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11.02.2020, Jamal Tuschick

Nachdem gestern (im Zug einer fürsorglichen Intervention von Sabine Schaub) Robert Walser im Mainlabor gefeiert wurde, kann ich es mir nicht verbieten, noch einmal den Meister der kleinen Form ins Spiel zu bringen. 

„Nie beeindruckte mich die sentimentale Idee, man könnte mich für artistisch irregegangen halten. Schlankweg gebe ich zu, dass ich’s nicht übers Herz brachte, mir zu verbieten, bis zu gewissen Grenzen zu bummeln.“

„Ich werde bald viel schreiben, dass die (Hermann) Hesse u. Companie sich fürchten sollen. Dann sollen Zeitungen auf Sie herabregnen.“

Schönschriftlich - Eine Phantasie nach der Melodie von Robert Walsers Mikrogrammen

Ich stelle mir Robert Walser im Jetzt vor. Er kommt nach Berlin in einem Zustand zwischen Leichtsinn und Schwermut. Die Bürger ätzen ihn an, die Künstler aber auch. Walser schreibt für Zeitungen. Als gelernter Kopist beherrscht er Schreibstile. Er macht sich einen Spaß daraus, Tonfälle zu imitieren. Er zwitschert wie verrückt.

Walser produziert schönschriftlich Textsorten.   

Er rivalisiert mit Kollegen, bis sie ihn vollständig abgehängt haben. Immer bleibt er zurück, wenn auch nicht immer allein. Doch mit anderen Hängern will Walser nicht. Auf eine vertrackte Weise ist er eitel. Er spiegelt sich im Glanz seines Unvermögens.

Er schießt das öffentliche Desinteresse zurück wie einen Ball. Im unaufhaltsamen Rückzug verkleinert Walser alles, einschließlich seiner schönen Handschrift. Manche Beobachter*innen stellen diesen Prozess so hin, als würde sich Walser auflösen. Er selbst empfindet sich aber in der Abstoßung zunehmend bündiger.

Plötzlich lebt Walser seit zwanzig Jahren in Berlin

Walser legt Graphitspuren und schreibt über die Kanten. Er überschreibt Überschriebenes. Keiner kann ihm mehr folgen in diese Labyrinthe des Monomanischen; zumal Walsers Kryptologie ihre viralen Anschlüsse verliert.  
Manchmal übersetzt er eine Bleistiftkonfiguration, die sogenannten Mikrogramme, zurück in die Lesbarkeit.

Das Zürcher Robert Walser-Archiv publizierte im Jahr 2000 unter dem Titel „Aus dem Bleistiftgebiet“ die Gesamtausgabe der Mikrogramme.  

Die Mikrogramme haben Landschaftscharakter. Walser streift auch ständig schreibend im Gelände an der Nordöstlichen Stadtgrenze von Berlin herum. Er hat ein großes Publikum. Ein Querschnitt der Bevölkerung guckt Walser mit achtungsvollem Abstand dabei zu, wie er seiner Wege geht und alles Mögliche notiert. Spekulationen werden angestellt und als Untersuchungen veröffentlicht. Walser lässt das kalt.

„Mir schien unter anderem, ich vermöge mit dem Bleistift träumerischer, ruhiger, behaglicher, besinnlicher zu arbeiten, ich glaubte die beschriebene Arbeitsweise wachse sich für mich in einem eigentümlichen Glück aus.“

Walser bleibt arkadisch hochgestimmt. Er bedient sich bei der Pastourelle und dem Schäferstück.  

Aus einem Geheimschreiben der Aktivistin Merkantile Deppert:

„Wir vom Institut für martialischen Unfug haben es uns zur Aufgabe gemacht, Walser so selten wie möglich aus den Augen zu verlieren.“

…  

Der Gestank aus den Mülltonnen zieht in den zweiten Stock – Sommer in Pankow. Walser steht im Bad am Fenster, Parterre ist ein Kinderladen. Reste ausgewogener Ernährung gären in den Tonnen mit den chemischen Reaktionen von Convenience Food-Abfall um die Wette, zwei Erzieherinnen rauchen auf dem Hof. Beide stützen eine Elle mit der Hand. Sie reden über eine anstrengende Mutter. Der Rauch steigt auf. Walser bleibt unbemerkt auf seinem Logenplatz, manchmal feiert die Hausgemeinschaft auf dem Hof. Das Haus hat im Krieg einen Schlag gekriegt und steht seither so schandhaft schief da wie sein eigenes modernes Mahnmal. Das nächste Haus wurde in eine Lücke gesetzt und hat als Nachkriegsneubau ein Stockwerk mehr als die Gründerzeitigen. Die Frauen rücken auf einer niedrigen Mauer zusammen. Die Mauer hat ihre ursprüngliche Funktion verloren und dient nur der Bequemlichkeit. Die Frauen ziehen noch mehr Zigaretten aus einer Schachtel. Eine gibt der anderen Feuer. Sie verwahrt das Feuerzeug sofort wieder. Wahrscheinlich sind aus ihrem Leben schon viele kleine Sachen einfach verschwunden.

Die Mauer entstand in einem Gemeinschaftsdienst. Die Mitarbeiter*innen wohnen fast alle noch im Haus, wenn auch nur selten noch in den Verbindungen aus der Zeit des Mauerbaus.

Ein alter Mietvertrag ist Gold wert. Er verschleppt die Verdrängung. Die Frauen dehnen ihre Pause. Das hält Walser davon ab, in seinem Vormittag fahrplanmäßig fortzufahren.

Manchmal sind die Frauen einander so nah, dass ihre Brüste eine Viererkette bilden. Ihr Körpervokabular ist nahezu identisch. Es kann sich keine strecken, ohne die andere anzustecken. Immer wieder unterbrechen sie sich, um zu lachen. Ständig hat eine die Hand im Haar. Paula kommt aus dem dritten Stock mit einer alten Blechkanne auf den Hof, vor drei Jahren hat sie ihren Assistentinnenjob verloren. Ihre Bürokostüme trägt sie als Bedienung im Silberblick auf. Die berufliche Niederlage wirkte auf Paula wie ein Schlaganfall. Die Gesichtsfrustration sieht aus wie eine Lähmung. Dabei bemüht sich Paula um gute Laune. Sie quatscht die Erzieherinnen an, die sich gestört fühlen. Paula inspiziert summend ihr Obst- und Gemüsebeet. Sie schwankt und wankt und summt gestört. 

Eine Erzieherin ist neu, sie sagt: „Wenn mir etwas schwer fällt, denke ich mir ein anderes Ich dafür aus. Das muss dann da durch.“

Walser gefällt dieser Einfall so gut, dass er die Frau auf der Stelle heiraten möchte. Solche hirnrissigen Verknüpfungen sind auch neu. Walsers Favoritin wackelt mit den Zehen. Sommersprossen überziehen die Wiesen ihrer Arme. Die Wimpern sind fast weiß, die Augenpartie scheint entzündet.

Baulärm setzt ein. Eine Greisin zieht Flusen aus einem Besen und kämpft am Fenster mit den Flusen, die bei ihr bleiben wollen. Ärger schleicht sich in das Gespräch auf der Mauer. Nachbarschaftliche Klo- und Kindergeräusche untermalen den Ärger.

„Er erwartete noch etwas Besonderes, aber zum Schluss geht nichts Besonderes mehr.“

Die Feststellung verbirgt eine Frage. Kollegin nickt bloß, ist gerade nicht ihr Thema. Paula, die Blinde, bemerkt Walser erst jetzt und ruft ihn an. Die Frauen heben synchron die Köpfe, dann stehen sie abrupt und wie ertappt auf. Walser grüßt huldvoll, achselzuckend kehrt Paula ihm den Rücken zu. Sie redet einfach weiter. Man kennt sich schon so lang, vielleicht redet sie auch mit ihren Pflanzen. Walser wendet sich ab. Paulas Stimme folgt ihm in den Flur.

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