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17.02.2020, Jamal Tuschick

Walter Benjamin entzieht sich alltäglichen Verpflichtungen. Er isoliert sich in den Hanglagen seiner hermeneutischen Hausberge und tritt in der Maske des Kritikers als Dichter auf. Schließlich reist er ab, um sich auf Capri in seiner Gelehrtenrolle zu rehabilitieren. Benjamin will nicht zum Strolch von Academia werden. --- Er begegnet Asja Lācis. Gershom Scholem gegenüber charakterisiert er sie als „bolschewistische Lettin aus Riga, die am Theater spielt“. Lācis berichtet von Kriegswaisen „mit schwarzen, monatelang nicht gewaschenen Gesichtern“. Sie widersetzten sich ihrer Kasernierung im Wohlfahrtsstil. Entweder ließen sie sich erst gar nicht festnehmen oder sie ließen sich nicht festhalten. Aus dieser Dynamik entstand ein „proletarisches Kindertheater“. Benjamin lädt sich mit Lācis‘ Energie auf. Er erweitert seinen Horizont mit ihrem. Er übersetzt ihre Kriegserfahrungen in theatralischen Schick. „Er fragte mich über die Oktoberrevolution und die sowjetischen Theater aus. Er erzählte von seinem Inszenierungsplan … Ich meinte, man müsse alle Soldaten weiß schminken, und sie müssten unter Kriegstrommeln mechanisch marschieren wie Marionetten.“ So sah dann auch das Theater der Weimarer Republik aus.

Erotischer Floh im Gelehrtenohr

Dora ist Chefredakteurin eines Periodikums, das „in erster Linie Mode, Kindererziehung und Kochrezepte“ verbreitet, schick fotografiert von Sasha Stone, der auch das Cover für Walters „Einbahnstraße“ gestaltet.

Er kommt ungelegen und muss sich abfertigen lassen, nach einem Abend im baltisch-proletarischen Theaterstil.

Walter Benjamin wird Zeuge einer „ziemlich ruppigen Angelegenheit“.

Die Vorstellung dreht den Zaungast durch einen Wolf der Direktheit. Ein halbes Dutzend Fehlentscheidungen haben Benjamin auf einen falschen Dampfer gesetzt. Ein Mann, der für Aplomb nicht gemacht ist, wollte die furios-kommunistische Aktivistin und Schauspielerin Asja Lācis (1891-1979) in Riga mit Plötzlichkeit beeindrucken, um dann doch nur umgehend heimgeschickt zu werden.

„Es gab wohl auch keinen Sex“, vermutet Eva Weissweiler in ihrer „Biografie einer Beziehung“. Lācis ist in der Konstellation, die Weissweiler untersucht, ein Trabant in seiner Umlaufbahn um ein deutlich massereicheres Objekt: dem Dora und Walter Benjamin-Planeten.

Eva Weissweiler, Das Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung, Hoffmann und Campe, 364 Seiten, 24,-

Natürliche Satelliten bezeichnet die Astronomie als Monde. Lācis im Verhältnis zu Benjamin als lunare Erscheinung zu deuten, verfehlt gewiss nicht die Wirkung, die von der Lettin ausgeht. Sie beherrscht den verriegelten, aus eigener Kraft nur gedanklich über die Ufer tretenden Gelehrten. Auf Capri hat sie Benjamin einen erotischen Floh ins Ohr gesetzt.

Ein Begegnung 1924 auf Capri war der Anfang einer Freundschaft zwischen dem „letzten Intellektuellen“ und der stets Regie führenden Agitatorin. Benjamin lässt sich wie ein Novize von Lācis in die Geheimnisse der Radikalität einweihen. Er erkennt, dass ihn die Revolutionäre, sobald sie an der Macht sind, an die Wand stellen werden. Das sind ungefähr seine Worte, ich finde die Stelle nicht mehr, wo sich Benjamin seine uferlose Nicht-Dazugehörigkeit melancholisch auf der Zunge zergehen lässt.

Lācis prägt Benjamin. Sie gibt ihm die Notwendigkeit einer Haltung ein. Sie legt ihm nah, was ihm von Haus aus fern liegt: Nützlichkeitserwägungen. Benjamins Kommunismus ist eine einzige Flucht. Er entzieht sich seinen Lieben so wie allen und allem. Er sucht Streit mit Gershom Scholem, der schon weiß, wo der Hammer hängt und die Reise hingeht. Dazu bald mehr. Jetzt nur kurz noch zu Lācis. Sie macht Benjamin mit Brecht bekannt. Sie kollaboriert mit dem versprengten Einzelich in Neapel. Das alles liegt in der Zukunft, als

Benjamin frustriert nach Berlin zurückkehrt, wo ihn eine aufgeräumte, herrlich tolerante Familie mit Puppenspiel und Märchenmarathon erwartet.

Er „restauriert sich bei bürgerlich-eingezogener Lebensweise.“

Benjamin konkurriert mit seinem Sohn Stefan um die Hauptrolle des umsorgten Kindes, während sein Bruder Georg als Schularzt im Wedding vorbildlich auf eigenen Füßen steht.

Georg engagiert sich im Verein sozialistischer Ärzte. Bei seiner Hochzeit mit Hilde Lange tritt Walter als Trauzeuge auf. Doch bald eist sich der unstete Bruder wieder los und sucht erst in Pariser „Kutscherkneipen“ die Gesellschaft russischer Emigranten und dann in Moskau den Anschluss an die gigantische soziale Umwälzpumpe UdSSR.

Schreibt Benjamin vom Tauwetter, ist das keine Metapher. Er findet verklärende Vergleiche im Väterchen Frost-Kitsch; die Bodenhaftung ist nicht so gut.

Biografin Eva Weissweiler bleibt an Walter hängen, das historisch Bemerkenswerte liegt bei ihm. An Dora klebt die praktische Alltagsbewältigung mit einkommensbasierter Berufstätigkeit anstelle des libidinösen Rauschschreibens. Man spürt, wie Weissweiler vor dem zurückschreckt, was ihr als Chronistin zu melden obliegt:

Dora ist Chefredakteurin eines Periodikums, das „in erster Linie Mode, Kindererziehung und Kochrezepte“ verbreitet, schick fotografiert von Sasha Stone, der auch das Cover für Walters Einbahnstraße gestaltet.