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23.03.2020, Jamal Tuschick

Ekstase der Kliffe

Spieler*innen beim Weltcup der Ereignisse überwinden Sperren und gehen über Grenzen. Die Grenzen sind da, wo das Lernen beginnt, sagt Michael Roes. Er interveniert kulturell, dreht einen Hamlet* mit den schönsten jungen Männern, die er kriegen kann im Jemen, scheitert in Kabul wegen der angeblichen Vermittlung „unislamischer“ Stoffe und mutet in Marokko Studierenden nicht ohne Zweifel an der Richtigkeit seines Engagements Frank Wedekinds Frühlings Erwachen zu.

„Ist ein von uns initiiertes Kunstprojekt bereits ein neokolonialistischer Akt.“

*„Das schottische Mittelalter ist jemenitische Gegenwart.“ Zitiert aus der ZEIT vom 1. Januar 2001.

Hauptquartier der International Security Assistance Force in Kabul

Der Autor folgt einem Ruf nach Kabul.

„Besuch im Hauptquartier der Internationalen Schutztruppen, einer Stadt in der Stadt … mit Biergärten, Cafés und Fitnessstudios“. Michael Roes kennt das alles aus „ethnografisch“ frappierend genauen Inszenierungen: den Cowboygang, das Abklatschen, die Ray-Ban-Brillen. Die GIs verhalten sich so, wie man es von ihnen erwartet, und erst jetzt, da ich das notiere, erkenne ich, wie konditioniert ich bin, sobald es um die Schutzmacht USA geht. (Die Altbundesrepublikaner haben ihren großen Bruder nicht verloren.) Da hat die Erziehung eingeschlagen. Das kriegt kein Trump weg. Der westdeutsche Boomer bleibt ein hypnotisiertes Graugansküken in der Nachfolge des amerikanischen Alphatiers. Roes bemerkt es selbst:

„Auf beunruhigende Weise fühle ich mich unter diesen Rednecks sogar wohl.“

Sie haben schon unsere Väter alt aussehen lassen und Wut bei den Richtigen ausgelöst.

Michael Roes, „Melancholie des Reisens“, Schöffling, 531 Seiten, 28,-

Tanger

„Sicherheit ist ein trügerisches Konzept“, sagt Paul Bowles.

Seine Lieblingsstadt Tanger beschreibt Bowles als Markt in der Permanenz des Handels. Er bemerkt überall die Ideal- und Stereotypkulissen europäischer und nordamerikanischer Träume, mit der Erwartung, dass Einheimische kaum so freudianisch träumen. Das, was sich in der Wahrnehmung eines Akteurs der Anglosphäre automatisch so modelliert, dass es Magritte und Dalì als Gewährsmaler des innerweltlichen Surrealismus auf den Plan ruft, spielt in der landläufigen Apperzeption des Maghreb keine Rolle.

Der Orient braucht die europäische Perspektive, um exotisch zu wirken. Michael Roes nennt neben Henri Matisse, der mit „fauvistischer Verve“ in Tanger seine Hotelzimmeraussicht verewigte, den Neuruppiner König der Koloristen Karl Wilhelm Gentz (1822 - 1890) als jemanden, dessen Sinne im Orient entfesselt wurden. Mythos & Geheimnis sind Spenden der Narration. Roes schreibt: „Die meisten Kulturen, die nicht durch die protestantische Mühle ständiger Selbstbefragungen gegangen sind, suchen die Wahrheit nicht im Geheimen.“

Die machen sich nichts aus Introspektion. Es gibt keine arabische Übersetzung von „Naked Lunch“, wie Roes bemerkt. An die „verlebten“ Amerikaner Burroughs & Ginsberg in Tanger erinnern Schwarzweißaufnahmen in einem Café unter Überschreibungen wie in einem Café am Berliner Kollwitzplatz. „Die Nerds … tragen dieselben Brillen, Ohrwärmer und abgetragenen Sakkos.“

La Fenêtre à Tanger - Henri Matisse - Er verbringt ein verlängertes Jahr in der nordmarokkanischen Kapitale. An der Straße von Gibraltar erfindet Matisse seine Malerei ein weiteres Mal.

Leere Bühne

Fast elf Jahre verbringt Rimbaud in „der Winterhauptstadt“ des Jemens. Der Expatriierte verflucht Aden als „scheußlichen Felsen“. Er beklagt die Hitze und entbehrt Gras und „gutes Wasser“. Sein Überleben hängt von lauter technischen Vorgängen ab, wie etwa der Destillation von Meerwasser. Er lässt sich eine Fachbibliothek mit Abhandlungen über „Schiffbau und artesische Brunnen“ schicken.

Aden ist britisch, als Rimbaud da den Abschaum der Zivilisation anreichert. Die Hafenstadt am Roten Meer ist im ausgehenden 19. Jahrhundert eine Hochburg des europäischen Niedergangs in all seinen Spielarten bis hin zu einem Dasein als Fiebertraum. Rimbaud besteht sich selbst gegenüber auf eine tüchtige Bewältigung seiner (nach den Maßstäben der Zeit) gescheiterten Existenz. Paradox strebt er Bürgerlichkeit auf Schauplätzen an, die zur Bürgerlichkeit nicht einladen. In Aden enden und beginnen Expeditionen. Da wird alles umgeschlagen, was Europa begehrt und Afrika nötig hat. Äthiopien liegt vor der Tür. Dessen Regierungschef Menelik der X. schlägt 1896 eine italienische Invasion zurück. Das erscheint so unglaublich in den Augen der informierten Welt, das der Sieger in den Gazetten als Weißer dargestellt wird.

Auf dem Kratergrund

Er versachlicht und entschlackt sich. Den Künstler Rimbaud schickt er zum Teufel, ohne ihn loszuwerden. Daran erinnert Michael Roes in Aufzeichnungen aus dem Jahr 2009. Der Autor sieht sich in Aden um.

Michael Roes, „Melancholie des Reisens“, Schöffling, 531 Seiten, 28,-

Das älteste Quartier füllt einen Vulkankrater aus.

„Man sieht und berührt nichts als Lava und Sand.“

Das Heer der Obdachlosen

Roes begreift die Stadt als leere Bühne. Es gibt keinen, der in dieser glühenden Schlucht die Kraft hat, in einem Drama aufzutreten. Der Reisende steigt dahin auf, wo Geflüchtete campieren, deutlich abgesetzt von den Eingesessenen auf dem Kratergrund. „Schreiender Armut“ zum Trotz kommen Menschen aus Somalia, Eritrea und dem Sudan in den Jemen. Ihr Ziel gleicht der Endstation vor Kopf einer Sackgasse.

Auf der Haut kristallisiert das Meerwassersalz. Man glitzert und riecht wie ein gestrandeter Fisch im ersten Verwesungsstadium. Das geht jetzt wieder zu weit. Roes geht den Fehldeutungen der Beziehung zwischen Rimbaud und Verlaine nach. 434.500 Euro war einem Liebhaber der Revolver wert, mit dem Paul Verlaine im Sommer 1873 in Brüssel zwei Schüsse auf Rimbaud abfeuerte.

Selbst der Revolutionär Rimbaud verkleidete den Beziehungsexzess heteronormativ. Seine katholische Prägung setzte sich letztlich durch.

Kabul

Die Bundeswehr bietet ein Sicherheitstraining für Leute an, die es wissen wollen. Der korrekte Verhaltenskorridor ist schmal. Roes erlebt Landsleute als halbe Kinder in Uniform. Er fragt sich, was sie sehen in ihren Panzern, die vor den Wracks sowjetischer Panzer in einen narrativen Zusammenhang geraten.

Die Stadt atmet eine Geschichte der Zerstörung. Sie ist voller Geflüchteter, die in Kabul nicht fremder sind als Roes. Als Komplementär wirkt Pasolini. Wenigstens in einigen Stimmungen teilt Roes mit ihm „ein Lieben ohne Erkennen“.

Roes philosophiert über das Reisen. Er bedenkt seine Motive. Er trifft Feststellungen:

„Der wahre Reisende ist ein eher schweigsamer Mensch.“

„Nur zu Fuß lernt man einen … Ort kennen.“