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11.02.2020, Jamal Tuschick

„Poor Dogs“ - In dem neuen Roman von Ute Cohen werden Lebensentwürfe der neoliberalen Selbstoptimierung auf die Spitze getrieben, überzeichnet und in Champagner gebadet. Die Protagonist*innen kommen einer maschinenhaften Veräußerlichung entgegen. Sie arbeiten hart an ihrer Entfremdung.

Delinquente Arroganz oder Sex nach den Devisen der Gewinnmaximierung

Aus einem Briefwechsel mit Ute Cohen: „Lieber Herr Tuschick, soft ist nicht mein Genre und auch nicht der Tenor der Consultants. Rassismus, Sexismus, Moral sind Kategorien, die keinen Platz haben in der Denke Andrés und seiner Compagnons. Pc-Fassade und innerlich

rotten to the bones ...“

„Poor Dogs“ überzieht an allen Ecken und Enden, ohne dem Ernst in eine Persiflage zu entkommen. Ute Cohen kommentiert im Mainlabor. Ihre Kritik an einem im Fun*-Furor wie in der australischen Feuerhölle verglühenden Welt reißt Krater auf. 

*Fun ist ein Stahlbad. T.W. Adorno

Die Sieger des kalten Krieges haben sich weltweit von den kommunalen Strukturen in abgewirtschafteten Agglomerationen gelöst. Sie erscheinen wie Seiltänzer hoch über dem Bodensatz; ganz und gar unabhängig von öffentlichen Leistungen. Sie haben das Gated Community Prinzip ausgebaut bis zu dem Vollbild der Security Zone Communities. Sie bewegen sich auf ihren eigenen Strecken über dem globalen Niedergang und betrachten die Armut der Anderen mit kalter Gleichgültigkeit. Aus diesem Pool geradezu delinquenter Arroganz (be)zieht der transkontinental operierender Optimierer McCrowley seine Nachwuchshaie, the natural born killers of poor dogs. „Poor Dogs“ heißt der Roman von Ute Cohen. Der Titel stammt aus einer Portfoliomatrix. Er bezeichnet Protagonisten eines geringen, wenn nicht negativen Marktwachstums und benennt insofern das zu Verdrängende. Die Antagonisten der „Poor Dogs“ werden „Stars“ genannt. Sie repräsentieren potentes Wachstum. Cohen bietet ein paar Stars und Star-Debütantinnen auf. Der Leser hat die Wahl. Ich entscheide mich für Eva. Sie ist so sexy wie skrupellos. Sie liebt die Macht in all ihren Erscheinungsformen. Verliebt ist sie in André, einem französischen Burner, der zwar über Leichen geht, aber nie die Rosen vergisst, solange ihn die Erregung regiert. In abgekühlten Verhältnissen verlangt er den Verlobungsring zurück. Eine Verflossene hält sich so in seiner Erinnerung:

„Du kannst mir das nicht bieten. Selbst zum Vögeln müssen wir auf das Boot meiner Eltern gehen.“  

Ich finde, unter solchen Umständen zählt die „diaphane Zartheit“ einer Geliebten wenig, so gut sie sich auch anfühlen mag. André schwört auf die taktile Wahrnehmung, bekanntlich „ist alles eine Frage der Haut“ (Heiner Müller).

„Poor Dogs“ überzieht an allen Ecken und Enden, ohne dem Ernst in eine Persiflage zu entkommen. Während Eva in Russland die nächste Kohorte von zur unterwandernden Nachahmung westlicher Plutokratie-Moves befähigter Akteure auf Vordermann bringt, macht sich André Sorgen wegen einer zu geringen Sex-Rate. Dreimal pro Woche: das verlangt die Gesundheit. Das läuft unter Hygiene.   

André tritt auf als des „Vaters Rache und der Mutter Hoffnung“. Er ist mathematisch begabt und orientalisch beschlagen. Nach seinen Begriffen sind die Deutschen untertänig und die Franzosen katholisch genügsam.

Gewiss, so formuliert sich ein Charakter im Roman. André schwankt. Mal ist die Welt der reine Aberglaube, dann wieder eine reine Rechenaufgabe. Ihn zwingt der Aufsteigerehrgeiz, den Willen über die Tatsachen zu stellen.

André rockt die Realität nach seinen Begriffen, und begreift nicht, dass er sich außerhalb des Systems befinden müsste, um aus der Rolle eines Unterworfenen schlüpfen zu können.

Die Spieler*innen treffen sich in Hotels, hypen ihren Status, täuschen Geschäftstätigkeit vor, um Spesen zu rechtfertigen, und sind mit diesem Programm Lichtjahre von jedem Master of the Universe-Horizont entfernt.

Nach einer kurzen Kur der Ernüchterung lässt sich Eva wie eine Braut vergangener Tage unter die Haube bringen. Ihr Vater einigt sich mit André. Die Herabsetzung der Tochter nimmt ihre zukünftige Rolle vorweg. Cohen kombiniert das Arrangement mit der Öde, aus der André (nach einem unscharfen Herkunftsbegriff) kommt. Die Schilderung einer „seelenlosen Wüste … voller Schlangen“ weckt das Verständnis für die Gleichgültigkeit, mit der Evas Bräutigam die Konventionen ätzend nachahmt und manchmal auch nur blasiert nachäfft.

Die Wüste war gewiss niemals Andrés Schule des Begreifens. Trotzdem passiert viel an einer Stelle, wo eine Ungeheuerlichkeit aus Sand und Hitze die schlechten Manieren und Verachtungsspasmen des Helden leicht erklären könnte. Eher nebenbei erzählt Albert Camus von einem christlichen Missionar, der von seinen Bekehrungsabsichten in eine missliche Lage gebracht wurde. Die Herren des Salzes von Taghâza, die von der steinalten Erinnerung einer maritimen Lage ihrer Senke heimgesucht werden, leben seit Jahrhunderten mit der Erfahrung, dass so gut wie alles, was auf ihren glühenden Streifen getrieben wird, schnell und schaurig stirbt. Diese Beobachtung hat ihnen einen fürchterlichen Gottesbegriff eingegeben. Ihre Divination ist dämonisch. Man kann sich leicht vorstellen, was sie, die ihre Sklaven wie Ziegen halten, einem Mann anzutun sich gezwungen sahen, der so vermessen war, ihnen einen faden Gott anzubieten.  

Anders gesagt, André ist nicht einfach nur eine regressive Rumpfgestalt. Er macht Geschäfte mit der seelischen Grazie eines Auftragsmörders. Er hat die größere Gravitation im Vergleich mit Eva und dem Mann, der seine Tochter verscherbelt, um mittelalterlich seinen Frieden mit der Welt zu machen. Andrés Rassismus ist so turbulent wie ein Rummelplatz. Plötzlich bricht Exotik durch; Cohen erwähnt den Orient als Erfindung des Westens. Sie weiß, dass es für Sepharden kein goldenes Zeitalter unter Aufsicht gnädiger muslimischer Herrscher gegeben hat.  

Der Erscheinungstermin wurde vorgezogen

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