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20.02.2020, Jamal Tuschick

Ein Roman zu #FridaysforFuture und für #Klimagerechtigkeit im #Boomerbeat. Heute unter Berücksichtigung der Erkenntnisse von #NaomiKlein #BillMcKibben #SteffenMau.

No Border heißt auf neoliberalistisch grenzenloses Wachstum und Global Warming bedeutet Zugang zu lange vom Eis okkupierten Ressourcen. Weiter aus einer neuen Serie mit dem Arbeitstitel Alpha-A. Mitarbeit Daniela Waldau.

Alpha-A

Ernestine liebt „The Bonfire of the Vanities“. Sie hat sogar den Roman gelesen, der dem Film die Vorlage liefert. Sonst liest sie wenig. Trotzdem weiß Ernestine zwanzig Jahre vor den meisten, was globale Erwärmung bedeutet. Sie weiß eine Menge mehr. Sie kennt sogar die Voraussage, dass 2020 Climate Justice Warrior mit einer One-World-Agenda die Schlagzeilen beherrschen werden. So jung sie ist, so ist Ernestine doch schon eine Renegatin. Mit neunzehn war sie die mitarbeitende Geliebte des Journalisten Sebastian „Buffalo“ Dunkin, einem Parteigänger von Bill McKibben, dem schärfsten Kritiker plutokratischer Exzesse in den Vereinigten Staaten. Also war Ernestine schon mit neunzehn klar, dass alte weiße Männer mit Macht im wachsenden Schadstoffausstoß ihr Heil suchen werden, solange „fossile Brennstoffe die lukrativste Substanz der Welt“ (Bill McKibben) sind. Die globale Erwärmung verlängert die Spannen der Exploitation unter arktischen Bedingungen. Die Tycoons unter den Umweltsäuen denken den Klimawandel vom anderen Ende. In ihrer Regie werden Bohrinseln gebaut und in Stellung gebracht, die sich dem steigenden Meeresspiegel gewachsen zeigen sollen.

Doch bald nach den Belehrungen schlug sich Ernestine auf die Schurkenseite und stieg wie mit einem Expresslift auf. In der Gegenwart des Geschehens überschreitet sie ihren Zenit. Obwohl sie zeitnah begreift, was geschehen ist, treibt sie in sich Hoffnungen auf, die sie bei anderen verlachen würde.

Eingebetteter Medieninhalt

Ihre Überlegungen stellen sie auf der Höhe so großer Überlegenheit an, dass ihnen jedes Ergebnis, dass nicht alles bringt, falsch erscheint. Sie verachten Ansichten, die Launen entspringen; so sicher sind sie, dass sich Erfolg errechnen lässt.

Sie checken ein. Ich sehe sie im Foyer, eingefasst von poliertem Marmor. Sie sind heiß. Solange sie die Erregung dirigiert, wachsen sie über sich hinaus; und zwar so sehr, dass sie die üblichen Fehler nicht machen. Alpha-A vermeidet es, sich nackt bis auf die Socken zu zeigen. Eliška oder Ernestine, je nachdem, wer am Start ist, achten auf dieses und jenes. Für die Debütantinnen gleicht das Leben im Augenblick einem Parcours ständiger Bewährung. Ob kapitalistisch oder sozialistisch (Eliška) sozialisiert, der Wunsch Greiferin zu sein und nicht Beute lässt die Konkurrentinnen zur Höchstform auflaufen, während Alpha-A die Energien der für seinen Nachwuchs geeigneten Frauen absorbiert.

Absorption ist ein Schlüsselbegriff in der Raumordnung von Alpha-A.

Die Frauen müssen Absorption als Methode zur reibungsarmen Ausschaltung von Rival*innen erst noch lernen. Je nachdem wie zufrieden Alpha-A mit sich ist, bewertet er die Naivität seiner Frauen mehr oder weniger ungnädig.

Seine Intelligenz kann nur eine Mitgift aufwiegen, in der altes Geld mit neuen Ideen koinzidiert; die Schönheit der Braut wird vorausgesetzt.

Der Heimflug verläuft noch programmgemäß, aber in der selbstgesprächigen Nachbesprechung (in einer geräumigen Nasszelle für zweitausend Euro pro Monat) setzt sich ein Zweifel durch und übernimmt die Regie.

Verlustängste lassen Eliška/Ernestine (jede in einer anderen Zelle/Stadt/Zeitzone) schrumpfen. Ja, schrumpfen. Ja, Verlustängste. Als seien sie Typen von der Stange, Dummies im Dutzend billiger, „Fabrikware der Natur, wie sie solche täglich zu Tausenden hervorbringt“ (Arthur Schopenhauer) oder, noch kloakiger: ökonomische Globalisierungsverliererinnen

No Border heißt auf neoliberalistisch grenzenloses Wachstum, und Global Warming bedeutet Zugang zu lange vom Eis okkupierten Ressourcen.

In diesem Mobile vibriert Alpha-A über den an einem Bügel schwingenden Frauen. Ganz ausgeschlafene Zeitgenoss*innen bezeichnen das Missverhältnis in der Aushandlungskonstellation als affektiv-ontologische Spaltung. Einer erfährt automatisch Resonanz, die anderen bemühen sich vergeblich um Anerkennung.

Zweifellos vertritt Alpha-A die reine Lehre (Leere). Er ist der Orthodoxe, dem es gefällt als Häretiker angesprochen zu werden; so wie er auch keine Anstalten macht, das Gerücht aus der Welt zu schaffen, er lebe drogenfrei.

Sollen sie ihn doch für drogenfrei halten. Sollen sie ihn doch für zu klug für Vorurteile halten. Sie, die keine Ahnung haben, wozu Vorurteile gut sind.

Das Ressentiment ist nach der Absorption der zweite Schlüsselbegriff. Die Behauptungen können gar nicht dumm genug sein. Stößt sich jemand daran, dann hat er den Witz nicht verstanden.

Scham macht einsam. Wut stellt jederzeit ein kompaktes Wir auf die Beine.

Eines Tages schleicht Ernestine abgeschlagen ins Büro und findet ihren Schreibtisch abgeräumt. Sie darf nicht nur, sie muss sogar ihre bezahlte Arbeitslosigkeit zur Schau stellen.

Von dieser Erniedrigung wird sie sich nicht mehr erholen.

Wenn dich keiner will, was machst du dann mit deinen performativen Kompetenzen? Performst du vor Deklassierten? Das kannst du deinen Eltern nicht antun. Sie haben in dich investiert. (Du weißt noch nicht, dass du bald bei ihnen einziehen wirst.)

Ernestine imaginiert Zugehörigkeit, momentan nur im Verein mit sich selbst. Vergeblich versucht sie Alpha-A zu erreichen.

Alpha-A prüft die Versprechen von Eliška. Die Slowakin punktet mit strahlender Mitleidlosigkeit sich selbst gegenüber. Sie hat ein funktionselitäres Ego. In den Plattenbausiedlungen des Ostblocks fehlte die statusmäßige Segregation im „Schlüsselgut Wohnraum“ (Steffen Mau). Wäre sie einfältiger, würde sie es riskieren, Alpha-A mit dem wichtigsten Bauklotz ihrer Kindheit zu langweilen. Die Betonmonotonie erteilte auch der feudal-bourgeoisen Vorkriegsarchitektur eine ideologische Abfuhr. Das Halbhochhaus erschien wie ein Leuchtturm im Kleinbürgerparadies. Die Nomenklatura sah in der Platte ein Ideal verwirklicht, ungeachtet des inkorporierten, überall seine Fäden webenden Mangels. 

Heute sind die Neuen Sozialen Bewegungen Global Player. Sie haben die Macht, Regierungen einzuschränken. Konzerne zwingen sie zu Desinformationskampagnen und Camouflage-Strategien. Stichworte: Siemens/Greenwashing. Aktivistinnen wie Naomi Klein verweigern sich grundsätzlich einer überkommenen Aushandlungspraxis. Sie gehen auf Konfrontationskurs. In ihrem Klimagerechtigkeitstraktat „Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann“ beschreibt Klein das Kleinklein der Auseinandersetzungen zwischen David und den Multis. Sie erzählt von ölverpestetem Marschland, frustrierten Shrimps-Fischern, gebrochenen Versprechen und verhallenden Drohungen. 2012 fuhr sie in einem Flachboot zum Sund von Plaquemines Parish im Bundesstaat Louisiana. Ein Ölteppich auf dem Golf von Mexiko zerstörte gerade die Lebensgrundlagen an der Küste.

Naomi Klein (c) Hoffmann und Campe

Die Platte prägte

Der Direktor wohnte auf einer Etage mit dem Pförtner same same but different. Der Pförtner nahm die Tram zum VEB, den Direktor holte ein Chauffeur im „dunkelblauen Wolga“ ab.

Aber sonst.

Aber sonst waren alle gleich.

„Unsere Nachbarn im Hochhaus waren Diplomingenieurinnen, Bäcker, Stahlschiffbauer, Lehrerinnen, Straßenbahnschaffner, Opernsänger, Lehrerinnen, Sprachwissenschaftlerinnen, Seemänner, Sparkassenangestellte, Bauzeichnerinnen, NVA-Offiziere.“ (Steffen Mau)

Die sozial diversen Hausgemeinschaften wirkten sich „als erweiterte Sozialisationsagenturen“ aus. Es gab Blockwärterinnen, Hausbücher, „in die sich … Gäste eintragen mussten“ und Stuhlkreise in fensterlosen bunkerartigen „Trockenräumen“. Die staatlichen Vorstellungen von Familienleben auf der Grundlage „sozialistischer Tatkraft“ wurden – zumindest in der retrospektiven, stark erzählenden Perspektive – modellhaft exekutiert. Ziel war es, die Macht der „Herkunftskontexte“ zu schwächen. „Von dieser Sozialökologie des Wohnens versprach man sich (nicht weniger als) einen Persönlichkeitswandel.“

*

Dem obsoleten Diskurs liefert Eliška slowakische Szenen. Ich gleite mit ihr in die Introspektion. Alpha-A würde sich dafür nicht hergeben. Lange konnte Eliška gar nicht über das Haus ihrer Gemeinschaft hinausdenken. Man war sich auf allen Etagen einig: das Band der Freundschaft, das die Nachbarstöchter zusammenhielt, stammte aus der Manufaktur Gottes. Der höchste Wille offenbarte sich in einer Keimzelle sozialistischer Solidarität. Im Zentrum der Erhebung stand ein Gebäude im Fin de Siècle der Tschechoslowakei. In einer topografischen Weitung und geografischen Präzisierung bot sich eine verrußte Industriestadt als Schauplatz an. Alle Eltern waren arriviert in einer Umgebung, die im Westen als Refugium für Einkommensschwache gehandelt worden wäre. Eliškas Vater ist noch bei Tesla beschäftigt.

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