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21.02.2020, Jamal Tuschick

Täglich erreichen uns Nachrichten über antisemitische Vorfälle in ganz Europa. Erlebt der Antisemitismus eine Renaissance oder war er nie weg? Delphine Horvilleur eröffnet uns in ihrem Buch „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ eine neue Perspektive auf eines der hartnäckigsten Übel der Menschheitsgeschichte.

Aktivistischer Corpsgeist

Eingebetteter Medieninhalt

In ihren „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ bemerkt Delphine Horvilleur ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Größe Israels und seiner Bedeutung im Weltgespräch. Israel erscheint überrepräsentiert in allen möglichen Diskursen. 

Delphine Horvilleur - Sie ist eine von drei Rabbinerinnen Frankreichs, Herausgeberin der Zeitschrift Tenou’a und eine Stimme Europas. In ihrem aktuellen Essay analysiert Horvilleur den Hate Train mit Faschismus und Misogynie als Tender des Antisemitismus.

Die Autorin unterstellt nicht wenigen Akteuren ein abseitiges Interesse an einer Welt ohne Israel. Sie zitiert Houria Bouteldja, „der Sprecherin der Parti des Indigènes de la République (PIR), einer Gruppe, die nach eigenem Bekunden jede Form ‚imperiale, kolonialer und zionistischer Dominanz‘ bekämpft. Ihr Buch Les Blancs, Les Juifs et nous entwickelt die These, dass der Weiße als soziologische Kategorie für die Fehler des Westens verantwortlich und grundsätzlich an der Beherrschung der Kolonisierten mitschuldig sei. Und wie verhält es sich mit den Juden?“

Delphine Horvilleur, „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“, aus dem Französischen von Nicola Denis, Hanser, 141 Seiten, 18,-  

„Sie haben unbestritten Leid erfahren, aber allein das verschafft ihnen noch keinen Zugang zur Gruppe der ‚rassistisch Diskriminierten‘. Warum nur? Weil die vom Westen kontaminierten Juden gewissermaßen zu Komplizen der Weißen geworden sind. ‚Man erkennt einen Juden nicht daran, dass er sich als Juden bezeichnet‘, schreibt Houria Bouteldja, ‚sondern an seinem Drang, in der Weißheit aufzugehen.“ Wenn der Jude ein ‚Dhimmi der Republik‘ ist, ein ‚senegalesischer Tirailleur des westlichen Imperialismus‘, dann ist der Zionismus lediglich der Ausdruck einer neuen weißen Gewalt, die es abzuwehren gilt, indem man den ‚Antizionismus zu einem Refugium‘ und bevorzugten Ort des Kampfes gegen eine überzeitliche Kolonialisierung erklärt. Es ist der Krieg eines ‚Wir‘, der Krieg der Ausgeschlossenen und Unterdrückten … die mit einer identitären Zauberformel unvermittelt gegen das ‚Sie‘ des schuldigen Westens zusammengeschweißt werden.“

Konvergenz der Kämpfe

Mit großer Klarheit und argumentativer Brillanz zeigt uns Delphine Horvilleur Leitmotive des Antisemitismus auf und spannt dabei den Bogen bis hin zur politischen Gegenwart. Ihr Essay ist eine zeitgemäße Re-Lektüre talmudischer Legenden und zugleich eine scharfsinnige Analyse gegenwärtiger Identitätspolitik.

Warum, fragt Horvilleur, identifizieren „Teile der extremen Linken … die Juden“ (grundsätzlich) mit den Herrschenden. Stets würden ihre Privilegien vorausgesetzt. Selbst Juden in prekären Lagen nähme man als Begünstigte wahr.

Horvilleur zitiert die Aktivistin Linda Sarsour, die meint, man könne „nicht gleichzeitig Zionistin und Feministin“ sein. Horvilleur spielt den Advocatus Diaboli, indem sie sich die strategische Rechtfertigung der Gegenseite so zurechtlegt wie der Stürmer den Ball auf dem Elfmeterpunkt. Demnach sei der Feminismus „immer und überall … im Namen einer Konvergenz der Kämpfe“ bei den Unterdrückten.

Horvilleur kritisiert einen aktivistischen Corpsgeist, der das Individuum zugunsten von Sammelbegriffen und Subsumtionskoffern negiere. Sie weist auf eine Vielfalt „totalitärer Versuchungen“ hin und entdeckt Beispiele auch da, wo ein Zionismus „die jüdische Identität der Diaspora als abwegig einstuft“.

Extreme Positionen begrüßen sich. Darüber haben wir oft im Mainlabor diskutiert. Auch Horvilleur wendet sich gegen alle, die glauben, einen „identitären Purismus zurückgewinnen“ zu müssen. Sie verweist auf Amin Maaloufs Warnungen in „Mörderische Identitäten“.

Auch zu Maalouf bald mehr.