MenuMENU

zurück zu Main Labor

02.05.2020, Jamal Tuschick

Narzisstisch raffiniert

Marianne McLean tauchte nachts im Brackwasser des Lake Pontchartrain, entdeckte Schlösser in Sümpfen, ließ Katzenfische auf Autorückbänken zappeln und verfolgte Leute ohne Grund.

In den 1970er Jahren wurde Ethnologie zur Modewissenschaft und Schamanismus zu einem beliebten Forschungsgegenstand. In der Luft lag die Erwartung, dass sich Vorreiter einer sakralen Praxis, die ihren Platz in der Gesellschaft verloren hatten, im trivialen Wahnsinn ankündigen könnten. Die Anti-Psychiatriebewegung koinzidierte.

Ein Narrativ der Ethnologie war der verkehrtherum auf seinem Pferd reitende Prärieamerikaner, dem niemand ein Strick aus seiner Sonderrolle drehte. Vielmehr glaubte man, so ging die akademische Legende, dass der Verkehrte in Wahrheit richtiger saß als Leute, die über die Ohren ihres Pferdes hinauspeilten. Katya Apekina spielt in ihrem ersten Roman mit diesem Genre. Marianne McLean taucht nachts im Brackwasser des Lake Pontchartrain, entdeckt Schlösser in Sümpfen, lässt Katzenfische auf Autorückbänken zappeln und verfolgt Leute ohne Grund. Die Autorin deutet ein Hexenrepertoire an. Marianne passt gut zu John Updikes „Hexen von Eastwick“, die so magisch wie irdisch sind – verrückt – kreativ – bezaubernd.

Nicht alle sehen es so. Mae wünscht sich ihre zwischen eskapistischen Zuständen pendelnde, mit einem Selbstmordversuch endgültig aus dem Ruder gelaufene Mutter „vakuumversiegelt an einem Ort“, wo sie keinen Schaden mehr anrichten kann. Mae unterstellt ihrer älteren Schwester Edie (Edith), keine Ahnung von Mariannes Psyche zu haben. Sie fängt einen Brief der Rekonvaleszentin ab, liest ihn so oberflächlich, dass kein Wort verfängt, zerreißt die Seiten und spült sie in die Kanalisation.

Katya Apekina, „Je tiefer das Wasser“, Roman, auf Deutsch von Brigitte Jakobeit, Suhrkamp, 396 Seiten, 24.-

Mae keschert nicht alle Nachrichten. Edie wird zur Kryptologin ob der mitunter lyrisch abgesetzten, narzisstisch-raffinierten Botschaften. Sie zieht ihre Schwester zu Rate, die sich beeilt, die chiffrierten Sirenentexte weiter zu kodieren und diesen Prozess als Aufklärung ausgibt. Sie verrätselt das Rätselhafte.

Ich erfand „eine mythologische Interpretation“.

Die in einer Vorstadt von New Orleans aufgewachsenen Schwestern wohnen in New York bei ihrem Vater, der die längste Zeit keine Rolle in ihrem Leben gespielt hat; wie freiwillig, das bleibt eine Frage, die ständig neue Antworten provoziert. 

Heimliches Leben

Sein Werk ist ein beliebter Promotionsgegenstand. Doktorandinnen verlieben sich scharenweise in den hochgewachsenen, breitschultrig-melancholisch umwölkten Bestsellerautor. Seine Anziehungskraft („anziehend auf eine rohe Art“) erscheint im Roman als Selbstverständlichkeit. Der Verehrte bleibt ungerührt und reagiert mitunter zerstreut auf die Werbung an allen Ecken und Enden.

Dennis Lomack hat eine Vergangenheit als Bürgerrechtsaktivist. In den frühen Sechzigerjahren wurde er in der Gegend von Lafayette vom weißen Mob angegriffen und niedergemacht. Der Maler Jackson McLean heilte ihn in einem Waldhaus. Jackson führte das Trutzdasein eines geächteten Antirassisten unter Rednecks, die auf ihren weitläufig verstreuten Gehöften im Geist des alten Südens wüste Lieder sangen. Jacksons Tochter Marianne litt stolz unter Hass und Häme. Dennis verliebte sich in das Mädchen. Zeugen werden nicht müde zu betonen, wie angemessen er sich verhielt. Nichts Zudringliches kontaminierte die holde Minne. Mit siebzehn heiratete sie Dennis. Die Ehe hielt lange genug, um zwei Töchter zu zeugen. Edith, genannt Edie war vier, und Mae zwei als der konventionelle Familienrahmen brach und sie zu Töchtern einer alleinerziehenden Mutter wurden, die zwölf Jahre später einen Selbstmordversuch unternahm.

*

Eine Nachricht aus Mariannes Medikamentendschungel

„Ihr seid die Glocke im Nebel, das einzige, was noch existiert.“

*

Die Romangegenwart beginnt in New York. Die Schwestern leben da in Dennis‘ Obhut. Mae fühlt sich in dieser Konstellation wohl. Edie überzieht den Erzeuger mit Vorwürfen, die er gar nicht zu entkräftigen versucht. Seine Schuld erkennt er an.

Jeder Akt der Fürsorge entspricht einer Bitte um Vergebung. Doch Edie verliert ihre Ablehnung nicht in der neuen Vertraulichkeit. Sie stöbert in den Sachen von Dennis Lomack, so nennt sie den Vater in ihrem Protest, und findet eine Aufnahme von ihrer Schwester, die sie sich nicht erklären kann. Fremd sind ihr Maes Vintage-Kleid und der Brunnen im Hintergrund. Keinen Schimmer hat Edie, wann und wo das Foto gemacht wurde und wie es in den Besitz des „Fremden“ kam, der so leidenschaftlich Vater spielt, als wolle er etwas nachholen.

Edie erscheint der Eifer degoutant. Ob das bloß an der Perspektive eine Pubertierenden liegt?

Sie spekuliert über ein heimliches Leben ihrer Schwester; eine das eigene Verhältnis zur Mutter überbietende Nähe zwischen Mae und Marianne.

*

Ich hake an einer anderen Stelle ein. Da ist Amanda, die bei der ersten Begegnung mit Dennis sofort zwei Gläser Wein braucht, um klarzusehen, dass sie mit ihrem Verlobten daheim umgehend Schluss machen muss. Eigentlich ist schon Schluss. Der Trottel hat es nur noch nicht kapiert.

Katya Apekina setzt den Roman aus lauter desparaten Erzählelementen wie ein Mosaik zusammen.

Wolkenkratzer für Höhlenmenschen

Sie sind die Töchter eines berühmten Schriftstellers und streitbaren Aktivisten, der in ihrem Alltag solange nicht vorkommt, bis ihre Mutter einen Selbstmordversuch unternimmt und sie in die Obhut des Vaters und so von einem südstaatlichen Stadtrand nach New York transferiert werden. Während die sechszehnjährige Edie (Edith) dem Vater das Scheitern der Familie anlastet, zeigt sich die jüngere Schwester Mae begeistert. Es berauscht sie, im Mittelpunkt einer lange entbehrten Aufmerksamkeit zu stehen.

Edie bilanziert gereizt: „Sie war erst zwei, als er abgehauen ist. Sie weiß also nichts. Ich war vier und erinnere mich noch genau.“

Auch die Verzweiflungstat der Mutter konfiguriert Edie belastend:

„Wahrscheinlich wusste ich, was sie vorhatte, aber ich hielt sie nicht auf.“

Katya Apekina lässt die Hauptakteure in der ersten Person zu Wort kommen. Auch der so erhaben wie geschlagen wirkende Dennis Lomack, Edie bezeichnet ihren Vater so distanziert, man wohnt zurzeit bei Dennis Lomack in NY, kriegt Erzählerzeit. Eine Szene beleuchtet den Liebesanfang in der Elterngeneration Ende der Sechzigerjahre. Bei einem aktivistischen Abenteuer erlebt Dennis eine Felswand als „Wolkenkratzer für Höhlenmenschen“.

„Höllen säumen die Felswand und in jeder brennt ein Lagerfeuer.“

Das berichtet er Marianne in engagierter (triumphaler) Freier-Manier. Dennis ist an Erfolg gewöhnt. Mae charakterisiert ihn als groß, begabt, umschwärmt. Man darf sie für verliebt in ihren Vater halten. Oh, wie es ihr gefällt nach einem altweltlichen Rezept Teigtaschen zu füllen.

Die gnädige Tochter stimmt Dennis besinnlich. Edie wahrt die kritische Distanz. Sie übt einen herablassenden und herausfordernden Umgang auch mit ihrer Schwester, der sie die Tochterbalz übelnimmt; die schillernde Nähe zum Vater.

Für Mae macht sich Dennis zum Affen. Er lässt es zu, dass sie auf ihm surft. Er sehnt sich nach ihrem Vertrauen, obwohl er die Fahrlässigkeit seiner Angebote kennt. Edie weiß Bescheid: „Er wird uns so oft im Stich lassen, wie wir es ihm erlauben.“

Katya Apekina - Geboren in Moskau, mit drei in die USA gekommen, lebt heute in Los Angeles. Auf ihre ersten Texte in Magazinen folgten Stipendien und Auszeichnungen. Sie übersetzt russische Lyrik, schreibt Drehbücher. Ihr Debütroman Je tiefer das Wasser, veröffentlicht in einem kleinen Indie-Verlag, entwickelte sich zum Überraschungserfolg des letzten Jahres, Übersetzungen ins Französische, Spanische, Italienische erscheinen zeitgleich im Frühjahr 2020.