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10.03.2020, Jamal Tuschick

Paris in den rauchenden Zwanzigerjahren des XX. Jahrhunderts - Für Lucien ist Monique nur der Beifang. Ihn reizt an seiner Braut vor allem das Vermögen ihres Vaters. Zunächst schlägt Mademoiselle Monique alle Warnungen in den Wind. Blauäugig verehrt die höhere Tochter ihren Verführer, der in dieser Rolle mit den auf Rennfahrer umgeschulten Kriegsassen konkurriert. Lucien ist einer der großen unter den Herzensbrechern in den Arenen der oberen Zehntausend.

„Ein junges Mädchen, wie es sich gehört“

Eingebetteter Medieninhalt

„Ein junges Mädchen, wie es sich gehört“, ist Monique Lerbier von jeher nicht. Schon als Kind unterscheidet sie so zwischen Mädchen und Frauen, das sie eine Tante zu den Mädchen in einer altersunabhängigen Zählweise rechnet. Dem „alten Mädchen“ fühlt sich Monique in besonderer Weise verwandt. Sie erkennt in der anderen sich selbst, auch wenn sie von den Einzelheiten noch keine Ahnung hat.

Victor Margueritte, „La Garçonne“, Roman, aus dem Französischen von Jsoeph Chapiro, neu bearbeitet von Sophia Sonntag, ebersbach & simon, 282 Seiten, 22,-

Das konventionelle Milieu seufzt: Ach, wäre Monique nur ein Junge geworden. Dabei ist sie so ausgesprochen gern ein Mädchen. Sie spürt den Zauber ihres Geschlechts in einem autoerotischen Super Flow. Alle Erdungsversuche gleichen Fesselungen.  

Eine Welt stürzt ein, als sich Monique vom Vater sagen lassen muss:

„Du weißt, dass Lucien zuerst mein Teilhaber und dann erst mein Ehemann wird.“

Nun begreift die Gefoppte den Schwindel. Sie ist dem Alarmcharme eines Mitgiftjägers erlegen.

„Aber Vater! Warum hast du mir das nicht gesagt?“

Victor Margueritte (1866 bis 1942) schrieb den Roman wie ein Theaterstück. Sein 1922 erstmals erschienener Best- & Longseller wurde auch mehrmals theatralisch aufbereitet. Eine pompös-pointierte Psychologie sowie rauschende Auftritte und hölzerne Aufbauten legten das im Kontext eingeholter Theaterbegriffe nah. Eine Bühnenohnmacht ist immer das nächste. Und dann auch wieder nicht. Die radikale Moderne spitzt durch Volants. Margueritte war ein feministischer und pazifistischer Autor. Seine Ansichten setzten ihn heftigsten Anfeindungen aus. Man schnitt ihm die Ehre ab.

Natürlich ist Monique ein Produkt der Bourgeoisie und ihre Emanzipation eine bürgerliche Spielart. Auch der Bruch mit der Familie und die Hinwendung an das lockere Leben bleiben bis in die Feinzeichnungen genretypisch.

Die neue Frau existiert wie alle ihre Vorgängerinnen und zeitgenössischen Rollenmodellrivalinnen in den Spiegeln der Attraktivität.

Das Besondere ist die politische Dimension.  

Margueritte rahmt das weibliche Selbstbewusstsein sexy ein; dies in Opposition zu degradierenden Vorlagen. Er kontert verätzende Darstellungen selbstbewusster Frauen und prägt so ein Epochenbild.

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