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26.02.2020, Jamal Tuschick

Er kann es immer noch. Noch nach Jahrzehnten ununterbrochener Produktion gelingen T.C. Boyle Bilder, die sich so einprägen wie Images biografischer Kernschmelzen.

Biografische Kernschmelze

„Die Kunst lebt vom Zwang und stirbt an der Freiheit.“ André Gide

Eine biografische Kernschmelze erlebt Lehrer Todd, als ihm in einem untergejubelten Adult-Video die eigene Frau als Hauptdarstellerin begegnet.

Todds berufliche Umgebung ist „drogenfrei, alkoholfrei, tabakfrei, und jeder Lehrer muss jedes Jahr einen zweistündigen Online-Kurs zum Thema sexuelle Belästigung“ absolvieren. Vor dieser Kulisse betrachtet der Held Laurie „auf allen vieren, der Mann (steht) hinter ihr und (bearbeitet) sie.

T.C. Boyle, „Sind wir nicht Menschen“, Stories, aus dem Englischen von Anette Grube und Dirk van Gunsteren, Hanser, 397 Seiten, 23,-

Die Konserve versaut Todd den Tag. Er verliert seine Selbstbeherrschung an die Überlieferung einer Konstellation, die ihn herzlich wenig angeht. Die Aufzeichnung ist älter als seine Beziehung mit Laurie. Doch verhilft der Streifen dem aufgegebenen Liebhaber Jared (einem Künstler, „sehr visuell“, stets darauf erpicht, das Licht anzulassen) zu einer Art Auferstehung von den Toten aus Lauries Leben vor Todd.

Todd verabschiedet sich fürs Erste und lässt es in einer Kneipe krachen. In mir keimt der Verdacht, dass der bürgerlich getünchte Hippie sowieso am liebsten aus der Sterilität seiner häuslichen Misere in einem schlecht gebauten Rahmen brechen möchte, um endlich einmal wieder an einem soliden Tresen Whiskey zu trinken.  

Das Ende vom Lied überrascht. Todd kehrt heim und legt sich zu seiner Frau. Im Weiteren bereichert er mit der Studierenden-Report-Epsiode sein Beischlafphantasieportfolio.

Ich erzähle eine Kurzgeschichte nach der anderen nach so wie ich im Verlauf von Jahrzehnten ein Boyle-Buch nach dem anderen gelesen habe. Als ich anfing, Einladungen zu kriegen, war Boyle ein weltweit präsenter Autor, und jetzt, wo ich den Lohn meiner Intelligenz verzehre, ist er immer noch überall da. Nietzsche sagt: „Das Ende zu finden wissen. - Die Meister des ersten Ranges geben sich dadurch zu erkennen, dass sie im Großen wie im Kleinen auf eine vollkommene Weise das Ende zu finden wissen, sei es das Ende einer Melodie oder eines Gedankens, sei es der fünfte Akt einer Tragödie oder Staats-Aktion. Die ersten der zweiten Stufe werden immer gegen das Ende hin unruhig, und fallen nicht in so stolzem ruhigem Gleichmaße in‘s Meer ab, wie zum Beispiel das Gebirge bei Portofino dort, wo die Bucht von Genua ihre Melodie zu Ende singt.“

Oft hieß es unter Kolleg*innen, Boyle sei zu manisch/ rhapsodisch für den ersten Rang. Nie auch nur einen Tag ließ er nach eigener Angabe verstreichen zwischen der Beendigung eines Werks und des nächsten Riemens Anfang. Das Unentwegte erklärte er mit einer umgeleiteten Sucht. Auch Peter Kurzeck behauptete, dem ruhenden Alkoholismus die Hausordnung literarisch verkündet zu haben.

Es gibt eine Zeit für Bier vor vier

und eine Zeit für Tee

zu jeder Stunde.

Ein Paar spürt sich in seinem Schlafzimmer nah einem stinkenden Fluss, am Ende eines friedlichen Ferientages, dem eine durchtanzte Nacht voranging. Lamellen brechen das Licht. Der Erzähler schreitet vom prekären Ich zum schwarmhaft-unbefestigten Wir. Fremd sind dem Plural die Ansprüche der Eltern geworden. Für ihn gibt es nicht einmal mehr das Kassengestell. Vielmehr stammen die Fassungen der Brillengläser aus der Drogerie und müssen auf die tapferste Weise als Freizeichen getragen werden: als Unabhängigkeitsaccessoires.

„Wir hatten keine Stellen … Stellen waren ein Mythos, ein Gerücht … wir blieben an der Universität.“

Echte Studierende kommen und gehen. Der Lehrkörper bleibt opak. Berufliche Penetrationsversuche erinnern an den Hund, der die Sofalehne im hastigen Unrund mangelnder Grazie besteigt. Man fängt an, die Schuld bei sich und die Nähe anderer Versager zu suchen. Eine gewisse Peinlichkeit wird zur Routine, eine Verminderung Standard. Man ergattert Zufluchten, spielt mit dem Bluegrass-Landleben im Mittleren Westen; riecht den Schafschweiß und -scheiß in Erwartung einer Offenbarung.

Auf so einer gemieteten Farmfiliale ist man genauso verkehrt wie an der Uni als akademische Hilfskraft deutlich über Dreißig.

Boyle erzählt so wie man mit einer speichelfeuchten Fingerkuppe ein Register blättert. Das Erhabene der Erzählung, ein Streit im Milieu des akademischen Prekariats, unterliegt den Statusmeldungen, die eine Zeitleiste überqueren. Zwar landet neben dem Erzähler und seiner verstimmten Freundin Mallory ein bisschen Weltraumschrott wie bei einer persönlichen Zustellung. Die Geschichte gewinnt ihre Bedeutung trotzdem nicht im Einfallsreichtum des Autors, sondern in der bizarren Genauigkeit, mit der Boyle die Ratlosigkeit seiner Akteure schildert. Obwohl sie geborene Stadtamerikaner sind, wirken sie wie Geflüchtete aus irgendeiner Fremde. Jeder Hund, der sich normal verhält, bringt sie aus der Fassung. Ich weiß nicht, ob Boyle wirklich so weit geht, das zu sagen, aber er legt dem Leser nah zu denken: Diese Leute haben verlernt zu leben. Anderenfalls wären ihre Empfindungen, wäre ihr Repertoire nicht so lächerlich phantomhaft und apokalyptisch. 

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