MenuMENU

zurück zu Main Labor

17.04.2020, Jamal Tuschick

Rolf Dieter Brinkmann zum Achtzigsten - Von Dieter Gräf

Gestern wäre Rolf Dieter Brinkmann 80 Jahre alt geworden, er erlebte nur 35 davon, aber er lebt in seinem Werk weiter. Mit Giordano Bruno feierte er den Einzelnen und verabscheute die Herde. Seine Vision: viele Einzelne, von denen jeder, jede seine ganz eigene Stimme findet und tönen lässt. Er polterte, aber suchte die Stille; in einem kathartischen Prozess wollte er den Dreck, den er in sich und um sich vorfand, loswerden. Sein Schreiben war ein heftiges Suchen. So wollte er aus dem "Vergangenheitsfilm" in den Moment kommen, ins JETZT. Kann das durch Schreiben überhaupt gelingen? Er verwendete dann auch andere Medien, Tonaufnahmen. Und er machte Collagen. Derzeit gibt es nicht wenige, die aus der Literatur kommen und dort nicht bleiben wollen. Da war er früh dran. Als Dichter ging er vom hohen Ton weg, hin zur Straße und zum Beat. So fand er neue Formen, die gut nebeneinander laufen konnten. Er hatte nicht die Zeit, alles ausreifen zu lassen und viel zu feilen. So kann man das, was er hinterließ, auch als Herausforderung sehen und als Einladung, einen Strang aufzugreifen. Er war kein Mann aus guter Stube. Seine Familie konnte ihm in dem Terrain nichts beibringen, er musste sich überall selbst erfinden und war dabei natürlich nicht souverän. Er war nie souverän, sondern unsicher und verletztend. Wer wohltemperierte Sprachkunst sucht, wird sie hier nicht finden. Der Mann aus Vechta gehört für mich, als Zumutung, zum Gegengift.
Hier eine meiner Arbeiten, die sich auf ihn beziehen. Guten Morgen!