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24.02.2020, Jamal Tuschick

Albert Camus geht von der Feststellung aus, dass sich ein Schriftsteller nicht mehr verstecken kann. Im Heute der konkreten Nachkriegszeit bekommt „selbst Schweigen einen gefährlichen Sinn“. Camus vermutet den Künstler in der Arena und nicht mehr frohgemut auf den Rängen. Die Arbeit des Autors verliert „jene göttliche Freiheit, die Mozarts Musik atmet“. Das erklärt Camus, warum wir (im Plural einer anderen Zeit) „mehr Journalisten als Schriftsteller haben“. Der Schriftsteller mag am Weltgeräusch verzweifeln, der Journalist braucht den Lärm als Treibstoff. Ihm ist das Schlechte recht. „Auf der Galeere seiner Zeit … riecht es ihm nicht zu sehr nach Hering“.

Historisches Fleisch

Eingebetteter Medieninhalt

Tausend Höllen und kein Schlaf: seit Jenny ihn verlassen hat, dreht Alex am Rad. Auf dem Kummerkamm überwindet der Dreißigjährige den Abstand zwischen einem ausgiebigen Partyleben in Berlin und der Waldsaumidylle seiner Herkunft. 

Wir reden von dem Brauereistandort Braus in seiner Eigenschaft als Refugium für einen Liebeskranken, der die Kurve back to Tinder nicht kriegt. Alex versucht es mit Yoga, Whiskey, Zigaretten und wenig erbaulichen Fachwerkhausgesprächen mit seinen nächsten Verwandten.

Kathrin Weßling, „Nix passiert“, Ullstein fünf, 235 Seiten, 18,-

Die grundsoliden Lebensentscheidungen der Gastgeber, ihre Fähigkeit zur korrekten Bestimmung sozialer Koordinaten, kollidiert mit dem „Risotto im Kopf“ des jüngeren Sohns. In der Konfrontation mit seinen Versäumnissen platzt der letzte Lack ab. Alex ahnt, dass sein Lebenslauf das biografische Schmuckbeet der Eltern versaut.

Dass die sich beinah selbst nötigen müssen, um mit den Sonnensegeln ihrer Normalitätsbegriffe genug erholsamen Schatten für den Deppen aus Berlin zu schaffen; dass er ihnen eine Rosskur abverlangt.

In Braus fallen Alex Berliner Gewissheiten auf die Füße. Sein in Braus gebliebener Bruder Timo hat alles richtig gemacht. Das kommt erschwerend dazu.

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Albert Camus geht von der Feststellung aus, dass sich ein Schriftsteller nicht mehr verstecken kann. Im Heute der konkreten Nachkriegszeit bekommt „selbst Schweigen einen gefährlichen Sinn“.

Camus vermutet den Künstler in der Arena und nicht mehr frohgemut auf den Rängen. Die Arbeit des Autors verliert „jene göttliche Freiheit, die Mozarts Musik atmet“. Das erklärt Camus, warum wir (im Plural einer anderen Zeit) „mehr Journalisten als Schriftsteller haben“.

Der Schriftsteller mag am Weltgeräusch verzweifeln, der Journalist braucht den Lärm als Treibstoff. Ihm ist das Schlechte recht. „Auf der Galeere seiner Zeit … riecht es ihm nicht zu sehr nach Hering“.

Im Zirkus der Geschichte gab es stets Märtyrer und Löwen. Die ersten bau(t)en auf die Ewigkeit, die letzteren nährt(e) „historisches Fleisch“.

„Jede Veröffentlichung ist eine Tat, und diese Tat setzt uns den Leidenschaften eines Jahrhunderts aus, das keine Vergebung kennt.“

In Nicole Flatterys Erzählband „Zeig ihnen, wie man Spaß hat“ registriert die Titel-Erzählerin „die irre Seelenruhe, mit der (eine Geschäftsführerin in ihrem früheren Leben) das Vieh zur Schlachtbank führte“.

Nicole Flattery, „Zeig ihnen, wie man Spaß hat“, übersetzt aus dem Englischen von Tanja Handels, 254 Seiten, Hanser Berlin, 18,-

Sofort spürt man die Wirkung eines großen Kalibers. Auch Flatterys Akteurin, „eine Lusche“ nach eigener Angabe, stellt sich als Heimkehrerin dar. Auch sie wiederholt sich auf bereits abgeschriebenen Schauplätzen. Das Verhältnis zur Mutter erscheint toxisch. Das Jugendzimmerbett ist „durchgelegen“.

Am Arbeitsplatz, einer Tankstelle, bahnt sich eine Romanze der Bescheidenheit mit Kevin an. Der Neunzehnjährige verfügt über ein abseitiges Kinowissen.

Ich setze Flatterys Aushub zusammen mit Ralph Waldo Emersons Verdikt, der Gehorsam eines Menschen dem eigenen Genie gegenüber mache den Künstler. Kevin gleicht einem Serienfilmmörder. Er bewährt sich mit biederer Tatkraft, während die Erzählerin vor sich hin flattert. Beide lassen die Seelenruhe von Leuten, die sich selbst genügen, zu etwas Unglaublichem anwachsen. Camus kannte noch den Grund für die Diskrepanz, die so forterzählt wird als gäbe es jenseits des Canyons kein Land.

„Was unsere Zeit … kennzeichnet, ist der Einbruch der Massen und ihre erbärmlichen Lebensbedingungen in das Bewusstsein der Zeitgenossen. Man weiß (erst jetzt), dass sie existieren.“

Bei Weßling und Flattery existiert nichts anderes. Sie kennen die Deckkajüten der Galeeren nicht mehr, wo man die Sterne über dem Bass der Sklavenerfahrung besingt. So zweistöckig ist doch jeder Mensch in der Gleichzeitigkeit von Anschlägen, die ihn zu vermindern drohen, und Aufschwüngen, die ihn auszeichnen.

Flatterys erzählendes Ich unterliegt einer Maßnahme im Rahmen eines Programms, das man auch als Bearbeitung der Person deuten kann.

Freitags kommt man zur Teamsitzung zusammen. Es gibt Chips und gute Ratschläge. Alle leben in der Freiheit, ihr Elend nicht mystifizieren zu müssen. Man erwartet nicht mehr als einfache Zerstreuung in einer Attrappengesellschaft.  

Es geht darum, einem Minimum zu genügen und das monströs zu finden in Anbetracht des Schöpfungswunders. Der Gegensatz zwischen den kleinen Lösungen und der großen Welt provoziert absurde Bespielungen diverser Bühnen, etwa, indem man sich in den Dümmsten verliebt, der greifbar ist.  

Die Erzählerin erinnert sich an eine Phase zwischen Horrorfilmgedanken und „humorlosen Pferdeschwänzen“.  Mir gefällt ein sachter Anstrich der Zustimmung, „ein bereitwilliges Schweigen“, das gewiss aus Freude an psychologischen Pittoresken kommt.

 

P.S.

Camus überweist uns die Einsicht, dass Gott allein ein realistischer Künstler sein könnte, sofern es ihn gäbe. Das versteht der Autor auch als Einwand gegen den sozialistischen Realismus. Der sozialistische Realismus habe „Romanciers des Zements“ hervorgebracht, die der „Rosenwasserliteratur“ ein Versagen vor der Wirklichkeit nachsagten. Camus erkennt in diesem forcierten Treiben den bürgerlichen Idealismus im Blaumann. Man müsste noch einmal mit Heiner Müller über den Bitterfelder Weg reden, um Camus im Diskurs zu etablieren.   

„Im Grunde schafft (der sozialistische Realismus) die Kunst vorübergehend ab, um zuerst die Gerechtigkeit zu errichten.“ 

„Aufbrechende Gefühle“

An dieser Stelle nehme ich mir noch einmal „Nix passiert“ vor. In der zweiten Phase seines Liebeskummers, klassifiziert als „aufbrechende Gefühle“, entzündet sich Alex an einer erotischen Nostalgie, die Jennys sehnige Läuferinnenbeine (in quälenden Vergegenwärtigungen) auslöst. Die Autorin bemerkt, dass solche Extremitäten selten sind. Zwangsläufig haben sie die besten Verträge mit muskulösen Gesäßen. Sie in fremden Händen zu wissen, raubt Alex den Verstand. Doch auch er bleibt nicht dauerhaft ein Gefäß des Schmerzes. Bei einer Wiederbegegnung unter den Vorzeichen der Ernüchterung sieht Jenny „verbraucht“ aus.

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