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14.02.2020, Jamal Tuschick

Zu den Finessen des Totalitären gehört die mutwillige Erzeugung von Delinquenz. Man erzwingt falsche Geständnisse und lässt den Gemarterten auf der Streckbank singen. Erst in der Presse weißer Folter zeigt die Begabung ihre Macht. In einer offenen Gesellschaft käme es nie zu dieser Klärung: ein Genie wie Ossip Mandelstam musst du krönen oder killen.

Tanzende Tataren

 

Den Film vergleicht er mit der Ilias nicht ohne Ironie. Den Schwall der Schöpfer nennt er eine Liebenswürdigkeit. Dem Werk nähert er sich vorgeblich ohne einen Tannenzweig der Tarnung. Der Film sei einfach nur „zusammengekleistert“.

Was aber sieht Ossip Mandelstam?

Er sieht tanzende Tataren und bedauert den klamott’esken Charakter und folkloristischen Aufwand des Lichtspiels

„Die Krim mit ihren Hammelfleischklößen und Minaretten …“

Als Mandelstam 1926 das Stück „Tatarische Cowboys“ verfasst, symbolisiert seine Existenz noch nicht den Samisdat in Spielarten des Martyriums. Noch ist er embedded. Die Regisseure zeigen sich ihm zugewandt. Man hat ein Gespräch. Die Rede ist von Widrigkeiten bei den Dreharbeiten.

Mandelstam verlacht die behauptete Mühe. Es ist so schwer nicht, sich vorzustellen, was für ein lachender König Mandelstam geblieben oder geworden wäre, hätte er sich nur den Pionieren in Palästina angeschlossen, um als israelischer Fürst von Golda Meir (beide wurde im 19. Jahrhundert geboren, zeitlich hätte das gepasst) zum Goethe geschlagen zu werden.

Stattdessen erlag er stalinistischen Sinnlosigkeiten in einem Gulag bei Wladiwostok. 

„Zauberhaft albern“ findet Mandelstam die „Phantasie der Autoren(filmer?)“. Er unterstellt ihnen Skandalisierungsübermut, während er das kleine Einmaleins des Sozialistischen Realismus herunterbetet. Man versteht dabei immer besser Heiner Müllers Einsicht, dass eine Diktatur der Literatur förderlich ist. Mandelstam wirft den Filmemachern vor, Verhältnisse auf der Krim exotisiert zu haben; er macht sich zum Herold der Parteilinie; sich in der Pose des nahtlos Eingegliederten wegduckend. Mandelstam rezensiert in Westernkategorien, nicht ohne den US-Kapitalismus zu kritisieren.

Das launige Feuilleton steckt voller Anzeigen der richtigen Haltung. Mandelstam schreibt, als stünde er vor einem Zensor stramm und dürfe seine unbequeme Lage nicht preisgeben. Unbekümmert und freimütig will der Rezensent erscheinen. Er fühlt sich umzingelt von „dickfälligem Pack“, aber das schreibt er nicht. Er tut so, als stünde es ihm frei, mit dem „Pack“ zu paktieren.

An anderer Stelle spekuliert Mandelstam auf „heimliche Adressaten“. Der Text wirkt manchmal wie eine Bewerbung. Phrasen verschleiern den Abstand zu Verlautbarungen im Rahmen offizieller Sprachregelungen. Lauter Listen erschleichen sich ihre Gewinne.

Der Dichter verbirgt/verbiegt sich ohne Hoffnung in seinen Lügnerlumpen über dem Anzug des Genies. Er weiß, dass es „in Zukunft … im frischen Wind der Feindschaft …  kein mitfühlendes Verständnis geben wird“.

„Das Bewusstsein der eigenen Rechtlichkeit ist uns wertvoller als alles andere in der Poesie.“

Ich ahne, dass sich diese Rechtlichkeit überhaupt nur auf dem Feld ihrer Anfechtung herstellen lässt.

„Bisons auf den Prärien der Krim“

Mandelstam zieht seine Register. Er dehnt sich auf einem Parcours ohne Herausforderungen. Er unterläuft ohne Zwang wie zur Übung. Er vermeidet jedes Risiko, indem er sich in die Brust wirft und dem Film wie irgendein freier Mensch zur Belustigung des Publikums mit abwinkenden Bemerkungen jede Bedeutung nimmt.

Die Darstellung der Tataren nennt er „steril“. Steril ist Mandelstam vermutlich längst selbst vor Angst.

Zu den Finessen des Totalitären gehört die mutwillige Erzeugung von Delinquenz. Man erzwingt falsche Geständnisse und lässt den Gemarterten auf der Streckbank singen. Erst in der Presse weißer Folter zeigt die Begabung ihre Macht. In einer offenen Gesellschaft käme es nie zu dieser Klärung: ein Genie wie Ossip Mandelstam musst du krönen oder killen.

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