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08.03.2020, Jamal Tuschick

Der ganze März ist Frauentag - Das Ballhaus Naunynstraße zeigt gleich zwei empowernde Inszenierungen über die Lebenswelten Schwarzer Frauen auf der Bühne: „STRICKEN" und „PATTERNS" von der Choreografin und Künstlerin Magda Korsinsky, der es gelingt, eine einmalige Perspektive auf die deutsche, Schwarze Geschichte offenzulegen.

Weltfrauentag 2020 - Mehr Druck

Magda Korsinsky (c) Karolin Seelinger

Die Performance „STRICKEN“ beruht auf Interviews mit Schwarzen deutschen Frauen, deren deutsche Großmütter in der Zeit des Nationalsozialismus groß geworden sind. Es geht um das gestische und habituelle Erbe innerhalb dieser Familien. Es geht aber auch um zeithistorische Geschichten, von denen wir bisher zu wenig wissen, und die in „STRICKEN“ sichtbar und erfahrbar gemacht werden. Die durchweg interessanten Interviewausschnitte werden auf Videoleinwänden gezeigt, während auf der Bühne die Komplexität der emotionalen familiären Bindungen von der jungen Performerin Naê Selka de Paiva und der Tänzerin Hilla Steinert dargestellt werden.
 
STRICKEN
Eine Performance von Magda Korsinsky
28. & 29.-30. März, 20 Uhr & 29. März, 19 Uhr
 
*****

Mit „PATTERNS“ hat Magda Korsinsky eine choreografisch leidenschaftliche Komposition der Lebenswelt Schwarzer Frauen auf die Bühne gebracht. 
 
„Einer Lebenswelt, die in der deutschen Theaterlandschaft noch immer zu wenig repräsentiert ist“, so schreibt die taz (Weiße Konventionen durchbrechen, 25.11.2019). 

Die Darstellerinnen auf der Bühne sind zehn Schwarze Frauen im Alter zwischen 17 und 59 Jahren. Sie spielen sich selbst. Die Choreografie des Abends beschäftigt sich mit Verhaltensmuster aus ihrem Alltag. Muster, die uns unbewusst und manchmal bewusst ausmachen. Die wir unter Druck und gegen den Druck der Verhaltensformen der Dominanzgesellschaft ausbilden. Es geht dabei um tief verankerte Verhaltensmuster, die eng mit Rassismus- und Sexismuserfahrungen zusammenhängen, mit denen Schwarze Frauen in ihrem Alltag konfrontiert sind. Magda Korsinsky nimmt die Gesten, ihre Sozialisiertheit zum Ausgangspunkt ihrer Arbeiten, die einen wichtigen Beitrag zur Reflexion Schwarzer Identitäten in Deutschland leisten.

PATTERNS
Eine Performance von Magda Korsinsky
5. - 7. März, 20 Uhr & 
8. März, 19 Uhr (Frauentag) 

Infos und Tickets: ballhausnaunynstrasse.de
Ticket-Reservierungen unter: (030) 754 537 25
 

(c) Zé de Paiva

Magda Korsinskys interdisziplinäre Performance „Stricken“ zählt zu den Premiumschaustücken des „Festivals der Überlänge“ im Rahmen der Postcolonial Poly Perspectives im Ballhaus Naunynstraße.

Die Übergänge von der strafbewehrten Rassenschande im Nationalsozialismus zum Nachkriegsfräuleinwunder waren schmale Stege. Deutsche, die mit afroamerikanischen Soldaten gingen, bewegten sich auf einen gesellschaftlichen Rand zu. Da trafen sich die Vorurteile ihrer Umgebung mit ihren eigenen Vorurteilen. Die oft bei den Großeltern abgegebenen Kinder solcher Verbindungen befanden sich in namenlosen Nöten. Im Gegensatz zu ihren Müttern waren sie markiert. Sie waren auf die Liebe und Fürsorge von Rassist*innen angewiesen. Mit den deutschen Erziehungsdevisen atmeten sie Rassismus ein, so dass sie im Selbsthass siedeten.

Sie hatten keine kulturellen Alternativen zur weißen deutschen Mehrheit und sie mussten das Kolonialwarenangebot einer Gesellschaft nutzen, die ihren Rassismus und ihre koloniale Verfassung gern nicht begriff und lieber den Abweichenden übertriebene Empfindlichkeit vorwarf, als sich selbst kritisch zu befragen.

Nach Achtundsechzig änderten sich die Parameter. Die nächsten deutschen PoC-Generationen wiederholten Erfahrungen der afrodeutschen Fräuleinwunderkinder in abgeschwächten Versionen. Sie profitierten und profitieren von zunehmender Diversität. Die Differenzen zwischen ihrer Selbst- und der mehrheitsdeutschen Fremdwahrnehmung verhandelt Magda Korsinskys Performance „Stricken“. Die Choreografin befragte sechs afrodeutsche Frauen zu ihren weißen Großmüttern.

„Diese Art von Schürzen hat sie meines Erachtens nicht mehr getragen.“

„Sie hatte eine tiefe Stimme und war unhöflich und direkt, aber nicht ätzend.“

„Bei meiner Oma galt nur Arbeit. Die Devise lautete: Mehr Druck auf den Schwamm.“

Die Einlassungen kommen aus dem Off und korrespondieren mit Porträtprojektionen der Befragten auf Flickenteppiche, die wie gigantische Tischdecken an Leinen hängen.

Im Übrigen ist die Bühne leer.   

Naê Selka de Paiva und Hilla Steinert performen pantomimisch-minimalistisch Arrangements zwischen Enkelin und Großmutter, während es biografische Informationen hagelt.

„Aufgewachsen in einem hessischen Dorf …“

Das Ballhaus Naunynstraße präsentiert künstlerische, aktivistische und theoretische Ansätze von Schwarzen Protagonist*innen und People of Color zur Dekolonisierung der Gegenwart. Kolonialität diktiert auf vielen Ebenen unseren Alltag, haftet an den Dingen, an Alltags- und Kulturgegenständen, wirkt bis in die eigenen vier Wände hinein, bestimmt Essen und Trinken, Erben und Kaufen. Das Festival zeigt künstlerische Methoden auf, die Körper, die Dinge der Kunst, der Warenwelt, der Archive aus der kolonial fixierenden Rahmung zu schieben und die Perspektiven zu vervielfältigen.

„Schwarzsein ist das Andere und deshalb verdächtig. Diejenigen, die in unserer kollektiven Vorstellung eine Gefahr darstellen, sind nicht weiß. Diese Botschaften sind von so durchschlagender Wirkung, dass mein vierjähriges Ich sie dank des Fernsehens bereits entschlüsselt hatte und wusste, dass alle, die aussahen wie ich, schlimmstenfalls Verbrecher und bestenfalls aufsässige Nebenfiguren waren.“ Reni Eddo-Lodge

Mit Weißen über Phänomene des nicht-begriffenen Rassismus zu sprechen, ist grandios mühsam. Doch genau das wird von der Enkelin verlangt: in Aushandlungsprozessen mit der Großmutter um familiäre und außerfamiliäre Teilhabe. Die strukturell Abgelehnte ist einem überdurchschnittlichen Anpassungsdruck unterworfen. Sie will besonders adrett erscheinen und keinem Vorurteil entgegenkommen. Auf den Strecken der Anpassungsbereitschaft bleibt die Seele auf der Strecke. Double Bind-Konstellationen gleich wie man sich dreht und wendet.

Eine Agentin der Zukunft spricht von einem „Teufelsdreieck zwischen Mutter, Großmutter und der eigenen Person“. Die Mutter habe sich auf einen Rebellenstandpunkt gestellt, dessen Nachahmung der Tochter das soziale Genick brechen würde. Ihr bleibt nur die Übererfüllung der Normen und die Übernahme der Ressentiments zum Beweis der Zugehörigkeit.

Eine Informantin thematisiert ihre Angst vor lebensgefährlichen Verfolgungen. Sie ist darauf eingestellt, Europa zu verlassen.

Eine toxische Reaktion offenbart sich ungefähr so:

In der S-Bahn. Ein Schwarzer setzt sich mir gegenüber, zückt ein Smartphone und ich denke, das ist doch geklaut. Wo kommt das her? Wie kommt der Rassismus in meinen Kopf?

Fazit:

„Stricken“ ist eine sehenswerte Untersuchung von Konstitutionen deutscher PoC ohne afrikanische oder afroamerikanische Identitätstankstellen. Ihre brüchigen Identitätskonstruktionen indizieren die Undurchlässigkeit der Verhältnisse, an denen sie sich abarbeiten.   

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