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24.03.2020, Jamal Tuschick

Spiderman in Jerusalem

In Jerusalem wollte Michael Roes gemeinsam mit Amos Elkana „Nathan der Weise“ als dreisprachige Oper auf Originalschauplätzen verfilmen.

Parkour/Free Running - Jugendliche übersteuern die Sicherheitskräfte performativ. Sie drehen den Bewaffneten lange Saltonasen. Sie behaupten die temporäre Lufthoheit. Sie dominieren den Raum auf einer Brücke zwischen Wu Wei und Equilibristik.

Jerusalem

Sie reagieren artistisch auf eine historisch überwältigende Topografie. Ihre equilibristische Powerperformance schlägt den Machtverhältnissen ein Schnippchen nach dem anderen. Die palästinensischen Kaskadeure  turnen über den Köpfen ihres Publikums auf den Zinnen Jerusalems. Ihre scheinbare Überwindung der Schwerkraft sowie der Sicherheitskräfte nennen sie Parkour  (von Parcours). „In den Banlieues französischer Großstädte hat die Kunst des Freerunning … ihren Ursprung.“

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Roes kombiniert in seinen Überlegung Lessing mit Freerunning.

„Immer neue Hindernisse spornen (die Geugbog-ja) zu immer gewagteren Sprüngen an.“

Sie überwinden Sperren und gehen über Grenzen. Die Grenzen sind da, wo das Lernen beginnt, sagt Michael Roes. Er interveniert kulturell, dreht einen Hamlet* mit den schönsten jungen Männern, die er kriegen kann im Jemen, scheitert in Kabul wegen der angeblichen Vermittlung „unislamischer“ Stoffe und mutet in Marokko Studierenden nicht ohne Zweifel an der Richtigkeit seines Engagements Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ zu.

„Ist ein von uns initiiertes Kunstprojekt bereits ein neokolonialistischer Akt.“

*„Das schottische Mittelalter ist jemenitische Gegenwart.“ Zitiert aus der ZEIT vom 1. Januar 2001.

Roes legt dar, dass selbst das Scheitern einer übergreifenden Begegnung größere Chancen birgt als die sterilen Rituale „kalter Kulturen“. Der Autor wendet das Wort gegen seine Regal- und Emanzipationsfunktion. Kalte Kulturen lassen sich vor allem in weitgehend herrschaftsfreien Gesellschaften beobachten, die so weit wie möglich von der industriezivilisatorischen Norm entfernt bestehen. Claude Lévi-Strauss fiel auf, dass stark vereinzelte Ethnien Systeme zur Vermeidung von Veränderungen vital halten. Um degradierende Bezeichnungen aus der Palette der „Primitiven Völker“ außer Kurs zu setzen, wählen Freund*innen einer gerechten Sprache den Begriff kalte Kultur.

Michael Roes, „Melancholie des Reisens“, Schöffling, 531 Seiten, 28,-

In Jerusalem will Roes gemeinsam mit Amos Elkana* „Nathan der Weise“ als dreisprachige Oper auf den Originalschauplätzen verfilmen. Automatisch hat er den Platoon-Realismus rougher Handkameraästhetik.

*„During my time in Berlin I will work on a new opera/movie that is based on the play Nathan der Weise (Nathan the Wise). This project is a collaboration between myself as composer and Dr. Michael Roes as writer and film director. The work’s theme is based on the concept of brotherhood and the conviction that Jews, Christians and Muslims deserve to co-exist without being attacked or denigrated. Nathan proposes that a man should be judged simply as a man and not as a member of a particular group, since the value of the individual as a human being supersedes his creed or religion. The story told in this play is, of course, extremely relevant to our time, which has been marked by distrust and fear based on ethnic and cultural differences. As an Israeli and a Jew, I must deal with my own demons stemming from the Israeli-Arab conflict with its bloody past and present as well as from the terrible past between Jews and Germans. As such, it is always intriguing for me to find bridges between Jewish and German as well as between Israeli and Arab culture. This is one of the main reasons why I am interested in creating works that involve these three cultures by way of language, ideas and meanings. One of my key ideas for the libretto of this opera is to have each character sing in their native language.“ Quelle 

Kabul

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Der Autor folgt einem Ruf nach Kabul.

Die Bundeswehr bietet ein Sicherheitstraining für Leute an, die es wissen wollen. Der korrekte Verhaltenskorridor ist schmal. Michael Roes erlebt Landsleute als halbe Kinder in Uniform. Er fragt sich, was sie sehen in ihren Panzern, die vor den Wracks sowjetischer Panzer in einen narrativen Zusammenhang geraten.

Die Stadt atmet eine Geschichte der Zerstörung. Sie ist voller Geflüchteter, die in Kabul nicht fremder sind als Roes. Als Komplementär wirkt Pasolini. Wenigstens in einigen Stimmungen teilt Roes mit ihm „ein Lieben ohne Erkennen“.

Roes philosophiert über das Reisen. Er bedenkt seine Motive. Er trifft Feststellungen:

„Der wahre Reisende ist ein eher schweigsamer Mensch.“

„Nur zu Fuß lernt man einen … Ort kennen.“

*

„Besuch im Hauptquartier der Internationalen Schutztruppen, einer Stadt in der Stadt … mit Biergärten, Cafés und Fitnessstudios“. Michael Roes kennt das alles aus „ethnografisch“ frappierend genauen Inszenierungen: den Cowboygang, das Abklatschen, die Ray-Ban-Brillen. Die GIs verhalten sich so, wie man es von ihnen erwartet, und erst jetzt, da ich das notiere, erkenne ich, wie konditioniert ich bin, sobald es um die Schutzmacht USA geht. (Die Altbundesrepublikaner haben ihren großen Bruder nicht verloren.) Da hat die Erziehung eingeschlagen. Das kriegt kein Trump weg. Der westdeutsche Boomer bleibt ein hypnotisiertes Graugansküken in der Nachfolge des amerikanischen Alphatiers. Roes bemerkt es selbst:

„Auf beunruhigende Weise fühle ich mich unter diesen Rednecks sogar wohl.“

Sie haben schon unsere Väter alt aussehen lassen und Wut bei den Richtigen ausgelöst. 

Tanger

„Sicherheit ist ein trügerisches Konzept“, sagt Paul Bowles.

Seine Lieblingsstadt Tanger beschreibt Bowles als Markt in der Permanenz des Handels. Er bemerkt überall die Ideal- und Stereotypkulissen europäischer und nordamerikanischer Träume, mit der Erwartung, dass Einheimische kaum so freudianisch träumen. Das, was sich in der Wahrnehmung eines Akteurs der Anglosphäre automatisch so modelliert, dass es Magritte und Dalì als Gewährsmaler des innerweltlichen Surrealismus auf den Plan ruft, spielt in der landläufigen Apperzeption des Maghreb keine Rolle.

Der Orient braucht die europäische Perspektive, um exotisch zu wirken. Michael Roes nennt neben Henri Matisse, der mit „fauvistischer Verve“ in Tanger seine Hotelzimmeraussicht verewigte, den Neuruppiner König der Koloristen Karl Wilhelm Gentz (1822 - 1890) als jemanden, dessen Sinne im Orient entfesselt wurden. Mythos & Geheimnis sind Spenden der Narration. Roes schreibt: „Die meisten Kulturen, die nicht durch die protestantische Mühle ständiger Selbstbefragungen gegangen sind, suchen die Wahrheit nicht im Geheimen.“

Die machen sich nichts aus Introspektion. Es gibt keine arabische Übersetzung von „Naked Lunch“, wie Roes bemerkt. An die „verlebten“ Amerikaner Burroughs & Ginsberg in Tanger erinnern Schwarzweißaufnahmen in einem Café unter Überschreibungen wie in einem Café am Berliner Kollwitzplatz. „Die Nerds … tragen dieselben Brillen, Ohrwärmer und abgetragenen Sakkos.“

Aden

Fast elf Jahre verbringt Rimbaud in „der Winterhauptstadt“ des Jemens. Der Expatriierte verflucht Aden als „scheußlichen Felsen“. Er beklagt die Hitze und entbehrt Gras und „gutes Wasser“. Sein Überleben hängt von lauter technischen Vorgängen ab, wie etwa der Destillation von Meerwasser. Er lässt sich eine Fachbibliothek mit Abhandlungen über „Schiffbau und artesische Brunnen“ schicken.

Er versachlicht und entschlackt sich. Den Künstler Rimbaud schickt er zum Teufel, ohne ihn loszuwerden. Daran erinnert Michael Roes in Aufzeichnungen aus dem Jahr 2009. Der Autor sieht sich in Aden um.

Das älteste Quartier füllt einen Vulkankrater aus.

„Man sieht und berührt nichts als Lava und Sand.“

Roes begreift die Stadt als leere Bühne. Es gibt keinen, der in dieser glühenden Schlucht die Kraft hat, in einem Drama aufzutreten. Der Reisende steigt dahin auf, wo Geflüchtete campieren, deutlich abgesetzt von den Eingesessenen auf dem Kratergrund. „Schreiender Armut“ zum Trotz kommen Menschen aus Somalia, Eritrea und dem Sudan in den Jemen. Ihr Ziel gleicht der Endstation vor Kopf einer Sackgasse.

Auf der Haut kristallisiert das Meerwassersalz. Man glitzert und riecht wie ein gestrandeter Fisch im ersten Verwesungsstadium. Das geht jetzt wieder zu weit. Roes geht den Fehldeutungen der Beziehung zwischen Rimbaud und Verlaine nach. 434.500 Euro war einem Liebhaber der Revolver wert, mit dem Paul Verlaine im Sommer 1873 in Brüssel zwei Schüsse auf Rimbaud abfeuerte.

Selbst der Revolutionär Rimbaud verkleidete den Beziehungsexzess heteronormativ. Seine katholische Prägung setzte sich letztlich durch.