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17.04.2020, Jamal Tuschick

Verrannt und zugenäht

Lucy und der Namenlose absolvieren das Programm der Verliebten. Sie flackern am Strand auf. Man könnte sie für Touristen halten. Lucy versinkt in einer Betrachtung von Rutland Island. Sie sieht einen grünen Flecken in der See und fragt sich, worauf sich in ihrem Leben bauen lässt.

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Wikipedia: "Rutland Island (Irish: Inis Mhic an Doirn), also sometimes known as Inishmacadurn, is an island in County Donegal, Ireland, and an electoral and census reporting district covering it, surrounding islands and part of the mainland. The island itself has no permanent inhabitants, but the district, which includes Burtonport and its environs, had 1,428 residents in 2006. The island lies between Burtonport and the inhabited Arranmore Island, and is not officially served by ferry."

Plötzlich gibt es Sachen, die für Zaungäste mit dem Hautgout der Touristen unerreichbar sind. Seeteufelbäckchen zum Beispiel. Die Verbesserungen in der Küche und am Tisch garantiert der Mann in Mamas Bett. Da amüsiert sich ein Einheimischer mit der angereisten Susie, die von ihrem ehelichen Tom in Grund und Boden enttäuscht wurde.

Susie geht fremd mit Patrick und doch bleibt alles in der Familie. Genealogisch gehört die in Sunderland (England) aufgewachsene Gastarbeitertochter in den irisch-maritimen Heidekrautkosmos, der als Romanzentrale ständig besetzt ist. Alles dreht sich um den Küstenweiler Burtonport und um einen Natursteinbau, in dem Susies Vater über das Grauen einer Glasgower Waisenhauskindheit in der antibritisch beflaggten Obhut von Auntie Kitty hinwegkam. Sein Weg der Migration endete in Sunderland, wo schließlich auch die Erzählerin Lucy Lou als Susies Tochter zur Welt kam.

Jessica Andrews, „Und jetzt bin ich hier“, Roman, auf Deutsch von Anke Caroline Burger, Hoffmann und Campe, 326 Seiten, 23,-

Lucy verdaut einen Londoner Fehlstart als Künstlerin an der Stelle, wo ihr Großvater erlöst wurde. Die Fürsorge der Verwandten nahm ihn vom Galgen der Gleichgültigkeit. Mag er auch Schotte von Geburt sein, ihn erfüllt allein die Sendung seiner radikalen Retterin. Er wird die Engländer auch in England verfluchen.

Die gute Tante war eine großkalibrige Sinn-Féin-Aktivistin. Konspiration gehörte zum Alltag. In jedem Frühjahr stapfte sie durch ihren Garten und köpfte jede Blume, „die es wagte, orangefarben zu blühen“.

Lucy wiegt sich mit den Farnen im Salzwind. Vor allem jedoch lässt sie sich, so wie zuvor ihre Mutter, auf eine unangemessene Beziehung mit einem Beinah-Analphabeten ein, der mit einer Kneipenautomatik in Umlauf gebracht wurde.

Jessica Andrews untersucht das Verhältnis von Ursprung, Herkunft, Zugehörigkeit und Anpassung. Ihre Erzählerin spricht von dem Patrick ihrer Mutter, um ihre eigene Chose zu ventilieren. Das rasch verwitternde Original zeigte Lucy wie man das Hummerfleisch aus den Scheren zuzelt. Das Fleisch schmolz auf der Zunge. So was Zartes bot die irische Armenküche den Gebenedeiten. Lucy kam die Galle hoch. Patrick zahlte mit der kleinsten Münze für sein Vergnügen. Susie durfte sich auf keinen Fall mehr versprechen. Sie fiel mit ihrer Affäre aus dem Raster der Burtonporter Regelmäßigkeit.

Nun blüht Lucy das gleiche Schicksal mit ihrem Namenlosen, von dem ein erregender Industrieduft ausgeht. Aus dem schweren Geruch steigen Gespinste auf. Lucy halluziniert Schornsteine, deren Rauch sie so einschließt, dass sie sich geborgen fühlt.

Sie begehrt den Mann, „weil er nach Öl und Metall riecht“. Von ihm geht der nordostenglische Signalgeruch aus.

Andrews schreibt das so:

„In Nordostengland riechen die Fabriken und Lagerhallen so.“

Das geht dann so weiter und schließt den unbrauchbaren Vater und seinen Nebenbuhler P. ein. In diesem Gewitter der Gewöhnlichkeit fällt Lucy vom Glauben der Vegetarier ab und schmeckt zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Scherenfüllung. Der Schmackes kommt vom Knoblauch.

Lucy und der Namenlose absolvieren das Programm der Verliebten. Sie flackern am Strand auf. Man könnte sie für Touristen halten. Lucy versinkt in einer Betrachtung von Rutland Island. Sie sieht einen grünen Flecken in der See und fragt sich, worauf sich in ihrem Leben bauen lässt. Dann stellt sich die Erinnerung wieder ein, wie ein Stammgast am Tresen. Er pflanzt die Ellenbogen auf. Seine Erwartung richtet sich auf die Wirtin. Er wittert die Gemengelage auf der feinstofflichen Ebene. Sein Fazit unterstreicht eine grobmotorische Geste. Irgendwann wurde es Tom zu dumm, die Abende in Abwesenheit seiner Frau in dem Haus (mit dem großen Garten, der eine Einladung an alle Nachbarskinder aussprach) am Ende der Straße trinkend abzusitzen.

Andrews erzeugt ein Triptychon der Frustration. Patrick saß genauso vor dem Bier in seiner Bude, und im narrativen Kontext sieht man so auch Susies Vater. Jeder auf seine Weise verrannt und zugenäht.

Susie und Tom toben sich auf ihren Rummelplätzen aus. Zwei Ballroom Blitze. Sie lassen die Schwarte krachen und denken sich nichts dabei. Der neue Manchester Kapitalismus entspricht dem alten, während die British Invasion keine europäischen Vorbilder hat. Die glanzvolle Verlorenheitsästhetik von Deep End bis Quadrophenia gehört zu Susies und Toms Ikonografie. Lucy hat davon nichts mehr.

Flüssiges Silber

Rust Belt Romance - Jeder kennt Ewan MacColls Evergreen „Dirty Old Town“. Auch Jessica Andrews singt das Lied.

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Wie flüssiges Silber sieht sie aus in ihrem Trikot. Endlich hat auch Lucy Lou eine beste Freundin, und die Mutter schminkt das Kind vor dem Auftritt.

Die Erzählerin assoziiert ihre Kindheit mit Kirschgeschmack. Sie spricht ihre Mutter an. Sie informiert eine schöne und stabile Angehörige der englisch-irischen Arbeiterklasse in der letzten Generation geklärter Verhältnisse. Das macht den Reiz des Romans aus. Die Mutter schöpft aus der Fülle ihrer Herkunftsgewissheiten, die für Lucy keine Gültigkeit mehr haben. Die Entwertung eines Lebensstils, den man mit Zechen und Werften verbindet, vollzieht sich wie mit Pauken und Trompeten in der Thatcher-Ära. Nur die Kinder wundern sich. So wie sich Lucy wundert. Sie wundert sich darüber, dass sie nicht so wie ihre Mutter geradeaus schreitet, so daseinsfroh und kaum verbeult, trotz der Säufer in der Familie; angefangen bei dem exzessiven Iren, der als Gastarbeiter in der Hafenstadt Sunderland hängenblieb und Lucys Mutter zeugte.

Die Terminatoren der Deregulierung bauen eine Welt, wie sie ihnen gefällt. Ihre Ideologie installiert eine transparente Trennscheibe. Lucy läuft dagegen und weiß nicht, wogegen sie läuft. Auch ihre Mutter kapiert nicht, warum das Kind nicht ihren Fußstapfen folgt.

Unbemerkt verliert Lucy den Anschluss an die Ungehemmten. Die Normalwahnsinnigen aus der Unterschicht heißen Susie und Tom.

Susie und Tom toben sich auf ihren Rummelplätzen aus. Zwei Ballroom Blitze. Sie lassen die Schwarte krachen und denken sich nichts dabei. Der neue Manchester Kapitalismus entspricht dem alten, während die British Invasion keine europäischen Vorbilder hat. Die glanzvolle Verlorenheitsästhetik von Deep End bis Quadrophenia gehört zu Susies und Toms Ikonografie. Lucy hat davon nichts mehr.

Rust Belt Romance

Lucy erinnert sich in dem entvölkerten Fischerkaff Burtonport. Gesetze zum Schutz des Meeresbodens haben den Hafen an der westirischen Küste stillgelegt. Lucy lebt in dem Haus einer verstorbenen Großtante, die als antibritische Aktivistin ein separatistisches Leuchtfeuer in Brand hielt. Ihre Abneigungen gegen die Besatzer waren vorbildlich. In Auntie Kittys Rebellenhaus riecht es nach Torffeuer und Kerzenwachs und bestimmt auch nach dem Whiskey, den Lucy in den Nächten braucht. 

Resignation von der Stange

Es riecht nach Mandarinen an der irischen Atlantikküste bei Burtonport. Im Garten der Erzählerin Lucy wächst Mammutblatt, bekannter als Riesenrhabarber, Hortensien und Klee. Im Haus spuken die Familiengespenster. Ein Geist des Widerstands wohnt hier für alle Zeit.

*

Die Eltern flüchten früh in den Tod. Der Waise wird im Verein mit den Geschwistern erst in der Verwandtschaft herumgestoßen und dann in Heimen von Priestern betatscht. Schließlich löst Auntie Kitty die Kinder aus und lässt sie beim Vieh im Heu schlafen. Das Wunder einer Heimat widerfährt den Verlassenen an einer irischen Wasserkante. Die gute Tante ist eine großkalibrige Sinn-Féin-Aktivistin. Konspiration gehört zum Alltag. In jedem Frühjahr stapft sie durch ihren Garten und köpft jede Blume, „die es wagt, orangefarben zu blühen“.

Ihr Fahrrad „reitet“ sie.

So schildert Lucy die Retterin ihres Großvaters, der in seiner Jugend Gärtner, Klempner und Elektriker in einem Aufwasch lernt. Man nennt ihn Mickey-Kitty nach seiner imposanten Tante. Er nutzt die erste Gelegenheit, um sich nach England abzusetzen. Sein erster Gastarbeiterjob macht ihn zum Zeugen des Tyne-Tunnelbaus. Wikipedia: „The Tyne Tunnel is the name given to two 2-lane vehicular toll tunnels under the River Tyne in North East England. Completed in 1951 and 1967, and reopened in 2019 and 2011 respectively, they connect the town of Jarrow on the south bank of the river with North Shields and Howdon on the northern end.“

Mickey-Kitty strandet in Sunderland einer Hafenstadt im Nordosten. Da gründet er eine Familie, da kommt Lucy zur Welt.

Jessica Andrews erzählt ihre Geschichte aus der englisch-irischen Arbeiterklasse mit ästhetischen Anleihen an die Angries um John Osborne, Alan Sillitoe und Shelagh Delaney. Lucy reibt sich an der mutwilligen Verschwendung von Lebenskraft. Sie verweigert sich den naheliegenden Arrangements und sucht Zuflucht in der Kunst. Sie lässt sich ins Zentrum ziehen, um rasch zu erkennen:

„London ist auf Geld und Ehrgeiz gebaut, und von beidem (habe) ich nicht genug“,

*

„Schweiß hält uns am Leben, so wie der herbe Geruch der Vagina, die nach Batteriesäure schmeckt, wie ich mir später von den Männern sagen lasse.“

Immer wieder kehrt Lucy zu ihrer Geburt und der Phase davor zurück. Sie feiert die Kommunion mit der schönen Mutter, die einen schweren Trinker heiratete.

„Meine Mutter hatte sich ein weißes Mieder aus dem Freemans-Katalog bestellt … In der Hochzeitsnacht betrachtete sie ihren bewusstlos schlafenden Mann, zog das Mieder lautlos aus … und packte es wieder in Plastik. Am nächsten Tag schickte sie es ein und verlangte ihr Geld zurück.“

Plot

Lucy sucht ihren Platz. Zuerst zieht sie von Sunderland nach London und gestattet sich auf dem Spot der Optimierung die Resignation von der Stange. Also haut sie in den Sack und demissioniert in das Cottage ihres verstorbenen Großvaters in Irland, wo früher die wildesten Sinn Féin-Partys gefeiert wurden.

Aus der Ankündigung

„Lucy ist wie so viele junge Frauen, die ihren Schulabschluss frisch in der Tasche haben und in die Städte dieser Welt ausströmen: neugierig, was die Zukunft wohl bringt, voll Hunger nach Leben, beflügelt – und auch ein bisschen überfordert. Zwischen Uni und Nebenjob gibt sie sich in London dem Rausch der Großstadt hin, trifft sich mit Männern, tanzt die Nächte durch. Doch die Vergangenheit lässt sie nicht los: Die Trennung ihrer Eltern und die Herkunft aus der Working Class haben aus ihr einen vorsichtigen Menschen gemacht. Der pralle Alltag und die alles überstrahlende Euphorie fordern zudem ihren Tribut. Als Lucys Großvater stirbt, nutzt sie die Chance und steigt aus: In seinem Cottage an der irischen Küste betrachtet sie das Mosaik ihres Lebens und versucht herauszufinden, wo ihr Platz im Leben sein könnte. Ein schillernder, sinnlicher und herzergreifend ehrlicher Roman über eine junge Frau in einer Welt voller Erwartungen und Begehrlichkeiten.“

Jessica Andrews © Seth Hamilton

„Jessica Andrews wuchs im nordenglischen Sunderland auf und hat seither an so verschiedenen Orten wie Paris, Donegal, Barcelona und London gelebt. Ihre Prosa und Gedichte erschienen unter anderem in Independent, Somesuch Stories, AnOther und bei Papaya Press. Sie unterrichtet Literatur- und Schreibkurse und ist Mitherausgeberin des Online-Magazins The Grapevine, das in Kunst und Literatur unterrepräsentierten Autor*innen Sichtbarkeit verleihen will. „Und jetzt bin ich hier“ ist ihr erster Roman.“

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