolff zum Diskurs auf.

Als der Mauerbau ansteht, rechnet Ulbricht mit Widerstand sogar im Politbüro. Er schwört Kader im Milieu der Kampfgruppen und Hilfsverbände hierarchisch weit unterhalb der Führungsebene ein. Die Parteispitze informiert Ulbricht überfallartig in einer Situation ohne räumlichen Ausweg. Die Premiumgenossen sind die ersten Gefangenen der neuen Zeit. Ulbricht stellt die Elite kalt und verlässt sich auf kasernierte Gassenhauer und gewaltbereite Heimschläfer. Das sind lauter Berliner Ringvereine im Allianzmodus. Wer hat das je diskutiert?

Während die Absperrung über die Frontstadtbühne geht, sitzen die nobilitierten Herrschaften fest in Ulbrichts Bungalow.

„Wie sie wurde der Großteil des Apparats von den radikalen Maßnahmen überrascht.“

Frank Wolff „Die Mauergesellschaft: Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961-1989“, Suhrkamp, 1020 Seiten, 36,-

Der Mauerbau stellt die DDR-Administration vor neue Aufgaben. Man befürchtet Interventionen von innen und von außen. Zugleich konstatiert man die Störung vieler Abläufe. Routinen enden im August 1961. Absprachen werden obsolet.

Wolff skizziert eine tiefgreifende Verunsicherung, den Abbruch „rechtlicher und sozialer Orientierungslinien“.

Der Autor deutet einen internen Widerwillen an, der von Gehorsamserschwernissen rührt. Das neue Ding lastet auf dem Amtsstubenalltag. Die Umsetzung „rhetorischer Vorgaben“ gestaltet sich grobkörnig.

Den „Transmissionsriemen staatlicher Macht“ fehlt Zug. Die tief im Muff sitzenden Organe des Staates garantieren den totalitären Betrieb im formalistischen Dauerfeuer nur unter bestimmten Voraussetzungen. „Schlagartige Kurskorrekturen“ infolge von Machtkämpfen verbesserten die Deckungsarbeit der Angestellten.

Wolff behauptet, dass die Partei erst im Zuge des Mauerbaus den Staat kaperte. Die Akteure „gingen zum lautlosen Terror über“ (Jürgen Fuchs).  

*

Führer im Mauerkampf heißen Erich Mielke, Karl Maron, Walter Borning, Erich Peter und Paul Verner. Unter ihnen ergibt sich eine „hohe Fluktuation mittelrangiger Kader“. Disziplinierungen folgen einander wellenförmig: „eine Dressur der Mauergesellschaft im Foucault’schen Sinne“.  

Gleich nach der französischen Revolution entdeckte man, dass Ansichten, die vorher den herausragenden, bei Hof zugelassenen Denker gemacht hatten, rasend volkstümlich geworden waren. Die Revolution habe den menschlichen Geist beschleunigt, meldet Karl August Varnhagen von Ense dem Freund Karl Georg Jacob. Ein anderer Autor reichte der Skepsis seine Feder: „Man treibt bei jedem Wetter Ideenkommerz, bläst sich auf und hat leichtes Spiel. Jeder Unfug vervielfältigt sich wie ein Blitz im Spiegelsaal.“

Gemurmelter Totalitarismus

Der Mauerbau erzeugt Dissonanzen in den Aufbaufächern Landwirtschaft, Konsum und Produktion. Das erschwert die Durchsetzungsprozesse in der Gesellschaft. Hinzu kommt eine unzuverlässige Praxis der Mündlichkeit. Wolff beschreibt die Etablierung der SED-Diktatur als einen „sozialhistorischen Prozess der Erfindung … von Normen, die … fast nie schriftlich zugänglich … waren“.

Auf den „unteren Verwaltungsebenen“ reimt man sich Direktiven zusammen und erschließt sie sich aus der Propaganda. Das setzt guten Willen voraus. Vorauseilender Gehorsam bleibt eine Tugend. 

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