MenuMENU

zurück zu Main Labor

02.05.2020, Jamal Tuschick

Blutige Bannkreise

So archaisch wie surreal – Über Michael Stavaričs Eiserde zirkulieren „organische Flugzeuge“ und erzeugen „blutige Kondensstreifen“ in der Imagination der letzten Überlebenden einer kosmischen Katastrophe. Das Anthropozän hat fertig, und Elaine Duval träumt von grobknochigen Inuit-Jägern in Bannkreisen, die mit dem Blut erlegter Tiere gezogen wurden.

Nach einem Hieb mit der Allpranke siecht die Erde ihrer Erholung entgegen. Das Anthropozän endete mit einem Impact von kosmischer Knockoutqualität. Übriggeblieben ist allein Elaine Duval, eine vormalige Eliteelevin, die als Genforscherin in der Schweiz Karriere Untertage in einem Geheimlabor gemacht hat.

Das ist Schnee von gestern im Heute der Postapokalypse. Elaine überlebt in einem arktischen Winter – auf einer erstarrten Erde. Als Enkelin eines ostgrönländischen Schneeleopardenbändigers und Eisbärentöters weiß sie wie man in der weißen Welt Speck ansetzt.

Elaine wärmt sich an ihren Erinnerungen im eingeschneiten Winterthur.

„Die Hand des Großvaters zuckte vor, die Harpune durchbohrte den Hals einer soeben aufgetauchten Robbe.“

Michael Stavaričs Heldin aktiviert sich in einem bescheidenen Radius. Ihren Lebensmut begreift sie als Erbe ihrer Inuit-Vorfahren. In diesem Kontext erscheinen die Koordinaten gerade idealtypisch.

Michael Stavarič, „Fremdes Licht“, Roman, Luchterhand, 508 Seiten, 22,-

Besser könnten die Verhältnisse gar nicht liegen, um ungestört zu den Weisen der Ahnen zurückzukehren. Elaines Spielplatz spiegelt die nordischen Jagdgründe in eine globale Dimension.

Das ist ein grandioser Erzähleinfall.

Elaine baut sich ein Iglu. Kaum findet sie sich in dem „vertrauten Hohlraum“ wieder, vernimmt sie Stimmen aus der Geisterwelt ihrer Imagination. Sie hört „heisere Männerstimmen“ und Hundegebell. Vielleicht auch das Knarren der Hundeschlittengeschirrriemen; ein Schleifgeräusch, das Beute ankündigt.

Elaine bevölkert die Szene so archaisch wie surreal. Sie lässt Jäger in Clanstärke auftreten. Sie bewegen sich in Bannkreisen, die mit dem Blut erlegter Tiere gezogen wurden. Die Erzählerin kombiniert das Blut am Boden mit den „blutigen Kondensstreifen … organischer Flugzeuge“.

Isoliert im Frost, tröstet sich Elaine mit großväterlichen Weisheiten.

„Der Tod lässt sich nicht aussperren, das Leben schon.“

Eiserde

Rückwärtsgewandte Zukunftsfähigkeit

In Rückblenden fokussiert Michael Stavarič auf die Exzellenz „einer Elite-Hochschulabsolventin, die mehrere Studiengänge“ mit Bravour abschloss und dann sofort in leitender Position, wenn auch in bunkeresken Verhältnissen tief unter der Erde sich forschend entfaltete. Wochenlang sah Elaine nur Menschen in Schutzanzügen. Die Trennung von Arbeit und Leben war zugunsten der Arbeit aufgehoben. - Kein Himmel weit und breit - Mehr als ein Lächeln in der Unternehmenskantine war nicht drin. Am Horizont ihrer Sehnsucht sah Elaine sich in der Gesellschaft des arktischen Großvaters grönländische Küstenlinien verfolgen. Märchenhaft erschienen die Szenen der Erinnerung im Gegenlicht der kernspintomographischen Umgebung im Schweizer Untertage. Hinter dem Opa her war Elaine über die Traumpfade „vergessener Naturvölker“ getappt. Sie hatte gelernt, wie man „aus Robbenhaut wasserdichte Fellstiefel näht“ und wie man „aus Knochen und Sehnen einen Schlitten zimmert“. Der Unterricht schloss in handwerkliche Überlebensstrategien auch die Jagd auf Eisbären und Seeleoparden ein. Die wichtigste Lektion: Moderne Technik versagt unter extremen Witterungsbedingungen. Steinzeittechnik funktioniert immer.

In der Handlungsgegenwart, da alle Hypertechnik down ist, besinnt sich die letzte Überlebende auf das ursprüngliche Weisheits- und Waidmannswissen der Inuit. Das Ende berührt den Anfang. Der Kreis des Lebens schließt sich.

Kosmischer Impact

Elaine Duval, die Commander Dallas Helena nannte, sobald es hart auf hart kam, entdeckt sich selbst auf einem Strange Place erster Ordnung wieder. Unwirtlicher und packender kann nichts sein als jene Eiserde, auf der Michael Stavaričs Heldin allmählich taut und ihre Koordinaten neu bestimmt. Erst nach und nach stellen sich Erinnerungen ein. Elaine begreift, dass sie in einer gefrorenen Welt gefangen ist. Zuletzt war sie als Genforscherin für einen Konzern in Winterthur mit der kommerziellen Rekonstruktion von Leben befasst.

Ein Opa, der einst bei den Inuit in Grönland lebte, hat Elaine mit dem Überleben in Eis und Schnee vertraut machte. Von daher ist sie schon mal Takko.

Der Impact einer unversöhnlichen Intervention aus dem All hat den Planeten entvölkert und gefrostet. Sieht so aus, als sei Elaine die letzte Aktivistin des Lebens an Bord des Raumschiffs Erde. Sie stammt von Ostgrönländern ab, die „den Einflüssen“ der Zivilisation trotzten „so gut es ging“ und sich deshalb ohne Absicht ein Überlebenspolster draufschafften: insofern sie Informationen weitergaben, die eine Existenz ohne Strom regeln. Dieser vermeintlich rückwärtsgewandte, in Wahrheit jedoch furios-futurischer Daseinsentwurf entfaltete sich einigermaßen ungestört hinter einem kolossalen Packeisschild. Nun sieht die ganze Erde so aus wie damals nur noch ein schmaler Streifen.

Ein Loblied der Steinzeittechnik

Die feindlichsten Bedingungen von einst entsprechen jetzt der globalen Realität in ihrer freundlichsten Verfassung.

Zu Lande und zu Wasser unerreichbar waren manche Siedlungsflecken jenes Volkes, deren rückwärtsgewandte Zukunftsfähigkeit Elaine ihr Survival Kit verdankt.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen