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23.02.2020, Jamal Tuschick

Isabelle Eberhardt war die Agentin eines eigenen Lebensstils.

Algerisches Schäferstück

Im II. Kaiserreich (1852 – 1870) vertritt Architektur die Politik an vielen Stellen. Walburga Hülk zählt Prestigeobjekte auf, angefangen bei einer Pferderennbahn im Bois de Boulogne auf dem Areal der 1256 geweihten und von Revolutionären ruinierten Abtei Longchamp. Hülk erklärt lauter Wirkungen eines Mangels an Legitimation. Während Paris zur Hauptstadt des Jahrhunderts ausgebaut wird, dreht man überall sonst die Uhren zurück. Alles vollzieht sich im Mief der Restauration und so auch eine Renaissance der katholischen Kirchenherrlichkeit. Eine rückwärtsgewandte Gesellschaft betreibt Kulissenmalerei und erlaubt Fusionen des Halbseidenen mit dem Mondänen.

Fotografen treten in Konkurrenz zu Malern. Der Jockey erscheint - schneidig und geschmeidig – als Volksheld. Das Dekor triumphiert. Die Haussmannisierung radiert ganze Viertel aus. Erst jetzt entsteht „der Bauch von Paris“. Zola wird sich dem Mikrokosmos der Markthallen widmen.

Walburga Hülk in „Der Rausch der Jahre. Als Paris die Moderne erfand“, Hoffmann und Campe, 416 Seiten, 26,-

1857 feiert Napoleon III. die Eröffnung des neuen Louvre in der Cité impériale, dem feudalsten Quartier der Kapitale.

Mein Interesse entgleitet den Absichten. Ich schlage ein anderes Buch auf. Im April 18... liegt noch Schnee auf Gipfeln des Jura. Isabelle Eberhardt notiert das Aussehen der Wolkengebirge vor ihrem Fenster. Sie blickt aus ihrer Genfer Stube und lässt „Traurigkeit beschaulich durch die vertraute Landschaft dieser melancholischen Vorstadt auch (sich) einwirken.“

Eberhardt verhilft als Sekretärin eines Hilfskomitees russischen Studierenden zu einem Auskommen in der westlichen Welt. In diesem Kreis hält man den Sozialismus und die Anarchie hoch.

Eberhardt lobt den Ernst und die Bescheidenheit von der aus Sibirien stammenden, todkranken Famula Chouchina, für die Medizin weder dies noch das, sondern Priestermandat ist. Mit Willenskraft hält sie sich den Tod vom Leib. Sie hält das Sterben hin, dass es stillhält wie ein narkotisierter Quälgeist.

Der sonderbar opfermütigen Russin folgt die Beduinin Yasmina. Sie wächst in der Distinktion antiker Ruinen auf. Sie hat ständig etwas vor sich, dass sie archäologisch nicht begreift, während die Distelfelder und die Sterne Yasmina idyllisch zur Verfügung stehen.

1897 konvertiert Isabelle Eberhardt in Annaba (Algerien) zum Islam. Sie kündigt den europäischen Vertrag, verkleidet sich als Mann, erhebt sich in den Stand der Berittenen, und kursiert als Si Mahmoud Saadi. … Im Juni 1901 trifft der Matrose Pierre Mouchet in Marseille ein und entpuppt sich da als Isabelle Eberhardt. Die der Spionage und Insubordination verdächtigte Agentin eines eigenen Lebensstils erwartet sehnsüchtig ihren Verlobten. Ein halbes Jahr später holt sie die Not in der Kasbah von Algier ein. Als Gattin eines mittellosen Algeriers bleibt ihr erst einmal nur Luft und Liebe. Um es anders zu sagen. Kunst entsteht in der Ächtung eher als in der Förderung. Eberhardt schreibt, obwohl Hunger sie plagt.

Eberhardts Beschreibungen überziehen dürftige Verhältnisse mit einer Glasur. Für die Europäerin sind Nomaden „Eingeborene“, obwohl man Eberhardt als Kritikerin kolonialer Zuschreibungen kennt. Sie gibt ihrer Heldin ein Schicksal, das von einem wahrscheinlichen Verlauf abweicht. Versprochen wird sie dem einäugigen Mohammed Elaour, der Mühe hat, den Brautpreis aufzubringen. Die Hochzeit verzögert sich, Yasmina kommt ihren töchterlichen Verpflichtungen als Hirtin nach. So wird sie von dem (im Fieber der Poesie phantasierenden) aus dem Ardennenadel gebürtigen Leutnant Jacques angetroffen: in einer glühenden Senke, die zugleich ein Wacholdergarten ist.

Er gerät in ein algerisches Schäferstück, das nach einem Maler schreit.

Yasmina flieht vor der Ansprache, „sie aber floh den Feind ihrer besiegten Rasse“.

Der Offizier baut eine Sehnsuchtsbrücke bis hin zu der Entschwindenden. Er erkennt sofort das von den Lumpen Verleugnete: ein scharfkantig-düsterkindlicher (mystischer) Charme, den Jacques ethnologisch zusammendenkt mit einem fetischistischen Islam. Der Verehrer verwandelt sich in einen Brummkreisel des Orientgeschwafels und der Afrikachimären. Yasmina dient nun dem Exotismus. Ihre Abwesenheit erlaubt es Jacques, völlig hemmungslos gedanklich in die Wüste zu onanieren.

Eberhardt stattet ihn mit einer vormodernen Seelengestalt aus, die mit Yasminas Unzeitigkeit Hochzeit feiert. Ich habe die Geschichte vor dreißig Jahren einmal schon gelesen und wundere mich nun über das Klischeeaufkommen.

Eberhardt veredelt den Franzosen. Sie gibt ihm die Aufgabe, eine Christenhasserin für sein Begehren empfänglich zu machen. Er lockt sie mit Bonbons, bis Yasmina ihre schützende Scheu ablegt.