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27.04.2020, Jamal Tuschick

Drastischer Zugriff

Plötzlich ein Gewinner - Von der Leber lernen, heißt siegen lernen. Das weiß der Hepatologe Toby Fleishman. Er ist der Titelheld in Taffy Brodesser-Akners Roman „Fleishman steckt in Schwierigkeiten“.

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Drastischer Zugriff

„People really love how messy the truth is.“ Taffy Brodesser-Akner

Taffy Brodesser-Akner wird mit Philip Roth und John Updike verglichen. Der drastische Zugriff, das rumorende Sexvokabular und eine allgemeine Sprachgewalt lassen die Vergleiche in jedem Fall angemessen erscheinen. Brodesser-Akners Held, der von seiner Frau Rachel getrennt lebende, aber immer noch von ihr beanspruchte Arzt Toby Fleishman, erlebt das allgegenwärtige weibliche Begehren wie einen willkommenen Angriff massierter Kräfte. Aktivistinnen des Sexus halten sich mit Vorgeplänkel nicht auf. Sie verleiben sich Fleishman ein. Es fehlen nur noch die Grappling Basics. Und wieder geht es allein darum: Breaking the opponent’s balance.

Taffy Brodesser-Akner, „Fleishman steckt in Schwierigkeiten“, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Britta Mümmler, dtv, 509 Seiten, 24 ,-

Brodesser-Akner beschreibt einen Aufmarsch von Leuten, die auch noch kurz vor dem Weltuntergang einen Orgasmus anstreben würden. So hält die Trennung Rachel nicht davon ab, Fleishman in ihr vormals gemeinsames Schlafzimmer zu zitieren, wenn ihr danach ist. Sie atmet sich meditativ in Form.

Der Roman ist eine verkappte Burleske. Seine Akteure feiern das Fest des Lebens in der gehobenen Mittelklasse. Lauter potente Double-Incomer*innen mit jeder Menge Kinder purzeln prächtig durcheinander.

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„Als ich vierzig wurde, begannen meine Freunde, sich scheiden zu lassen. Ich wollte (das epidemische Phänomen) besser verstehen, weil ich so viel Angst vor der Scheidung hatte.“ Brodesser-Akner gab sich in einem Interview als obsessive Verfechterin der Aufrechterhaltung ihrer Ehe zu erkennen, während Fleishman seine Freiheit genießt und auch wieder nicht.

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In New York gibt es ein dem heiligen Thaddäus gewidmetes St Jude’s Children’s Research Hospital. Toby arbeitet als Hepatologe in einem New Yorker St. Thaddeus Krankenhaus, das vermutlich außerhalb des Romans nicht existiert. Toby fasziniert der Hauptgegenstand seiner Fachrichtung. Er schwärmt für die Leber. Er begreift sie als Organ, dass Sünden nicht nur vergibt, sondern vergisst.

Die regenerative Kraft der Leber als Resistenz-Paradigma

Sie ermöglicht Neuanfänge. Darum geht es in Tobys akuter Lage. Die Trennung von seiner Frau Rachel öffnet ihm das Tor zur Welt. In den Augen autonom-swingender Generationsgenossinnen erscheint er satisfaktionsfähig.

Die Zuwendung verstört Toby nach einer Jugend als männliche Mauerblume und einer Ehe als gehorsamer Gatte. Es fällt ihm schwer zu begreifen, dass sich die Maßstäbe zu seinen Gunsten verschoben haben. Er zählt zu den Leistungsträgern. Er kann neben anspruchsvollen und herausfordernden Frauen Platz beanspruchen. Zu ihrer Distinktion gehört Hemmungslosigkeit. Sie lieben es, Facebook auf den Leim zu gehen und ihre mobile Dating-Application Software wie eine Nudelmaschine in Betrieb zu halten. Sie versenden Aufnahmen ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale im Minutentakt. Toby oszilliert zwischen dem Arschritzenhimmel und der Angst vor einem sozialen Tod im Seichten.

Was ihm Jahre gefehlt hat, Sex ohne schwerwiegende Begleitumstände, spiegelt nun andere Verluste, wenn auch im Glanz des Genusses.

„Er war nichts weiter als ein warmer Körper.“

Das bemerkt eine Jugendfreundin. Elizabeth Epstein erzählt mit den Fähigkeiten einer Allwissenden. Manchmal entgleitet ihr Toby, und der Leser folgt einer distanzierteren Perspektive.

Taffy Brodesser-Akner liefert eine Gesamtschau in Rückblenden. Hannah und Solly tauchen als Fleishmans Kinder auf und fordern ihren Teil.

Taffy Brodesser-Akner, geboren 1975, ist Redakteurin des ›New York Times Magazine‹ und in den USA weitläufig bekannt. Für GQ, ESPN und viele andere Publikationen porträtierte sie Stars wie Tom Cruise, Sam Smith oder Britney Spears. ›Fleishman steckt in Schwierigkeiten‹ ist ihr erster Roman.