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18.02.2020, Jamal Tuschick

Liebe Frau Cohen, ich hoffe, wir bleiben im Beat. Ich setze unser Gespräch nach und nach auf den Blog. Sollte daraus ein Gespräch über die 1980er Jahre werden, fände ...

Nicht genug Ehekoks

Ausschweifend vertrete ich den feministischen Standpunkt. Ute Cohen hält dagegen, obwohl sie gewiss auch dafür ist:

Lieber Herr Tuschick,

wie heißt es so schön in Miltons „Paradise Lost“? „All is not lost; the unconquerable Will, And study of revenge, immortal hate, And courage never to submit or yield“. Erschafft der Feminismus das Paradies? Wäre Eva (die weibliche Hauptperson in Ute Cohens Roman "Poor Dogs") ein Gewinn für den Feminismus? Feminismus spielt für Eva keine Rolle. Sie ist getrieben von einem Ehrgeiz, der Geschlechterdifferenzen außer Kraft setzt. Männlich, weiblich – who cares? Was zählt, ist, die eigene Vision des Lebens und der Welt umzusetzen. Dazu gehört Geld, dazu gehört Status, aber auch – bedingt durch den einst kommunistischen Vater – die Utopie einer gleichberechtigten, im Wohlstand lebenden Menschheit. Will sie das System mit seinen eigenen Waffen schlagen? In einer neoliberalen Firma das Know-how erwerben, um einen in Russland wurzelnden Traum zu verwirklichen? Who knows? Eines ist gewiss: Die Conditio femina ist ihr Schwachpunkt, ihr Sündenfall, ihre Crux und ihr Untergang. Eva weiß um die Wirkung ihrer weiblichen Attribute und ihrer Sexualität. Gepaart mit Business-Biss ist das eine fatale Mischung, die ihre Wirkung jedoch mit der Mutterschaft verliert. Eva verändert sich, der Körper erschlafft, der Kampfgeist ist gebannt, wird substituiert durch Nähren, Geben, Opfern. André gebärdet sich als Jäger und Sammler, strebt hinaus, während Eva nicht mehr kämpfen darf und kann. Sie verändert sich, ist geschwächt. Dies wiederum bringt ihr die Verachtung Andrés ein, für den nur Erfolg zählt. In seinem Blick mutiert sie zur Loserin; Hilflosigkeit aber ruft Täter auf den Plan. Feminismus? Wo sind sie die Frauen, die Eva ein Paradies bieten könnten? Sie hat das Tal der Ahnungslosen durchschritten, kennt das übermächtige Gift, das der Neoliberalismus versprüht. Der verbotenen Frucht, mag kaum eine zu widerstehen. Schenk ihr das Paradies, einen Traumjob, ein Lala-Tralala-Berlin-Seidentuch, einen Vers von Rimbaud-André, und schon steht sie oben auf dem Balkon des Negresco und ruft: „Luxus? Das ist doch alles relativ!“. So gesehen, so gehört von Frauen, die ihr Public Image auf weiblicher Solidarität und Opferrollen aufbauen. Hinter den Kulissen aber wird gedealt mit Versatzstücken einer Weiblichkeit, die – ja, was nun? – ein Fliegenschiss der Geschichte sein sollten. Feminismus? Paradiesisch korrumpiert. Die Unanfechtbaren aber würden sich weigern, Eva zu erretten. Sie ist die Klassenfeindin, das Luxusweibchen, die Verräterin des Feminismus. Ja, Eva ist verloren für einen Feminismus, der ein very limited Public Image zur Schau stellt, an der eigenen Begrenztheit und Unfähigkeit, mittelständisches Klassendenken zu überschreiten, scheitert. Dabei ist sie es doch, die von unten nach oben gelangte, die ihre Fesseln, proletarische und patriarchalische, abstreifte. Wie aber soll sie gerettet werden von einer saturierten Semi-Bourgeoisie, die vom Aktienpaket der Eltern und den Eigentumswohnungen im Süden zehren wird? Brutal? Gemein? Fies? C’est la vie. Jedem und jeder würde ich ein Visum ausstellen für das Land, in dem Entmündigte sich selbst befreien! Die Schotten dicht aber machen diejenigen, die lauthals „Feminismus“ schreien. POOR DOGS ist ein Abgesang auf den Feminismus. Am Schluss stehen ein paar Waise, Verse, auf die wir uns keinen Reim machen können. Einen Chor müssen wir gemeinsam – grenzüberschreitend – gründen, um einen neuen Aufgesang weiblicher Solidarität anzustimmen! Wille und Mut! All is not lost.    

Ich nehme den Faden an einer anderen Stelle auf.

Am 02.01.2020 um 19:12 schrieb Jamal Tuschick:

Ich stimme Ihnen zu, liebe Frau Cohen. Die Volte verkörperte für mich Vivienne Westwood, die sich dann artig von der Königin ehren ließ und heute, glaube ich, eine Ikone des Post-Punk-Wertkonservatismus ist. Ich will nicht zu weit gehen. Die Achtziger waren das Jahrzehnt, dessen Puls ich spüren konnte, obwohl ich ständig vor den Großformen dieser Gegenwart davongelaufen bin. Zu meinen Freunden rechnete ich eine Mathematikerin und einen Broker. Wir spekulierten und machten Geld, aber irgendwas hat mich davon abgehalten, auf dieser Schiene weiterzufahren. Ich bin lieber abgebrannt zu meiner Oma gefahren und haben sechs Wochen auf Kuhwiesen Selbstgespräche geführt. Interessant daran bleibt, dass das so oder so keine moralischen Entscheidungen waren, sondern ästhetische. Ich wollte im Frankfurter Hof interviewt werden, so wie Heiner Müller von Andre Müller. Dieses Interview hat mich ernährt.

Ich dachte, man verliert alles, wenn man aufhört zu träumen. Entspannt saß ich neben den Geldverrückten und fühlte mich sehr okay. Ich habe gestern einen Satz im Fernsehen gehört, der mir schmeckt:

„Ein Künstler ist einer, der gelernt hat, sich selbst zu vertrauen.“

Ich fand die Aktienrallye witzlos. Dass sie auch unmoralisch war, bedachte ich wenig, obwohl ich kein Geld mit Rüstungsaktien verdienen wollte.

Mein Freund stand auf dem Standpunkt: Entweder machst du alles oder du lässt alles. Da gefiel mir dann wieder die Attitüde. So wie beim CNN-Peter (Arnett), der sich im ersten Golfkrieg in Bagdad einquartierte und sich nach den ersten Luftschlägen über den ausgefallenen Zimmerservice beschwerte.

Dazu fehlt André* eine Menge. Er ist zu selbstbezogen. Andererseits weiß er, dass er das, was er macht, nicht gebremst machen kann. Soweit erst einmal. Ich hoffe, wir bleiben im Beat. Ich setze unser Gespräch nach und nach auf den Blog. Sollte daraus ein Gespräch über die 1980er Jahre werden, fände ich das angemessen.

*André ist der Held in Ute Cohens zweitem Roman „Poor Dogs“. Er tritt auf als des „Vaters Rache und der Mutter Hoffnung“. Er steckt voller Vorurteile und träumt von unerhörtem Reichtum. André schwankt. Mal ist die Welt der reine Aberglaube, dann wieder eine reine Rechenaufgabe. Ihn zwingt der Aufsteigerehrgeiz, den Willen über die Tatsachen zu stellen.

Tatsächlich ist André naiv. Er überschätzt seine Individualität, die Eigenständigkeit seines Denkens und die Bedeutung seines Schwanzes. Er betet sich selbst so inbrünstig an, dass keine seiner Geliebten eine Chance hat, ihm zu genügen.

Das ist trostlos.

André verbreitet die Trostlosigkeit eines Armleuchters, der sich für einen königlichen Kronleuchter hält. Er erliegt den Einflüsterungen einer manipulativen Mutter. Er erwartet von einer Frau, dass sie sich seiner bemächtigt. Schließlich heiratet er Eva, die mit André vorlieb nimmt, nachdem ihre Karriereträume geplatzt sind. Für die meisten wäre Eva vereinnahmend genug, aber der grundsätzlich überdosierende André braucht mehr, sagen wir mal, er braucht mehr Ehekoks als Eva generiert.