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22.02.2020, Jamal Tuschick

Aus seinem Familienleben macht er eine Show. An die Stelle von Legitimität setzt er Glamour. Das Publikum goutiert die Mischung aus volkstümlichen Belustigungen und staatstragenden Inszenierungen. Naturkatastrophen nutzt der Kaiser zur Steigerung seiner Popularität, indem er sich als erster Krisenmanager Frankreichs darstellt. Er rekurriert auf Symbole und Mythen nicht anders als seine europäischen Kollegen.

Ein Kasper als Kaiser

Das Obszöne bei Flaubert 

Eingebetteter Medieninhalt

Europa ist die Weltsonne, seine Reiche und Regierungen kennen keine anderen Gegner als den Feind am Gartenzaun. Man hat sich zu wenig Mühe gegeben, dieses Phänomen einer drohnenhaften Sonderrolle zu analysieren. Ein halbes Dutzend Mutterländer unterhält auf allen Kontinenten Marionettenregimes. Die Kolonialmächte setzen Potentaten ein und ab. Den stärksten Motor aller Entscheidungen liefert das wirtschaftliche Interesse. Ausgerechnet der selbstermächtigte Putschist Napoleon III. (1808 - 1873), bürgerlich Charles Louis Napoleon Bonaparte, stellt die Entschlossenheit zur Schau, sich „an die Spitze“ des Kartells zu stellen.

Walburga Hülk in „Der Rausch der Jahre. Als Paris die Moderne erfand“, Hoffmann und Campe, 416 Seiten, 26,-

Das beschreibt Walburga Hülk in ihrem Geschichtsbuch. Verdiente Spötter der Nation verstummen angesichts des landesherrschaftlichen Selbstdarstellungsgenies N3. Sie staunen mit dem ungelenken Rest um die Wette, ob der theatralischen Einfälle von oben.

Der Kaiser belohnt schlecht dichtende Lobhudler und lässt das Werk Balzacs unter den Tisch des Freiverkäuflichen fallen. Flaubert und Baudelaire kriegen Ärger. Sie verkörpern die Moderne gegen eine kapriolende Restauration.

Man ist vorsätzlich antiquiert. Flaubert bezeichnet den Nationaldichter Pierre-Jean de Béranger als „dreckigen Bourgeois“. Hülk unterstellt dem Neuerer auch einen Vorsprung in der Kunst des Obszönen, von der „in Zeiten von „Fifty Shades“ und „Feuchtgebiete“ kein Mensch mehr etwas verstünde. Die Chronistin entdeckt „eine raffinierte Anzüglichkeit“. Der Autor selbst charakterisiert seine Heldin Emma Bovery als „Perverse“, die sich von einem schön gemalten Jesus herausfordern lässt, aber sehr wohl auch auf den Attraktor Geld affiziert reagiert. Ein Prozess wegen des Verstoßes gegen die öffentliche Moral etc. wird am 29. Januar 1857 eröffnet. Madame B. erscheint der Strafkamarilla „als Gefahr für junge Mädchen und Frauen“. Die in gerichtlichen Streit geratene Romanfigur habe „schon als Kind im Beichtstuhl … sinnliche Lust empfunden“. Der himmlische Bräutigam löste den Wunsch aus, vollständig erkannt zu werden.

Susanne Stemmler bemerkt bei Flaubert eine „Obszönität des Sehens“, die sich in marodierenden Indiskretionen gegenüber Krankheitsbildern zum Beispiel beweist. Flaubert ignoriert Schranken, Zutrittsverbote, Burka-Botschaften. Ostentativ, wenn nicht wütend, setzt er sich über Beschränkungen hinweg, um seiner Beschreibungsmonomanie zu frönen.

„Und das war alles. Sie existierte nicht mehr.“ Flauberts Fazit.

Die Anklage findet Flauberts unpersönlichen Ton „lasziv“. Gott und Geld als Kulminationspunkte einer bloß materiell begriffenen Existenz: das ist revolutionär (gedacht). Flauberts Anfang bildet auch schon den Höhepunkt. Dies vollzieht sich in bis zur Lächerlichkeit verbrauchten Verhältnisse, denen nichts Großartiges in Aussicht gestellt ist. Es herrscht eine Push-up-Mentalität. Man überspielt die Wirklichkeit und zieht sich mit Eskapismus aus der Affäre. Der Ehrgeiz des Bürgerkaisers läuft auf eine Katastrophe hinaus, die keiner kommen sieht. Gleichzeitig avanciert Paris zur Hauptstadt der Epoche, zu einem permanenten Weltereignis, dem europäischen Puls. Baudelaires Gesellschaftsdiagnosen etablieren neue Krankheitsbegriffe, die der Psychoanalyse voraneilen. Geniale Mediziner wie Jean-Martin Charcot werden sich bald auf Flaubert & Baudelaire stützen, während das politische Frankreich der Regression Monumente baut. Das Amalgam von Ungleichzeitigkeit und Verdichtung fordert in den 1920er Jahren von Walter Benjamin lange Séancen in Paris. Ich gehe gleich weiter zu Benjamin. Ich glaube, das hat ihn gefesselt: ein selbstermächtigter Kasper auf dem Thron, der sich eine herrliche Stadt bauen lässt so wie der Wittelsbacher Ludwig sich seine bayrischen Herrenhäuser, im Übrigen versagt, und die intelligentesten Bürger*innen Frankreichs so sauer macht, dass sie in die Krempen ihrer Hüte beißen.

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