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28.03.2020, Jamal Tuschick

Stille Billigung

Im frühen XX. Jahrhunderts verliert Korea seine Souveränität an Japan. Das Land durchläuft einen Prozess der Entmündigung vom Protektorat (1905) bis zur Kolonie (1910 - 1945). Die Annexion korrespondiert mit einer einfallsreichen Entwürdigungspraxis. In den Augen der Kolonialherren sind die Unterworfenen „raffiniert und gerissen“. Viele Koreaner verdingen sich als unbeliebte „Gastarbeiter“ in Japan. Osaka ist ein Hot Spot der Migration. Dahin verschlägt es Sunja, die unter entehrenden Bedingungen schwanger gewordene und von einem Pastor auf dem Hochzeitsweg rehabilitierte Tochter der früh verwitwete Logierhauswirtin Yangjin. Die Mutter erscheint als Muster der Selbstlosigkeit. Sunja hat einen eigenen Kopf. Vorlieben und Abneigungen bestimmen sie stärker als der Herkunftstext. Zwar ist sie erklärtermaßen die Dienerin ihres Mannes Isak. Doch dessen Verfügungsgewalt wird von mildernden Umständen eingeschränkt. Sunja folgt Isak nach Osaka, wo sie in dem koreanisch dominierten Bezirk Ikano heimisch zu werden versucht. Das erzählt Min Jin Lee in ihrem Epos „Ein einfaches Leben“ so einnehmend, dass man sich als Leser schon fast zur Familie rechnet.

Sunjas Eltern - Die sozialen Koordinaten der ersten Generation

Eingebetteter Medieninhalt

Yangjins Ergebenheit ist beinah lückenlos. In ihrer von äußerst dürftigen Verhältnissen bestimmten Vorstellungswelt ist kein Raum für individuelle Erwartungen. Das Ich-Bewusstsein findet keinen Halt.

Hunger bestimmt den Alltag der Heranwachsenden. Auf eine gute Partie hat Yangjin keinen Anspruch. Daran gewöhnt, zu akzeptieren, was ihr vorgesetzt wird, nimmt sie auch die näheren Umstände einer arrangierten Ehe mit dem „Dorfkrüppel“ Hoonie so hin wie das Wetter.

Min Jin Lee, „Ein einfaches Leben“, auf Deutsch von Susanne Höbel, dtv, 13.90 Euro

Hoonie gewinnt im Folgenden ungemein. Nicht wenige betrachten sich in Abhängigkeit von seiner „stillen Billigung“ ihres Lebenswandels.

Drei Mal kommt Yangjin mit Söhnen nieder, die nicht lange von dieser Welt sind. Dann kriegt sie eine Tochter, und Sunja bleibt am Leben.

Gemeinsam mit Hoonie führt Yangjin ein Logierhaus in Yeongdo, einem Bezirk von Busan: der zweitgrößten koreanischen Stadt. Hoonie vergeht lautlos. Als Witwe beweist Yangjin unternehmerisches Geschick in einem besetzten, schwer gezeichneten Land. Die japanischen Usurpatoren neigen zu heftigen Herabwürdigungen.

Von einem betuchten Schwätzer wird Sunja mit siebzehn schwanger. Sie hofft auf eine Heirat. Die Tochter eines Mannes, dessen Aufmerksamkeit von vielen als Segen empfunden wurde, erwartet mehr als Fürsorge von dem Liebhaber, der Anstalten macht, Sunja so gut wie eben möglich unterhalb der Schwelle einer Ehe zu stellen. Während Yangjin in der Brautrolle nur Demut kannte, stellt Sunja Forderungen. Sie verlangt nicht nur Achtung, sondern auch Liebe.

Mit der Eingliederung Koreas ins japanische Kaiserreich wurden Koreaner zu japanischen Staatsbürgern zweiter Klasse. Man nennt sie bis heute Zainichi.

Auch er war ein Zainichi-Koreaner - Ōyama Masutatsu (1923 - 1994) begründete Kyokushin: das zu Herzen gehende Vollkontakt-Karate im vollkommenen Geist des Okinawa-Te.  

Feindliche Fremde

Die Generation der Osaka-Koreaner – Geboren in feindlicher Fremde

„Die Gegend taugt nur für Schweine und Koreaner.“

Die Handlung gipst den biografischen Bruch ein, den Sunja erleidet. Die mit dem Makel einer unehelichen Schwangerschaft seelisch abtauchende Tochter tüchtiger Leute, erwartet nach ihrem Einzug in das passende Ghetto von Osaka sich auf die gleiche Weise zurechtrütteln zu können wie in der Heimat an der südöstlichen Küstenlinie Koreas, wo sie in einem Mix aus maritimen Stimmungen, donnernder Urbanität, ruraler Rückständigkeit, mütterlichem Protektionismus und seemännisch-junggesellig-unbeholfenen Avancen erwachsen wurde.

In Japan ist alles anders.

Der Sunja vertraute Trott findet in Osaka keinen Schauplatz. Die Einwanderin gehört zu einer offensiv diskriminierten Minderheit. Sie muss sich auch vor ihren Landsleuten fürchten. Es herrscht doppelte soziale Kontrolle. Die Mehrheitsgesellschaft guckt von oben auf die Verhältnisse der Zugezogenen. Die Community zerrt an sich selbst herum. Dazu kommen Gefahren, die von gescheiterten Migranten ausgehen. Manche suchen ihr Heil in privatgemeinschaftlicher Schwarzbrennerei und im organisierten Verbrechen. Dazu gehört das Glücksspiel. Es spielt zwar eine enorme Rolle im japanischen Alltag, zieht aus seiner Bedeutung aber kein Prestige.

Im Original heißt Min Jin Lees Roman nach einem Glücksspiel „Pachinko“. Die Automatenhallenunterhaltung verbindet sich in Japan vielfach und in langen Traditionslinien mit den Existenzen koreanisch-stämmiger Einwanderernachkommen. Die mitunter in der vierten Generation geächteten Garanten eines süchtig gesuchten Vergnügens haben die Reputation von Dealern. Ohne jede Anerkennung sind sie systemrelevant.  

Man warnt Sunja vor den schrägen Vögeln. Später wird sie selbst einen zur Welt bringen.

*

„Niemand vermietet gern an Koreaner.“

Sunja gewöhnt sich an ihre Unsichtbarkeit im Straßenbild. Unsichtbarkeit variiert die Unberührbarkeit der Parias. Min Jin Lee beschreibt kleine Schockwellen, die Sunjas Kurs verändern. Ihr im Grunde bäurisches Selbstbewusstsein dominiert in der Maske größter Bescheidenheit und willigster Anpassung die despektierlichen Fremdzuschreibungen.

Die Mehrheitsgesellschaft immunisiert sich mit Verachtung gegen Kontaminationen. Nichts besorgt sie mehr als ein Verlust an Reinheit. Mit Unreinheit assoziiert zu werden, erscheint Sunja absurd.  

Min Jin Lee wurde 1968 in Seoul/Südkorea geboren und immigrierte, als sie acht Jahre alt war, mit ihrer Familie in die USA. Sie hat in Yale studiert und vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans als Anwältin gearbeitet. ›Ein einfaches Leben‹ stand auf der Shortlist des National Book Award und auf allen Bestsellerlisten der USA. Min Jin Lee lebt in New York.