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09.04.2020, Jamal Tuschick

Von der Existenzphilosophie zur Politik

Das 20. Jahrhundert sei ohne Hannah Arendt gar nicht zu verstehen, schrieb der Schriftsteller Amos Elon. Arendt prägte maßgeblich zwei für die Beschreibung des 20. Jahrhunderts zentrale Begriffe: Totalitarismus und Banalität des Bösen. Dabei blieben Arendts Urteile selten unwidersprochen. Der Band folgt ihrem Blick auf das Zeitalter totaler Herrschaft, Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, die Erblasten der Nachkriegszeit, den Eichmann-Prozess, das politische System und die Rassentrennung in den USA, Zionismus, Feminismus und Studentenbewegung.

Zur „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ zählte dieses Stück. Aktentasche von Hannah Arendt mit goldenen Initialen H.A.B. für Hannah Arendt-Blücher, Leder © Deutsches Historisches Museum, Sammlung Edna Brocke, Foto: DHM/D. Penschuck.

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Adolf Hitler vereitelt, dass Hannah Arendt die Laufbahn einer deutschen Philosophieprofessorin absolviert. Die Entrechtung der Juden im Nationalsozialismus erzwingt eine Politisierung zur geistigen Bewaffnung jener, die „des Rechts beraubt (wurden), Rechte zu haben“. Arendt befasst sich mit dem Burenregime als einer älteren Entrechtungsmaschine. Sie behauptet, dass die „Rassegesellschaft“ einen Ursprung im Entsetzen der Weißen „vor Wesen, die weder Mensch noch Tier zu sein schienen“ hat. Arendt beschreibt das Muster einer doppelten „Barbarisierung“, die es im Einklang mit dem europäischen Standard erlaubt, Gruppen schrankenloser Gewalt auszusetzen. Darauf weist Felix Axster in einem Aufsatz über Arendts Imperialismus-Kritik in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ hin.

„Unter Deutschen“, so Marie Luisie Knott, sieht sich Hannah Arendt Ende der 1940er Jahren in „Kämpfe gegen die Schimären, Sirenen und Ungeheuer ihrer Zeit“ verwickelt.

Die Philosophin lebt an einem Abgrund, und viele Deutsche wissen von nichts. Arendt fordert den „Aufbau eines föderierten Europas“. Sie plädiert gegen „eine Rückkehr zum Nationalstaat“, da sind die Würfel längst gefallen. Der Kalte Krieg stellt fast alles, was im Raum steht, in den Schatten. Die Besucherin trauert ihrer Heimat in einem „Urwald“ voller „Schlächterhunde“ nach. In der Metaphorik zeigt sich die Überwältigung. Die Bilder, mit denen Arendt ein Angebot von Dolf Sternberger, ihn in Deutschland auf einer Redaktionsstelle zu vertreten, ablehnt, bezeugen „panische Angst … und eine enorme Schutzlosigkeit“.

Ohne Sehnsucht/Apokalypseblindheit

Ihre erste Reise nach Europa unternimmt Arendt 1949. Keine Sehnsucht begleitet sie. Sie trifft Karl Jaspers, der das Besondere einer totalitären Diktatur (im Gegensatz zu bürgerlichen Diktaturen) in der dichtesten Verfugung von „Terror und Ideologie“ erkennt.

Arendt erscheint als Instanz im Vortragszirkus und Tagungstourismus der Fünfzigerjahre.

„Ich habe mir … offen gelassen, … noch ein paar Vorträge zu machen.“

In dieser Zeit kühlt das Verhältnis zu Günther Anders ab; das gemeinsam-getrennt im Leid erfahrene Unrecht reicht nicht mehr, um Gegensätze im persönlichen Umgang zu entschärfen. Im Dissens geht es um die Atombombe und um Anders Begriff von der „Apokalypseblindheit“.

Arendt: „Was für ein gefährliches Spielzeug in der Hand dieser Narren, die die Welt regieren.“

Sie weiß: Die Amerikaner sind nur an technischr Überlegenheit interessiert. Für sie ergibt sich keine „gravierende Verschiebung der (politischen) Grundlagen“ aus ihrem Weltvernichtungspotential. 

»Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert« - Der Band begleitet die gleichnamige Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin.

Mit Beiträgen von Micha Brumlik, Ursula Ludz, Marie Luise Knott, Jerome Kohn, Wolfram Eilenberger, Norbert Frei, Barbara Hahn, Thomas Meyer, Ingeborg Nordmann und Liliane Weissberg. Dorlis Blume, Monika Boll, Raphael Gross (Hrsg.)

Kellersensationen

Ihrem Mann Heinrich Blücher schreibt sie 1949 aus Deutschland:

„Weißt Du eigentlich, wie recht Du hattest, nie wieder zurück zu wollen?“

Hannah Arendt deprimieren rasante Restitutionen zum Vorteil der nationalsozialistischen Funktionselite. Es werde im großen Stil investiert. „Entnazifizierte SS-Führer“ kämen mit viel Geld in das Casino der neuen Zeit. Raubgoldgerüchte kursieren. Investigationen in diese Richtung hält die Publizistin für lebensgefährlich.

Trotzdem fühlt sich Arendt in Berlin zuhause. Sie lobt den Menschenschlag und labt sich am Berlinischen. Sie trifft Ernst Grumach, den sie (wie vor ihr Gershom Scholem) als Hauptquelle angibt, soweit es den Verbleib geraubter Bücher betrifft. Grumach katalogisierte als Zwangsarbeiter im Reichshauptamt Bücher. Er hat seine Verfolgung unter den Verfolger*innen überlebt. Nun identifiziert und archiviert Grumach Kellersensationen, so wie über vierhundert Judaica-Preziosen, die aus dem Untergrund der Charlottenburger Schlüterstraße im Britischen Sektor auftauchen. Viele Ritualgegenstände werden transkontinental transferiert und stocken Bestände in Amerika auf. Ein Arsenal mit Ausstrahlung ist das Hebrew Theological College in Skokie, Illinois.    

Arendt kämpft um die Rück- und Freigabe aus jüdischem Besitz gebrochener Güter. Oft stößt sie auf Schreibstubenwiderstand. Man bringt Unverständnis an und weist zurück, was sich zurückweisen lässt. Das III. Reich geht in eine unheimliche Verlängerung. Verschwitzte Griffelwichte spielen sich als Insubordinations-U-Boot-Kaleus auf.  

Arendt war gewarnt worden: „Deutsche Bibliotheken (sind) zweifellos unwillig, irgendetwas zu melden.“

Ihre Devise lautet: „Mein Name ist Hase. Ich weiß von nichts.“

Arendt sieht sich zu Detektivarbeit gezwungen. Man behindert und zermürbt sie mit Manövern auf den Linien der Verschleppung und Hintertreibung. Der deutsche Bibliothekar befindet sich im zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen berechtigte Ansprüche, die nach seiner Auffassung (in bizarren Volten der Täteropferumkehr) aber Auswüchse der „Siegerjustiz“ sind.

In den Ministerien findet Arendt redliche Repräsentanten, die entschlossen sind, „begangenes Unrecht wiedergutzumachen“. Die Kooperativen bemühen sich vergeblich um eine Deklarierungspflicht „aus jüdischem Besitz überwiesener Bücher und Kunstwerke“.

Arendt konstatiert: Es besteht kein „ernsthafter Wille, Verantwortung für die vergangenen Verbrechen zu übernehmen“. Die Delegierte spricht von Schikane und einer Neigung zur doppelbödigen Zweideutigkeit. Ohne den Druck der amerikanischen Besatzungsmacht bewegt sich nichts, so Chana Schütz in ihrem Aufsatz „Zu treuen Händen. Hannah Arendt und das kulturelle Erbe der Juden Europas“.

Revolution des Menschenrechtsdiskurses

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Wie hältst du es mit den Minderheiten? Nach unserem Demokratieverständnis bewährt sich eine Gesellschaft da, wo schwach repräsentierte Gruppen nicht allein deshalb untergehen, weil sie ihre Interessen nicht mit mannschaftlicher Stärke verknüpfen können. Vielleicht geht diese Einsicht auf Hannah Arendt zurück. Jedenfalls erklärt sie 1943 in einer Analyse das Scheitern der europäischen Völkergemeinschaft mit dem Versagen gegenüber der „schwächsten Minderheit“.

Die nationalsozialistische Verfolgung der Juden beweist nicht nur ein Versagen Europas zum Nachteil Europas, sondern auch ein nationalstaatliches Desaster in jedem einzelnen Fall. So ungefähr sagt es Arendt. „Das jüdische Volk“* nimmt seine biblische Rolle als historisches Subjekt wieder ein.

* Ich folge Arendts jüdischem Volksbegriff so wie ihn nicht zuletzt Micha Brumlik mühelos adaptiert, ohne Zustimmung oder Ablehnung.

Im gleichen Zusammenhang fordert Arendt die Einklagbarkeit des Menschenrechts – „Es gibt nur ein einziges Menschenrecht“. An anderer Stelle erklärt sie den Staat als zwingend notwendige Voraussetzung für die Rechtlichkeit der Basishumanität.

Rückt man die Überlegungen zusammen, ergibt sich das Postulat: Die Juden brauchen einen eigenen Staat, in dem sie sich das Menschenrecht selbst garantieren.

Arendt entwickelt das Institut des „Rechts, Rechte zu haben“ zum Wohl von Entrechteten und kreiert so eine Gussform für Ansprüche. Thomas Meyer spricht von einer „Revolution des Menschenrechtsdiskurses. Von dieser Formel aus haben Feministinnen, Juristen, Philosophinnen und Menschenrechtsaktivisten eine Ausweitung der Rechte für staatenlose Flüchtlinge eingefordert.“

"We Refugees"

In Rahel Varnhagen entdeckten die Freundinnen Hannah Arendt und Anne Mendelsohn eine Vorgängerin ihres persönlichen Sturms und Drangs. Obwohl Varnhagen konvertierte und in den christlichen Adel einheiratete, vermied sie in Arendts Ableitung den Parcours vom „Paria“ zum „Parvenü“ der Assimilation.

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1941 erreicht Hannah Arendt New York. Sie fasst sofort Fuß und steht bald beidbeinig als Journalistin und Wissenschaftlerin im Berufsleben.

Arendt befasst sich mit „Flucht, Staatenlosigkeit und Minderheitenrechten“. Sie titelt: „We Refugees“. Historische Ereignisse beschränken „jüdische Lebensformen auf die Rollen von Flüchtlingen und Opfern“. Die Autorin hält sich mit der zum Genre gewordenen Tatenlosigkeit vor dem Exil auf. Sie leitet von ihrer Lage ab und streift das Allgemeine. Sie wurde/man wird zur Flucht gezwungen, ohne Dissident*in (gewesen) zu sein. Zur Tatenlosigkeit kommt Mittellosigkeit. Die Ohnmacht grassiert.

Arendt wird immer bewusst bleiben und in dieser Sache auch juristische Hebel einsetzen, dass ihr eine Karriere verwehrt wurde, auf die sie Anspruch hatte. Auch wenn die Feststellung unausgezeichnet bleibt, erlebt sie ihre Exilverhältnisse (zunächst zumindest) als Verminderung im Vergleich mit einer deutschen Professur.

Ihr Plural verbindet die in die Flucht getriebene Juden. Das hebt Thomas Meyer in seinem Aufsatz hervor. Der Antisemitismus zwingt die Denkerin in eine bestimmte Richtung. Er raubt ihr die Freiheit und macht sie zum Sprachrohr. Er konfiguriert sie.

Arendt empört sich kaum, findet es aber doch immer wieder notwendig, die zerfetzte Fahne ihres säkularen Anfangs neben den jüdischen Bannern der Not- und Hoffnungssolidarität aufzupflanzen.

Die jüdische Ablehnung des Jüdischen als Folge einer 150-jährigen Geschichte der Assimilation

Die Gewissheit, Subjekte grauenhafter Prozesse (Zielpersonen in den Augen von Vernichtern) zu sein, raubt den Geretteten in der Neuen Welt das unbewusste Vertrauen in die amerikanische Verkehrssicherheit. Das begreift Arendt als psychologische Kippfigur. Die Kodes echter Harmlosigkeit/Zugänglichkeit erschließen sich den Traumatisierten nicht zwanglos. Der Holocaust unterbricht die Bereitschaft zur Annahme gültiger Normen und bewirkt Falschadaptionen.

„Folglich (bemerken) die Flüchtlinge erst durch Zurechtweisung, dass es gerade die ungeschriebenen Regeln sind, die das Leben bestimmen.“

Darin spiegelt sich die „heute (aus der Warte von 1943) so verdächtige Loyalität … der deutschen Juden“ gegenüber den Gepflogenheiten der mehrheitsdeutschen Gesellschaft. In der allgemeinen Tragik schwimmt der dicke Hund einer obsoleten Bereitschaft mit, die nicht assimilierten Juden durch Filter mehrheitsdeutscher Ablehnung zu betrachten.

Das muss sich ändern. Auch an dieser Stelle der Arendt’schen Analyse erkennt man Motive der Politisierung einer aus dem Elfenbeinturm gezogenen Philosophin. Arendt postuliert die Klärung „der gegenwärtigen Situation des Judentums – auch um den Preis der sozialen und intellektuellen Isolierung“.

Nachdenken über Hannah Arendt - Bei Piper erscheint heute »Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert«. Der Band begleitet die gleichnamige Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin, die am 27. März beginnt.

Mit Beiträgen von Micha Brumlik, Ursula Ludz, Marie Luise Knott, Jerome Kohn, Wolfram Eilenberger, Norbert Frei, Barbara Hahn, Thomas Meyer, Ingeborg Nordmann und Liliane Weissberg. Dorlis Blume, Monika Boll, Raphael Gross (Hrsg.)

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Sujet der Freundschaft

Rahel Varnhagens Salon vergesellschafte den „Augenblick einer sozialen Utopie“. Er endete 1806 mit dem Berliner Auftritt Napoleons. Die Löwin führte ihren Salon schriftlich weiter. Die Gastgeberin avancierte zur Femme de lettres. Hannah Arendt zeichnet den Weg aus dem warmen Regen eines Hoffnungsüberschusses hin zur resilienten Festungsexistenz in der 1955 erschienenen Abrechnung „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft.

Arendt sieht in V. das Gegenmodell zum um Anerkennung bemühten, zur Assimilation entschlossenen „Parvenü“, der mit seinen Anstrengungen den „Paria-Status“ abzustreifen versucht. Arendt erkennt in V. eine vorbildliche Akteurin auch insofern, als sich V. (nach Arendts Ableitung) der Assimilation verweigert.

Die Beschäftigung mit Varnhagen blieb ein Sujet der Freundschaft. Arendt heiratete 1929 den Philosophen Günther Stern. Das Paar etablierte sich in Berlin. Da studierte Arendt Rahel Varnhagens Korrespondenz und widmete die Analyse Anne Mendelsohn. Die Konzentration auf eine Akteurin der Emanzipation entsprach einer politischen Manifestation in Zeiten des immer gefährlicher werdenden Antisemitismus. Arendts Doktorvater Karl Jaspers förderte seine Schülerin mit dokumentierter Skepsis. Er riet zur Zurückhaltung durch die Blume akademischer Argumente.

Arendt dokumentierte für einen NSDAP-Watch antisemitische Propaganda. Sie engagierte sich in der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Bald darauf emigrierte sie nach Paris. Es gab einen Kontakt zu Walter Benjamin, der sie ermutigte, sich weiter mit Varnhagen zu beschäftigen. Erst 1941 gelangte Arendt via Lissabon nach Amerika.

In einer Kritik aus dem Jahr 1945 schießt Arendt über das Ziel hinaus. In ihrem intellektuellen Freilauf, so Micha Brumlik implizit, bleibt Arendt zu theoretisch. Brumlik stützt Scholem, indem er ihm das letzte Wort lässt. Es sei doch stets nur darum gegangen, den antisemitischen Verfolgungsdruck zu mildern. Vor diesem Hintergrund verdiente, so Scholem, eine historisch nachträgliche nationalstaatliche Gründung, die sich den Vorwurf einer kolonialistischen und imperialistischen Spätlese mitunter achselzuckend gefallen ließ, jede Unterstützung.

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1945 warf Hannah Arendt dem Zionismus einen Pakt mit dem Imperialismus vor. Gleichzeitig verschloss sie sich nicht der Einsicht, „politisch immer nur im Namen der Juden sprechen zu können“. Zudem bestand für sie kein Zweifel daran, dass nur ein Nationalstaat Menschenrechte garantieren kann. Eine nachgeborene Würdigung dessen, was sich da anbahnte, darf nicht außer Acht lassen, dass „eine jüdische Mehrheit in Palästina … demografisch in keiner Weise absehbar war“ (Micha Brumlik), als Arendt den Nationalzionismus Ben-Gurion’scher Verwegenheit dem Revisionismus-Vorwurf aussetzte. Die Akteure fegten ihre Abneigungen beiseite und zogen – unter dem Druck des Holocaust und beschleunigt von vielen Sorgen

Was Rommel in Afrika für sie beinah bedeutet hätte

gemeinsam an kolonialen und imperialistischen Strängen, um sich zu befreien und halbwegs sicher zu halten in einem jüdischen Hafen.

Micha Brumlik führt ein Wort von Heidegger ein: „Weltlosigkeit“ – für die westlichen Zionisten sei „Palästina ein idealer Ort außerhalb der trostlosen Welt“ gewesen, ein Labor für idealistische Experimente. Man ahnt Arendts Skepsis gegenüber einer sozialen Akrobatik im Abseits des globalen Nordens. Ohne Antisemitismus wäre Arendt als deutsche Philosophin aus einem geistigen Frei- oder Marburg vielleicht nie herausgekommen. Die Herausforderungen der Zeit verlangten Anpassungen mit dem Charakter von Zerreißproben.

Ich folge Arendts jüdischem Volksbegriff so wie ihn Brumlik mühelos adaptiert, ohne Zustimmung oder Ablehnung.

Sie konstatiert, dass der politische Zionismus nicht aus dem Volk kam. Die Aktivist*innen „trauten dem jüdischen Volk die Willenskraft“ nicht zu, „sich die Freiheit zu erobern“. Kein zionistischer Führer (mit Ausnahme von Bernard Lazare) erwartete Impulse aus dem europäischen Revolutionsbetrieb.

Der anarchistische Nationalist Gershom Scholem verurteilte Arendt für ihren Kassandraruf, in dem sich das Wissen offenbarte, dass die Nationalstaaten am Ende waren. Arendt sah keinen Grund, auf eine Föderation zu spekulieren, während „jede imperialistische Lösung als Ersatz für den überlebten Nationalismus“ das kommende Israel zu seinem Nachteil kontextualisieren würde.

In der Kritik schießt Arendt über das Ziel hinaus. In ihrem intellektuellen Freilauf, so Brumlik implizit, bleibt Arendt zu theoretisch. Brumlik stützt Scholem, indem er ihm das letzte Wort lässt. Es sei doch stets nur darum gegangen, den antisemitischen Verfolgungsdruck zu mildern. Vor diesem Hintergrund verdiente, so Scholem, eine verspätete nationalstaatliche Gründung, die sich Vorwürfe mitunter achselzuckend gefallen ließ, jede Unterstützung.

Denken ohne Geländer

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Sie untersuchte die Bedingungen des politischen Handelns im säkularen Zeitalter. Ihre Urteile waren politisch furios und standen stets im Feuer der Kritik. Die wichtigste Denkerin des 20. Jahrhunderts plädierte für ein „Denken ohne Geländer“ in der Abwesenheit eines absoluten Wahrheitsbegriffs.

Auch Arendt entstand als freistehende Leitfigur unter dem Druck feindlicher Kräfte. Der Antisemitismus löste sie aus ihren akademischen Zusammenhängen und zwang sie zu politischen Auffassungen. Sie kritisierte den politischen Zionismus, während sie ihm die Argumente lieferte. Den Antisemitismus erklärte sie auch als Reaktion auf Intransparenz in den heruntergekommenen Nationalstaaten, die eine fatale Transzendenz in den Preisgaben ziviler Kontrollen da erzeugten, wo das Bürgerrecht nicht mutterländlich griff. Enthemmte Bürger, so Arendt, trieben in den Kolonien den Imperialismus auf totalitäre Spitzen. Überall profitierten sie von ihren eigenen Unterscheidungen. Sie waren die weißen Haie der Urteilsketten. Bei Susan Neiman, die in den US-Südstaaten aufwuchs, fand ich das Sprichwort:

„Als Katholik … wäre ich beunruhigt. Als Jude würde ich meine Koffer packen. Als Schwarzer hätte ich mich längst aus dem Staub gemacht.“

Der jüdische Patrizieradel hatte europäische Fürstentümer und koloniale Exploitationsexpeditionen finanziert. Bloßgestellt von der (Ressentiments erheischenden) Konstellation eines Reichtums ohne Macht, suchte er unter den entfesselten Imperialisten des 19. Jahrhunderts nach einer neuen Rolle zwischen Separation und Assimilation.

Micha Brumlik widerspricht Arendt punktuell. Er referiert Arendts Feststellung einer „Anomalie: (diese) lag in der Tatsache, dass … ein Volk in eine politische Rolle gedrängt wurde, dass selbst keine politische Repräsentanz hatte“.

Brumlik fasst nach: Arendts Analyse hatte zwei normative Voraussetzungen:

Juden sind im ethnischen Sinn ein Volk.    

Erst der Nationalstaat vermag den Bürger schützend in (seine) Rechte zu setzen.

Zieht man die Positionen auf Arendts Linie zusammen, hat man die Begründung für den Nationalzionismus. Arendt selbst wurde „als erklärte Nichtzionistin für die Zionistische Vereinigung tätig“.

„Politisch werde ich immer nur im Namen der Juden sprechen, sofern ich durch die Umstände gezwungen bin, meine Nationalität anzugeben.“  

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