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14.04.2020, Jamal Tuschick

Gemeißelte Wangenknochen

Katja Eichinger beobachtet ein Stelldichein gelifteter Hollywood-Veteraninnen. Die Essayistin spekuliert über den Sinn von Schönheitsoperationen. Sie verliert sich in Vermutungen, bis es ihr beim Anblick eines antiken Rolls Royce wie Schuppen von den Augen fällt. Der Damenkranz konstituiert sich als Konkurrenz der Operierten. Die Protagonistinnen tragen einen Wettbewerb der Erhabenheit über die natürliche Alterung aus.

Gemeißelte Wangenknochen, herzförmige Oberlippen: Wer hat was von wem machen lassen? Das ist hier die Frage.

Joan Collins tritt (im weißen Hosenanzug und Borsalino) als Hüterin des heiligen Feuers auf. Sie ist die Reichste und Berühmteste der Operierten. Sie setzt den Vorrang des Ensembles durch, das nicht grundlos auf einem Set der Achtzigerjahre ankert. Damals waren die „Ego-Explosionen“ der Damen ikonografisch.

Eingebetteter Medieninhalt

In Los Angeles bewegt sich Katja Eichinger in einem Augenblick, der besondere Aufmerksamkeit erheischt, da, wo 1979 Filmgeschichte geschrieben wurde. Ich erinnere mich nur an Verrisse von „American Gigolo“. Aber in der retrospektiven Betrachtung konserviert der Film Übergänge zwischen den erschöpften Erwartungen der vormals furiosen Antiautoritären und dem Vorspiel einer hemmungslosen Zockerei, deren narzisstischer Overflow „American Psycho“ dynamisiert. Der von Richard Gere verkörperte Edelstricher Julian Kaye wirkt wie ein graswurzelnder Ich-AG-Selbstoptimierer im Vergleich mit dem Psycho-Immobilienhändler Patrick Bateman (Christian Bale) aus dem Hause Brett Easton Ellis.

Katja Eichinger, „Mode und andere Neurosen“, Essays, Aufbau, 208 Seiten, 20,-

Gere agierte in der Polo Lounge des Beverly Hills Hotels Lauren Hutton:

„The very first scene that we did on American Gigolo was the hardest. We had this scene in the Polo Lounge at the Beverly Hills Hotel, where I meet Richard [Gere]'s character and proposition him. He's pretending not to be a gigolo and …“

Auf diesem Schauplatz legendärer Bewegungen beobachtet Eichinger ein Stelldichein gelifteter Hollywood-Veteraninnen. Die Essayistin spekuliert über den Sinn von Schönheitsoperationen. Sie verliert sich in Vermutungen, bis es ihr beim Anblick eines antiken Rolls Royce wie Schuppen von den Augen fällt. Der Damenkranz konstituiert sich als Konkurrenz der Operierten. Die Protagonistinnen tragen einen Wettbewerb der Erhabenheit über die natürliche Alterung aus.

Gemeißelte Wangenknochen, herzförmige Oberlippen: Wer hat was von wem machen lassen? Das ist hier die Frage.

Die Aktivistinnen einer perversen Perfektion pfeifen auf Gigolos. Die haben sie hinter sich. Sie wollen gar nicht auf eine posttraumatische Weise begehrenswert erscheinen, sondern künstlich wertvoll. Die erzwungene Regungslosigkeit der Mimik ist ein subkulturelles Merkmal, vergleichbar mit dem statuarischen Gebaren in aufgeschminkten Maskenspielen und natürlich trifft ein Vergleich mit Wachsfiguren. Joan Collins tritt (im weißen Hosenanzug und Borsalino) als Hüterin des heiligen Feuers auf. Sie ist die Reichste und Berühmteste. Collins setzt den Vorrang des Ensembles durch, das nicht grundlos auf einem Set der Achtzigerjahre ankert. Damals waren die „Ego-Explosionen“ der Damen ikonografisch.

„Aufgespritzte Lippen … sind die Stoßstangen eines Gesichts-Rolls-Royce. Die Pufferzone zwischen Frau und Realität.“

Eichinger erzählt mit leichter Hand und einem schönen Schwung. Man ist dabei und angenehm berührt von dem eigenen Desinteresse an Schönheitsoperationen. Nur fällt es jetzt nicht mehr so leicht, etwas verdächtig zu finden, das vermutlich viel dichter an dem Trampelpfad der Menschheit ins All liegt als das Natürlichkeitsphantasma einer Generation von Deo-Verweigerern. Man muss sich doch nur angucken, wer aus der weiblichen Boomer-Kohorte der altersgerechten Ergrauung Gerechtigkeit widerfahren lässt, um die Hinfälligkeit des Konzepts zu erkennen.

Zur „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ zählt in Academia so ein Stück. Aktentasche von Hannah Arendt mit goldenen Initialen H.A.B. für Hannah Arendt-Blücher, Leder © Deutsches Historisches Museum, Sammlung Edna Brocke, Foto: DHM/D. Penschuck.

Die heraldische Dimension des Etiketts

Das Geburtshaus der Großmutter steht in einem Greifswalder Nirgendwo weit weg von den Asphaltlaufstegen „perfekt geföhnter Wesen“, deren Handtaschen die Essayistin mit Massenvernichtungswaffen, Vulven und Tresoren vergleicht, während die passende Uhr am Männergelenk als Cock Ring Äquivalenz garantiert. Katja Eichinger erzählt von einer Äquatortaufe in Südfrankreich, als sie den wahren Wert der „Designer-Vagina einer gewissen Preisklasse“ nach einem Secondhand-Vintage-Kauf am eigenen Leib erlebte. Das teure Ding am Arm verschaffte ihr an den teuersten Orten Zutritt unter den Vorzeichen der Hochachtung. Die Türsteher der Reichen erkannten Eichingers Rang am Etikett auf dem Beutel am Arm.

Eichinger sieht sechs Vollverschleierten an einer Münchner Ampel. Nichts individualisiert sie außer den Handtaschen, die einen Anspruch auf bestmögliche Behandlung förmlich verkünden.

Eichinger reiht Szenen in Pastelltönen aneinander und kontrastiert sie mit Erdfarbenbildern. Die Greifswalder Großmutter heiratet einen hessischen Bauern, der bald in den Krieg zieht. Mit dreiundzwanzig ist sie Witwe, Mutter von zwei Kindern und Herrin eines verschuldeten Hofs südlich von Kassel.

Das Ego wird im Spiegel geboren

Jahrzehnte später stellt sich die Enkelin vor „das düstere Haus“ …

„Und dann habe ich mich selbst ... fotografiert.“

Eichinger liefert den Diskurs nach Roland Barthes und Susan Sontag: Selfies sind „Zertifikate der Anwesenheit“ und „Fototrophäen“. Sie unterscheidet die degradierenden Konnotationen der Selbst-Ikonografie vom kulturellen Stellenwert des Selbstporträts. Wo die technische Leistung über die individuelle Vorzüglichkeit hinausgeht, gibt es jedenfalls keinen großen Markt für Exklusivität. Trotzdem steckt in dem Massenprodukt Selfie eine Selbstermächtigungspotenz, mit der Kraft Lücken zwischen Ego und physischem Selbst zu schließen. Eichinger spricht von einer „digitalen Überlebensstrategie“. So sehe ich das auch. Ich habe Jahrzehnte Literaturphänomene nur schriftlich aufgenommen. Für die Fotos kamen Fotografen. Aufnahmen hatten die Gravität und das Gravitätische von Papas Sonntagsausflugsdokumentationen. Das ist vorbei. Zur Smartphone-Kompetenz gehört der vorsorgliche Schnappschuss, letztendlich die eigene Bildzeitung in Echtzeit.

Das digitale Kartenhaus

Es entwickelt sich ein journalistischer Lebensstil als Spielart der Körperverwaltung nicht zuletzt, während auf dem Spieltisch des Planeten die Karten neu gemischt werden. Überblicken wir die letzten fünfhundert Jahre, sehen wir zuerst den Übergang von feudalen zu industriekapitalistischen Verhältnissen im Takt der Schriftkultur, und jetzt geht es weiter dahin, wo alles zur digitalen Überlebensstrategie wird und jemand ohne die entsprechenden Anschlüsse unbehaust bleibt.

Soziale Panik im Kleinen Schwarzen

Ein Einstieg wie von Don Alphonso. Sofort sieht man das ganze Bild. Die Republik in bester Verfassung zeigt sich als Korona ihrer Selbst am Starnberger See. Ein Meer von Khaki und Leinen rauscht auf. „Die liberale Bourgeoisie von München“ erinnert sich im Kollektiv, warum sie nicht in Berlin lebt und was sie da abstößt. Man ist Teil einer ästhetischen Kampagne, die so nonchalant wie ausschließend bestimmte Distinktionsmarken absetzt. Im Trubel separieren sich Michael Krüger und Jürgen Habermas. Die Reihenfolge ergibt sich aus der Geläufigkeit. Den Verlegerautor trifft man hier und da, den Philosophen aber nur zu den festlichsten Gelegenheiten, wenn er sich wieder einmal für einen international nobilitierten Preis zu bedanken hat. Nun trägt Habermas Sportschuhe der Marke Nike und das veranlasst Katja Eichinger zu einem Exkurs über „positive und negative Freiheit“ im Verein mit der von Sportschuhe der richtigen Marke tragenden Gesamtschüler*innen gewissermaßen bewohnten Mauer vor dem Edeka ihrer Wolfhagener Kindheit und Jugend.

Es äußert sich eine Nordhessin. Auch die nordhessische Hauptstadt Kassel hatte ihre Gammlermauer (am Friedrichsplatz). Aus Kassel kam Barbara Rudnik, die andere Nordhessin im Leben von Bernd Eichinger.

Katja Eichinger erlebte Anfang der 1980er MTV als Zentralgestirn der Orientierung. Man sah Turnschuhe soweit das Auge reichte. Wir hatten einen Turnschuhminister, auch Bernd Eichinger „zählte zu den Turnschuhrebellen“.

Surfen - Skaten – Streetwear

Katja Eichinger memoriert Meilensteine des Streetwear-Booms, der neue Begriffe für Salonfähigkeit geprägt hat und dies zweifellos nur einen Wimpernschlag lang im Morgentau subkultureller Lässigkeit. Eichinger beschreibt den historischen Augenblick, in dem Streetwear als Einwand gegen Kommerzfetischismus funktionierte.

In dem Katalog zur Hannah Arendt Ausstellung im Deutschen Historischen Museum finde ich diese Stelle besonders schön:

„Zu den „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ (B. Vinken) gehört auch das Pelzcape, Macy’s Little Shop, Mink, New York, 1950er Jahre. Auf der Innenseite des Capes findet sich ein maschinengesticktes Monogramm »H A B« für Hannah Arendt Blücher.“

Würde das Cape die Philosophin heute einem aktivistischen Shitstorm ausliefern?

Eichinger erwähnt die Vermarktung von Freiheitsversprechen und -erwartungen. Mir ist noch nicht lange klar, dass die bürgerliche Form viel anspruchsvoller auf Freiheit pocht als jeder Straßenfeger, ob aus Plastik oder Leinen.

Eichinger: Die Wahl zwischen Puma und Reebock ist keine.

Zur „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ gehört zweifellos die Handtasche, die, so weist es die Essayistin einfallsreich nach, auch für Frauen ein weiblich konnotiertes, seine Dinglichkeit grandios überschreitendes Objekt ist.

Eichinger sagt, Kleider, Handtaschen und Träume liegen im selben Fach des Allerpersönlichsten. Das Offensichtliche verbirgt alles Mögliche, zumal das leicht störbare Verhältnis von Stoffen, Schnitten, Farben, Kombinationen und Lust. Nichts Einordnendes verfängt. Das „Kleine Schwarze“ entspricht in einem Augenblick dem Nachweis, angemessen in Erscheinung treten zu können, und im nächsten gewinnt es ganz andere Bedeutungen. Denken Sie an die Mutter im schwarzen Kleid und die ungeheure Wirkung, die sie so vornehm auf ihre Kinder ausübt. Eichinger spricht von Magie. Ich schätze, jedes Kind erlebt diese Überzeichnung des Alltags als biografischen Knotenpunkt.

Zugleich geht es darum, sich mit Straßendemonstrationen „von Geld und Einfluss“ auf die einfachste Weise abzusichern. Eine Designerhandtasche macht den Job. Sie klärt, dass Ambivalenzen im Akutkontext nicht zur Debatte stehen. Eichinger nennt den formidablen Beutel ein „Beruhigungsmittel gegen soziale Panik“.

Katja Eichinger © Christian Werner

Katja Eichinger studierte am British Film Institute und arbeitete als Journalistin in London, u.a. für Vogue, Dazed & Confused und die Financial Times. Nach ihrem Bestseller „BE“, der Biografie ihres verstorbenen Mannes Bernd Eichinger, ist „Mode und andere Neurosen“ ihr neues Sachbuch. Neben ihrer Arbeit als Autorin produziert Eichinger Musik, präsentiert Ausstellungen und fotografiert.

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