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21.04.2020, Jamal Tuschick

Anatomisch attraktiv

Danzig war mal berühmt. Der Nachruhm ist so anziehend wie eine alte Schnapsfahne. In der kalifornischen Romangegenwart ruiniert der abgehalfterte Maler sein seelisches Gleichgewicht als Proportionenlehrer in Aktzeichenklassen, deren Teilnehmer*innen ihn mit ihren quecksilbrigen Energien überfordern. Eines Tages taucht ein neues Modell im San Francisco Art Institute auf. Merav stammt aus Israel. Ihre holländische Großmutter blendete einst mit bloßer Schönheit einen Wehrmachtssoldaten, so dass er sie von seinem Gewaltauftrag ausnahm. „Er schaffte es nicht, sein Gewehr auf etwas so Perfektes zu richten.“ Seither stellen sich die Frauen in Meravs Familie die Frage: „Kann Schönheit dein Leben retten.“

Es gibt eine Aktmodellgewerkschaft. Sie stellt die Regeln auf. Eine Regel besagt, dass niemand die Modelle anfassen darf. Deshalb demonstriert Danzig den Studierenden das zu Studierende an einem Skelett, das er, zur allgemeinen Heiterkeit, Doktor Memento nennt. Memento wie Memento mori. Möge die ausgelassene Jugend in seiner Klasse auch glauben, dass er nur die eigene Sterblichkeit im Blick hat, Danzig, der mal ein berühmter Maler war, zieht alle in den Kreis des Todes.

„Sehen Sie genau hin“, verlangt er.

Seine Intuition hat ihn verlassen. Ihm fehlen Antennen für das gemurmelte Untergrundgeschehen; für die Party auf sämtlichen Bühnen des Lebens, die ohne ihn andauert.

Elizabeth Rosner, „Der blaue Akt“, aus dem amerikanischen Englisch von Brunhild Fölsch und Walter Grünzweig Roman, Hentrich & Hentrich, 232 Seiten, 19.90 Euro

„Sie kratzen wild auf ihren Zeichenblöcken. Es braucht ein paar Wochen oder manchmal auch nur ein paar Stunden, bevor (Danzig) weiß, ob irgendwer im Raum Talent hat oder nicht. In den ersten Sitzungen sind sie für ihn unscharf und nicht unterscheidbar. Jetzt sieht er, dass mehrere …“ 

Ist Danzig gar nicht mehr so richtig von dieser Welt?

Doch, das ist er gewiss. Er hält sich sogar noch für „anatomisch attraktiv“. Er betrauert seine Verluste, leidet unter der künstlerischen Impotenz. Elizabeth Rosner erzählt das so suggestiv, dass man den vorgeschobenen Posten der omnivoren Entrückung bereitwillig räumt, die Ärmel aufrollt und sich engagiert ein Bild von der Lage macht.

Sechszehn Leute sind gerade im Raum, viele gepierct und sonst wie geflaggt und hochgejubelt. Danzig streift beinah eine Studierende, die ihn mit ihrem Missmut sexuell reizt. Sie zeigt ihm die kalte Schulter in einem unbewussten Manöver. Der alte Sack steht auf ihrer Agenda noch nicht mal unter ferner liefen. Ein verblasster Ruhm lässt ihn eher noch schlechter aussehen als den (das sage ich jetzt mal so) alerten Hausmeister.

Pull or Push

Und jetzt kommt Merav: ohne Make-up, Schmuck und Tattoo.

Sie hat „Dimensionen, denkt (Danzig) fachmännisch“. Er bewundert „den Raum zwischen ihren Körperteilen“.  

Merav reagiert konsterniert auf den Dozenten für Proportionslehre, der mit einem Skelett Händchen hält. Viele halten ihn für einen Österreicher. Aber das neue Modell (eine Offenbarung in der Perspektive des alten Mannes) hört auf Anhieb den Deutschen.  

„Gehen ist kontrolliertes Fallen“, sagt Danzig.

Er erklärt, wie das Gleichgewicht bei jedem Schritt aufgegeben und bald wiederhergestellt wird. Mit gleitenden Bewegungen verkleinert man die Risiken. Alles erschöpft sich im Öffnen und Schließen und so im Ziehen und Stoßen. Danzig beugt sich vor, um seinen Erörterungen keine herausfordernde Dimension zu geben.

Er will flirten, sie will fliehen.

„Sie sind sehr gut.“

Ziehen oder Stoßen bedeutet Anziehung oder Ablehnung. Danzig fühlt sich von Merav angezogen. Sie reagiert reserviert auf die klandestine Offerte.

„Danke“, sagt sie.

Ihr Körper formuliert Meravs mit Angst kombiniertes Unbehagen. Danzigs deutscher Akzent löst etwas schwer Eindämmbares im Umkreis des Fluchtreflexes aus.

„Die Posen, die sie … annahm, waren alle in der Form der Angst: eine Frau, die sich von etwas Bedrohlichem abwendet; eine Leiche im Flug; die aufgerollte Form der Selbstverteidigung, die das Herz, den Bauch schützt.“

Die bewegliche Skulptur – „Schwimmen in der Luft“

Merav entlädt sich in ihren Posen. Was geschieht, kommt ihr entgegen. Und doch bleibt sie allein in ihren Stimmungen.

Das Geschehen kreist lange um die Atelierszene. Die Zeichenschüler*innen erscheinen zunehmend klassischer als Initiierte/Adepten in einer luxuriös heruntergekommenen Akademie. Es entstehen Verbindungen und Krisen. Momente der Katharsis ergeben sich. Danzigs artistische Indolenz spricht sich herum und löst Beißhemmungen. Ein Gerücht macht die Runde: Der Meister bringt es selbst nicht.

Danzig sucht einen Ausweg. Er muss zurück in die Spur und zu seiner Produktivität zurückfinden. Er setzt auf Merav. Ihre Abwehr entzündet ihn.

„Ich habe ein Studio in Point Reyes. Ich suche immer gute Modelle.“

Bald mehr.

Elizabeth Rosner ist Lyrikerin, Romanschriftstellerin und Essayistin. Sie lebt im kalifornischen Berkeley. Für ihre Romane, die in neun Sprachen übersetzt wurden, hat sie eine Reihe von Auszeichnungen in den USA und Europa erhalten. Ihr neuestes Werk, „Survivor Café: The Legacy of Trauma and the Labyrinth of Memory“, befasst sich mit der Aufarbeitung von Traumata auf globaler Ebene und der Rolle, die das individuelle und kulturelle Gedächtnis dabei spielt. Das Buch erreichte das Finale im U.S.-amerikanischen National Jewish Book Award. Elisabeth Rosner unterrichtet Schreibwerkstätten in vielen Ländern und arbeitet auch als Schreibberaterin und -trainerin.

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