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21.02.2020, Jamal Tuschick

Ror Wolf - Ein Nachruf von Eckart Britsch

Ich glaube nicht an den Tod

Bei Suhrkamp erscheint sein erster Roman "Fortsetzung des Berichts", der mit der Schublade "Nouveau Roman" von der Kritik geadelt wird. Der Begriff stammt von Émile Henriot. Ohne Manifest, Programm oder einer eigenen Zeitung bezeichnet "Nouveau Roman" den Punkt, an dem alte Erzählweisen die Wirklichkeit des aujourd‘hui nicht mehr darstellen kann. Für Roland Barthes ist es die "écriture moderne". Identität ist nicht real, sondern fiktiv.

Ror Wolfs Produktionen trifft man auf Einzelgänger, die auf erfundenen Wegen ins Groteske galoppieren, Stoiker, die sich an den Fallstricken des Banalen erhängen und Nonkonformisten auf der Suche nach Regeln, um sie dann spielerisch zu überschreiten. Er folgt dem Alles-oder-nichts-Prinzip ein Prinzip, bei dem ein System aufgrund eines beliebig variierbaren Eingangswertes einen vordefinierten Zustand entweder vollständig (alles) oder gar nicht (nichts) zurückgibt. So sind beispielsweise reale Ortsnahmen nicht durch Straßen verbunden, sondern durch "Grammatik".

Alles wird versucht, um dem Leser seine Gewissheit zu rauben. Am Ende an allem zweifeln, in dem sich aber die "schöne, bizarre, bisweilen schreckliche Unordnung der Dinge, Ereignisse und Figuren festsetzt, den die Lektüre belichtet und die Erinnerung, die sich dann immer neu entwickelt". Am Schluss herrscht große Freude. Der Run durch die komplexe Wirklichkeit ist erfolgreich, das Abenteuer einer grammatikalischen Organogenese klingt aus auf eine neue Wegstrecke hin.

Seit den frühen sechziger Jahren verfertigt er rund 5 000 Collagen mit Materialien aus der Gründerzeit, die er alten Lexika, Zeitschriften und Benimmratgebern entnimmt. Im surrealen Stil werden sie durch Textkonzentrate vervollständigt. Es ist eine Enzyklopädie für unerschrockene Leser, die es seit 1983 auf sechs Bände bringt und sich als Parodie auf Gelehrsamkeit, Autorität und positivistische Welterkennungsstrategien lesen lässt. Eine schwere Krebsoperation macht ihm sehr zu schaffen. Wolf zieht sich in seine Mainzer Wohnung zurück. Er bleibt dauerhaft in Behandlung, kann keine großen Reisen mehr machen. Als Feingeist verabschiedet er sich mit seinem schwarzen Humor: Ich glaube nicht an den Tod.

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