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03.03.2020, Jamal Tuschick

Shams Hussein wächst mit Geschichten vom Heldenmut seines Großvaters aus. Der Alte spielt sich als Gedächtnis eines Stammes auf, der seit Jahrhunderten die Rolle des indigenen Fremdkörpers in einem Besatzungsregime spielt. Erst unterstand man dem Osmanischen Reich, bis die Briten sich den Irak unter den Nagel rissen. In der Handlungsgegenwart spielen sich Saddam und seine Baath-Parteigänger als Usurpatoren auf. Der Bagdader Menschenfresser traut Shams Klans nicht. In Shams ursprünglichster Umgebung sah noch jede zentralistische Herrschaft über anachronistische Eigenarten der tribalistisch-separatistisch aufgestellten Dorfgemeinschaft hinweg. Shams stammt aus einer Gegend ohne Denkmalschutz. Monumente der Fremdherrschaft verwittern, verrotten und verfallen als „Scheißhäuser für Durchreisende“ und Kinderspielplätze. Das historische Bewusstsein findet keine Anker mehr in den Erzählungen der kettenrauchenden Chronisten-Greise. Die Wahrheit hat ihre Kraft an die Tyrannei verloren. Shams Opa erscheint als Schwätzer und Freilicht-Schwadroneur, obwohl seine Narben andere Geschichten erzählen. Er hat Kämpfe überlebt und seinen Feinden beim Sterben zugeguckt. Ihn stört der Kleinmut seiner Nachkommen.

Chronisten-Greise

Inhaftierter Erzähler

Obwohl er sich dem Leser geschichtsvergessen und notorisch heutig präsentiert, steckt Shams voller Geschichten. Sie gleichen den ausgeweideten Trümmerhaufen auf Autofriedhöfen. Saddams Terrorherrschaft isoliert den wahrheitsgemäßen Märchen- und Mythenkern vom Rest, so dass der tradierte Text als leergedroschenes Stroh bei den Zuhörer*innen ankommt. Das macht Gewalt mit/aus Geschichten. Sie entkernt sie.

Abbas Khider erzählt das als versierter Drache von hinten durch die Faust. Er erklärt, ohne eine Erklärung abzugeben, den Grund für die dissonante Differenz zwischen Sendern und Empfängern. Shams Opa hat noch ein heroisches Selbstbild, sein Publikum rekrutiert sich aus lauter Geschlagenen.

Abbas Khider, „Palast der Miserablen“, Roman, Hanser, 318 Seiten, 23,-

Zuerst macht der inhaftierte Erzähler seine Leser*innen mit seinem Geburtsdorf bekannt. Man weiß es nicht genau, aber alle Vermutungen streben zu der Annahme, dass der Flecken zuerst „Herzlich“ und endlich „Hölle“ hieß, und man letztlich in einer Übereinkunft der Kompromissbereiten sich auf „Herzliche Hölle“ verständigte. Ähnlich illuster ging die Namensfindung des Nachbarweilers über die Staubpiste. Khider setzt einen kolonialkritischen Haken ans Kinn des Imperialismus. Ausgehend von der britischen Besetzung Indiens, erwähnt der Autor die Verstärkung des britischen Expeditionscorps mit Kolonisierten. Ein Inder soll als Vorsteher eine gute Figur gemacht habe. Deshalb sei man auf „Al Hindi – Der Inder“ verfallen.

Am Romananfang sind sich Shams und seine Freund*innen nicht sicher, ob Saddam nicht vielleicht doch ein bisschen größer ist als Gott. Dann machen sie im Spiel Jagd auf den Tyrannen und dann … dann werden Leute in ihrer Reichweite erst von den Amerikanern beschossen, ohne dass sich der Feind je in einer am Boden angreifbaren Ausführung zeigen würde, bevor der unter Druck geratene Präsident die südirakische Heimat des Helden mit einer Hubschrauber-Armada attackieren lässt.

„Raketen verwandelten meine Schule in eine Ruine.“

Die Stammeskrieger erleben den Rückzug auf dem „Highway of Death“ als seelische Grenzerfahrung. Es gibt keinen Feind, den man physisch bekämpfen kann. Einer sagt: „Ich hätte gern mal einen Amerikaner oder überhaupt einen fremden Soldaten gesehen. Aber da war keiner … Nur ihre Raketen und Bomben kamen aus dem Himmel zu uns.“

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Shams lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester Qamer zusammen. Seine Grunderfahrung ist der Krieg (lange) im Spiegel des abwesenden Vaters. Etwas anderes ergibt sich nur vorübergehend. Schließlich zieht die Familie um nach Bagdad. Sie landet im Blechviertel, dem härtesten Pflaster der Stadt. Da fängt sie bei Null an; in einem Zelt.

Der Vater geht unter die Müllsammler. Shams geht mit. Er entdeckt seine Leidenschaft für Literatur, während der Irak unter einem Embargo leidet. Die nationale Versorgungsnot erscheint absurd nicht nur angesichts der Reichtümer außerhalb des Landes. Shams verliebt sich in Sabah. Sie ist ein Kind des Mangels so wie Shams selbst. Der Erzähler etabliert sich in einem randständigen Kulturbetrieb als ein Nachwuchstalent aus dem Volk. Seine Adresse adelt ihn beinah im Palast der Miserablen. Es herrschen die Gepflogenheiten des Samisdat und der Dissidenz.   

Am Anfang sind sie sich nicht sicher, ob Saddam nicht vielleicht doch ein bisschen größer ist als Gott. Dann machen sie im Spiel der Kinder Jagd auf den Tyrannen und dann … dann werden sie erst von den Amerikanern beschossen, ohne dass sich der Feind je in einer am Boden angreifbaren Ausführung zeigen würde, bevor der unter Druck geratene Präsident die südirakische Heimat des Helden in Abbas Khiders Roman mit einer Hubschrauber-Armada attackieren lässt.

„Raketen verwandelten meine Schule in eine Ruine.“

Die Stammeskrieger erleben den Rückzug auf dem „Highway of Death“ als seelische Grenzerfahrung. Es gibt keinen Feind, den man physisch bekämpfen kann. Einer sagt: „Ich hätte gern mal einen Amerikaner oder überhaupt einen fremden Soldaten gesehen. Aber da war keiner … Nur ihre Raketen und Bomben kamen aus dem Himmel zu uns.“