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27.03.2020, Jamal Tuschick

James Meredith

Susan Neiman setzt sich mit James Meredith auseinander, dem ersten Schwarzen Studierenden an der Universität von Mississippi. Seine Immatrikulation 1962 löste bürgerkriegsähnliche Zustände aus. Bundestruppen und US-Marshals agierten auf dem Campus. Meredith fürchtete sich zu keinem Zeitpunkt. Neiman zitiert aus seiner Biografie: „Als Schwarzer in Mississippi war ich 1960 ohnehin ein Toter auf Urlaub … Ein toter Mann braucht nicht viel Mut ... Ich habe in einem Krieg gekämpft. Ich habe mich selber vom ersten Tag an als im Krieg betrachtet. Und mein Ziel war es, die Bundesregierung in eine Position zu zwingen, in der sie Militär einsetzen musste, um meine Bürgerrechte durchzusetzen.“

„Das, was 1962 auf dem Campus von Ole Miss geschah, war ein Krieg zwischen dem Staat von Mississippi und den Vereinigten Staaten.“  James Meredith

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„Everybody knows about Mississippi“ - Susan Neiman bereist das berühmteste Delta der Welt. Sie entdeckt ein Koordinatensystem der Konföderation, oft förmlich abgedeckt von unauffälligen Zeichen der Gegenwart. Daneben existieren phantasievolle Loyalitätsbekenntnisse zum Ku-Klux-Klan und Flüche, die wie Segenswünsche klingen. Neiman begreift die restaurativen Accessoires als Facettenaugen in einem Spinnennetz. Selbst ein hohes Aufkommen von Magnolien erklärt heraldischer Anachronismus nicht allein. Vielmehr äußert sich so ein Wille, dem „reinen Weißsein“ ein Sinnbild zu geben.

Susan Neiman,1955 in Atlanta, Georgia, geboren, war Professorin für Philosophie an den Universitäten Yale und Tel Aviv, bevor sie im Jahr 2000 die Leitung des Einstein Forums in Potsdam übernahm. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt „Warum erwachsen werden“. Sie lebt in Berlin.

Susan Neiman, „Von den Deutschen lernen“, übersetzt aus dem Englischen von Christiana Goldmann, Hanser Berlin, 569 Seiten, 28,-

Neiman entdeckt eine Ikonografie, in der Zweifelhaftes im Schatten einer Abschirmung überdauert, so wie das Lord Byron-Zitat als Inschrift einer Johnny Reb-Statue vor einer elegisch wie ein Plantagenherrenhaus in die Landschaft gesetzten Universität. Johnny Reb war Billy Yanks feindlicher Bruder. Obwohl er außerhalb des Südens keine Repräsentanz hat, stört sich niemand an seiner sezessionistischen Herkunft und Botschaft, so wie man es auch vierzig Jahre nach dem Bürgerkrieg einem arrivierten Veteranen auf der Verliererseite nachsah, dass er im Titel seiner Memoiren die Konföderation mit ihren sklavenhaltergesellschaftlichen Ansprüchen verewigte.

Jede postkonföderierte Äußerung greift die Verfassung an.

Neiman beschreibt das reibungsarme Selbstverständnis, mit der das Design eines militanten Rassismus als Folklore, landsmannschaftliche Eigentümlichkeit, Heimatverbundenheit und Traditionspflege in Betrieb gehalten und gegen zivilgesellschaftliche Störungen verteidigt wird.

Stets hält man dem Gegner vor, er höre das Gras wachsen und veranstalte politische Kaffeesatzleserei. Doch wie groß sind die Spielräume einer Interpretation, wenn man „die alte Flagge von Mississippi mit dem Emblem der Konföderation“, die als Kriegsflagge der Rebellenarmee bis zum Gefecht bei Appomattox Court House 1865 im Einsatz war, nicht diskussionslos von einem Campusmast holen will, sondern ihre Einholung unter gegenseitigem Protest und einseitigen Abspaltungsbekundungen vornimmt; so geschehen 2015 in Oxford, Mississippi, an der Ole Miss. Rektor Morris Stocks sprach von einer schweren Entscheidung; bot doch die Fahne eine lange unauffällige Möglichkeit, der Abneigung gegenüber dem Norden einen ausdauernden Ausdruck zu verleihen.

Neiman setzt sich mit James Meredith auseinander, dem ersten Schwarzen Studierenden an der Universität von Mississippi. Seine Immatrikulation 1962 löste bürgerkriegsähnliche Zustände aus. Bundestruppen und US-Marshals agierten auf dem Campus. Meredith fürchtete sich zu keinem Zeitpunkt. Neiman zitiert aus seiner Biografie:

„Als Schwarzer in Mississippi war ich 1960 ohnehin ein Toter auf Urlaub … Ein toter Mann braucht nicht viel Mut.“
„Ich habe in einem Krieg gekämpft. Ich habe mich selber vom ersten Tag an als im Krieg betrachtet. Und mein Ziel war es, die Bundesregierung in eine Position zu zwingen, in der sie Militär einsetzen musste, um meine Bürgerrechte durchzusetzen.“

Meredith ist ein Objekt von Hasskriminalität geblieben. Dazu bald mehr.

Black Codes vermindern im frühen 19. Jahrhundert zuerst in einigen Staaten des Nordens die Rechte von Schwarzen Reisenden und Ansiedlungswilligen zumal auf den Feldern der Vertragsfreiheit insbesondere des Erwerbs von Eigentum. Indiana verabschiedete 1845 ein Gesetz gegen „Rassenvermischung“. Es gab Bestrebungen, den Gesetzen Verfassungskraft auf bundesstaatlicher Ebene zu geben. Dies im Verein mit den Schwarzen auferlegten Verbot, ein Territorium auch nur zu betreten. Nach dem Bürgerkrieg war der Süden eben nicht dazu in der Lage, Black Codes gegen die Interessen befreiter Sklaven durchzusetzen. Erst nach dem Ende der Reconstruction verabschiedete man wieder diskriminierende Gesetze, die vor allem für die Plantagenbesitzer vorteilhafte Schuldknechtschaftsverhältnisse sowie andere Bewegungseinschränkungen zum Nachteil der Befreiten begründeten. Es ging nicht nur um Rassismus. Vielmehr suchte man juristische Schleichwege, um die Sklaverei abgedeckt fortführen zu können. Der Erfolg dieser Strategien beförderte den Niedergang der Baumwollstaaten. Sie verloren im ausgehenden 19. Jahrhundert den Anschluss an das Industriezeitalter, da geringe Produktionskosten den Innovationsdruck herabsetzten. Insofern schnitt sich der Süden mit seiner verkappten Herrenmenschlichkeit ins eigene Fleisch.

Slavery by Another Name

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Erinnerungskultur ist ein deutsches Wort. Sein englischer Schatten umreißt allenfalls die Silhouette des Bedeutungstanks. Obwohl das Schuldbewusstsein im Land der Täter eine unübersehbare Größe darstellt, wird es von nicht wenigen Familiennarrativen förmlich aufgehoben. Täter sind immer die anderen, während der eigene Opa von der eigenen Geschichte nichts mitbekam. Die massenmörderische Komplizenschaft der Wehrmacht wurde bereits in den 1940er Jahren festgestellt. Trotzdem hielt sich die Legende von der „sauberen Wehrmacht“ noch lange. Die aus Georgia gebürtige Philosophin Susan Neiman stellt die Konzepte des anti-abolitionistischen Südens nach der Niederlage im Sezessionskrieg den deutschen Bewältigungs-, Verdrängungs-, Abwehr-, Beschönigungs-, Negierungs- und Umkehrtechniken gegenüber – selbstverständlich ohne einer Relativierung des Holocausts das Wort zu reden.

„Bei jedem Wettbewerb, den niemand gewinnen will, ist Mississippi der Sieger.“

Susan Neiman schreibt über Negativrekorde in Mississippi. Die meisten Lynchmorde (früher), die meisten Adipösen (heute). „Der höchste Krankenstand, der geringste Wohlstand, die mieseste Bildung“. Der US-Bundesstaat war zur Zeit des Sezessionskriegs reich und ist seitdem arm. Die Philosophin erklärt, warum die Repräsentanten der Mississippi-Gesellschaft immer weiter in der Geisterbahn einer fatalen Vergangenheit im Kreis fahren – in einem trostlosen Verbund mit Alabama und Louisiana.

Folgt man Neiman, dann nahm das Elend seinen Anfang und strikten Verlauf mit der Reconstruction (1865 – 1877) – einem Strukturprogramm der Washingtoner Zentralgewalt zur Bewältigung der Bürgerkriegsfolgen. Der Norden war entschlossen, den „beinah vier Millionen befreiten Afroamerikanern“ die Bürgerrechte mächtig zu garantieren. Dieses Demokratieverständnis stieß unter den Geschlagenen des rebellischen Südens auf granitharten Widerstand. Es begründete eine Fundamentalopposition, die sich bis in die tiefe Gegenwart lieber selbst lahmlegt, als den (Erben der) Bürgerkriegssiegern Zugeständnisse zu machen. „Alles, was aus Washington kommt“, erachtet man als „eine militärische Maßnahme der Yankees“.

Neiman vergleicht die Verheerungen im Postbellum South mit dem am Boden liegenden Deutschland nach der II. Weltkrieg. Nur, dass es für die überstimmten Konföderierten keinen Marshallplan gab, so Neiman.

„Vom Hass der Südstaatler auf die Yankees führt eine gerade Linie zum Widerstand der Südstaatler gegen jegliches Regierungsvorhaben.“

Da die Verlierer sich nicht offen zur Wehr setzen konnten, hintertrieben und unterliefen sie die amtlichen Maßnahmen mit allen Mitteln. Effektive Module der Obstruktion und der Subversion aus der Perspektive des Südens sollen, so Neiman, die Black Codes geboten haben. Mit diesen lokalen Erlassen und bundesstaatlichen Gesetzen: wurden von der Verfassung garantierte Bürgerrechte von hinten durch die Faust ins Auge kassiert.

Die Politik der Suprematie des minderen Rechts (Topping from the Bottom) entsprach einer älteren Praxis.

Hier zeigt sich wieder einmal, wie ein monochromer Anstrich eine böse Wahrheit tüncht. Black Codes vermindern im frühen 19. Jahrhundert zuerst in einigen Staaten des Nordens die Rechte von Schwarzen Reisenden und Ansiedlungswilligen zumal auf den Feldern der Vertragsfreiheit insbesondere des Erwerbs von Eigentum.

Indiana verabschiedete 1845 ein Gesetz gegen „Rassenvermischung“.

Es gab Bestrebungen, den Gesetzen Verfassungskraft auf bundesstaatlicher Ebene zu geben. Dies im Verein mit den Schwarzen auferlegten Verbot, ein Territorium auch nur zu betreten.

Nach dem Bürgerkrieg war der Süden eben nicht dazu in der Lage, Black Codes gegen die Interessen befreiter Sklaven durchzusetzen. Erst nach dem Ende der Reconstruction verabschiedete man wieder diskriminierende Gesetze, die vor allem für die Plantagenbesitzer vorteilhafte Schuldknechtschaftsverhältnisse sowie andere Bewegungseinschränkungen zum Nachteil der Befreiten begründeten.

Es ging nicht nur um Rassismus. Vielmehr suchte man juristische Schleichwege, um die Sklaverei abgedeckt fortführen zu können. Der Erfolg dieser Strategien beförderte den Niedergang der Baumwollstaaten. Sie verloren im ausgehenden 19. Jahrhundert den Anschluss an das Industriezeitalter, da geringe Produktionskosten den Innovationsdruck herabsetzten. Insofern schnitt sich der Süden mit seiner verkappten Herrenmenschlichkeit ins eigene Fleisch.

Mutig leben

Lässt sich – politisch gesehen – etwas von den Deutschen lernen? Als Susan Neiman, eine jüdische Amerikanerin, in den 1980er-Jahren nach Berlin zog, stieß das viele ihrer Freunde vor den Kopf. Doch Neiman blieb in Berlin und erlebte hier, wie die Deutschen sich ernsthaft mit den eigenen Verbrechen auseinandersetzten: im Westen wie im Osten, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Als dann mit Donald Trump ein Mann Präsident der USA wurde, der dem Rassismus neuen Aufschwung verschaffte, beschloss sie, dorthin zurückzukehren, wo sie aufgewachsen war: in die amerikanischen Südstaaten, wo das Erbe der Sklaverei noch immer die Gegenwart bestimmt. Susan Neiman verknüpft persönliche Porträts mit philosophischer Reflexion und fragt: Wie sollten Gesellschaften mit dem Bösen der eigenen Geschichte umgehen?

*

Deutschland schwankt zwischen privater Verdrängung und persönlicher sowie offizieller Schuldeinsicht. Die in Berlin lebende amerikanische Philosophin Susan Neiman vergleicht die deutsche Gemengelage mit amerikanischen Einordnungen der Sklaverei und genozidalen Politiken, ohne dem Revisionismus eine Fahrrinne zu graben.

Neiman kommt zu dem verblüffenden Schluss, dass in der DDR eine bessere Aufarbeitung des Faschismus stattgefunden habe als in der Bundesrepublik. Die Botschaft des Antifaschismus sei schließlich bei jenen als vernichtende Absage angekommen, die ihre Ideale im Machtverlauf verloren hatten. Die Philosophin erklärt die friedliche Revolution von Neunundachtzig als Folge einer antifaschistischen Erziehung. An anderer Stelle schildert sie, wie die Konföderierten ihre Sezessionskriegsniederlage ideologisch in einen Sieg umdichteten. Lässt sich so nicht auch Neimans DDR-Analyse verstehen?

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