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17.02.2020, Jamal Tuschick

Das sephardische Patriarchat wird über Eva kommen und die Gesamtschule in ihrem Kopf in die Luft sprengen. - Weiter im Gespräch zwischen Ute Cohen und Jamal Tuschick über Cohens zweiten Roman "Poor Dogs".

Die Gesamtschule im Kopf

Das ist unglaublich gut erfasst, lieber Herr Tuschick! Es freut mich riesig, dass Sie all die Elemente herauskristallisieren, die POOR DOGS ausmachen. Gibt es eine Frage für mich? Herzlich Ute Cohen

Liebe Frau Cohen,

ich freue mich schon auf eine Fortsetzung meiner Beschäftigung mit „Poor Dogs“ noch vor High Noon. Der Titel ist großartig. Die Energie ist gut, wie mein vietnamesischer Meister zu sagen pflegt, der einst sein Boatpeople-Schicksal kichernd wie ein Backfisch über sich ergehen ließ. Da ist diese anziehende Mischung aus Fatalismus und Lebensfreude, über die wir unbedingt noch reden müssen. Meines Erachtens sind viele Punkte des zwangsläufigen Scheiterns gut herausgearbeitet. Sie gehen aber zu weit, liebe Frau Cohen, wenn sie behaupten, es gäbe nicht mehr Anschlüsse als in ihrem Lageplan verzeichnet sind. Man kann sehr wohl intelligenter zynisch und sowieso intelligenter agieren als André. Mir erscheint seine Misogynie nicht ernsthaft, so wenig wie seine anderen Ressentiments. Das ist doch die Attitüde eines Heranwachsenden, der mit starken Worten experimentiert. André liegt an der Leine seiner Mutter. Er ist der zum Gehorsam entschlossene, mustergültig versagende Sohn, der seine quengelnde Mutter ohnehin nicht zufrieden stellen kann. Und Eva ist noch nicht mal auf hohem Niveau verwahrlost. Das Schlechte ist wunderbar verteilt zwischen den beiden. Bin auf dem Weg nach Prag und in Eile. Mit bestem Gruß Jamal Tuschick 

Aus der Ankündigung

Poor Dogs ist ein schwarzer, eleganter, überraschend sinnlicher Psychothriller aus der Welt der Unternehmensberatung, vollgesogen mit Realität. Mondän, cool, weltläufig, lakonisch und böse. Gleichzeitig ganz kalt und heiß erzählt. Alles unterliegt der Kosten-Nutzen-Rechnung, das ganze Leben wird zum Business, mit Portfolio-Techniken im Griff gehalten. Zitat: »Sex war auch nichts anderes als Körperpflege mit einem mal mehr, mal weniger brauchbaren Mittel.« Oder: »Drei Frauen, drei Funktionen, drei Wege zum Erfolg.« 

Ute Cohen (geb. 1966) studierte Linguistik und Geschichte in Erlangen und Florenz. Berufliche Stationen in amerikanischen Unternehmensberatungen in Düsseldorf und Frankfurt und einer internationalen Organisation in Paris folgten. Freiberuflich konzentrierte sie sich ab 2003 auf Konzeptentwicklung, Kundenkommunikation und Journalismus. Bei Septime erschienen bisher die Romane „Satans Spielfeld“ und „Poor Dogs“.

Am 03.01.2020 um 10:06 schrieb Jamal Tuschick: So geht es weiter: Evas Fiasko und McCrowleys Osterweiterung

Ich setze an einer anderen Stelle an. Zynismus ist auch eine Versicherung gegen bestimmte Erwartungen. Man wird zwar genauso überrascht wie der Naive, aber der Gegner rechnet nicht damit. Das heißt, er kassiert den Punkt nicht. Das weiß sogar André noch nicht, als Eva von allem zurücktritt, wofür sie lächerlich kurz auf dem Feld der Globalisierungsgewinnmaximierung geradestehen wollte. Sie heiratet aus Verzweiflung und wie auf der Flucht, kurz nach einem Fiasko, dem ich mich jetzt zuwende.

Eva scheiterte in Russland bei dem Versuch, Superrädchen im Getriebe einer Expansion zu sein, die als McCrowleys Osterweiterung historisch werden soll. Evas im Akut des Geschehens bereits ehemaliger Arbeitgeber, eine Unternehmensberatungsgesellschaft mit internationalem Instanzcharakter, kopiert einen politischen Schachzug der deutschen Sozialdemokratie unter Willy Brandt und Karl Schiller. Mit der Festschreibung der Oder-Neiße-Grenze (als einer Garantie Polens) schuf der „Vaterlandsverräter“ Brandt Voraussetzungen dafür, dass der Westen wieder einmal vor Moskau steht; nur diesmal, ohne zu frieren.

Brandts „Annäherung durch Wandel“ auf dem Sockel von Karl Schillers verführerisch-falscher Konvergenztheorie („Verführung ist die wahre Gewalt“ Friedrich Schiller) eroberte den Ostblock mit Schmeichelei.

Doch stieß Eva sich an einem anderen Ostblock. Brandts Gegenspieler Breschnew war eine notorische Fin de Siècle-Gestalt, wie sie in Russland alle hundert Jahre als Gegenfigur zu einem Zar Peter der Putin aufgeboten wird.

Russland ist das geopolitische Irrlicht der Welt. Das Land könnte manchmal allen heimleuchten, aber dann passiert wieder nichts. Dann hat der Koloss die Kampfeffizienz eines Gartenzwergs.

Breschnew spielte auf Zeit und hoffte auf ein Wunder. Brandt wollte die Friedensfrist für Deutschland verlängern. Eva trifft als McCrowleys Agentin andere Akteure. Das sind Mimikry-Virtuosen, die mit spiegelnden/blendenden und verätzenden Imitationen des verachteten Westens vorderhand zivil Ziele verfolgen, die zu Breschnews Zeiten nur sichtbar militärisch erreicht werden konnten. Diese Spieler*innen übertreffen den Absorptionsartisten André mit aushöhlenden Nachahmungen, die dazu führen, dass sich die angreifenden Gegenspieler*innen selbst de-stabilisieren. Da der alte McCrowley über Brandts taktile Interventionen (Schmeichelpolitik) nicht hinausdenken kann, kapiert er nicht, dass sein System selbst der Fehler ist. Er degradiert Eva, um sich ein paar Champagnerlängen falsche Sicherheit zu verschaffen.

Eva versteht, dass auf der Führungsplattform die Klugheit von zehn Meter Feldweg vorherrscht. Sie hat keine Chance. Deshalb greift sie zu André wie zu einem Notanker. André durchschaut das Manöver und verspricht sich Rache an der eigenen Ehefrau, die sich herausnimmt, in ihm eine Second-best-Variante zu ihrer gefloppten Karriere zu sehen. Dazu wurde André nicht auf die seit Jahrhunderten zum Zerreißen gespannte Generationenschnur gezogen: dass er so einer bayrisch-bauernschlau, halbwegs feindgliedrigen Person das Ruhekissen bestickt. Das sephardische Patriarchat wird über Eva kommen und die Gesamtschule in ihrem Kopf in die Luft sprengen.

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