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03.05.2020, Jamal Tuschick

Tradierte Narrative

#WirSindNichtEureKulisse - Zwischen Kritischer Theorie und Verschwörungstheorien - Aus aktuellem Anlass ließ sich gestern im Online-Programm der Volksbühne ein Gespräch mit Shelly Kupferberg, Leon Kahane und Lars Dreiucker über die „Hygiene“-Demos verfolgen.

Eingebetteter Medieninhalt

Die Nordkorea-Analystin Jung Pak im „Spiegel“: „Es ist niemals so, wie du denkst. Manchmal hast du recht, manchmal liegst du falsch. Man muss einfach für alle Szenarien offen sein.“

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Seit dem 28. März versammeln sich jeden Samstag „Hygiene“-Demonstrant*innen auf dem Rosa-Luxemburg-Platz. Die Volksbühne und die Anwohner*innen distanzieren sich von dem Treiben vor ihren Haustüren. Zu offensichtlich fischen viele Akteure des Straßentheaters im ideologisch Trüben. Die Veranstalter*innen profitieren von einer um sich greifenden Unzufriedenheit, wenig Bewegungsmöglichkeiten im Protestformat und einer Verschiebung der Grenzverläufe, die etwa Frank Castorf, aber auch vereinzelte Protagonist*innen der Volksbühnenbesetzer*innenszene als Milieufremdgänger*innen in Erscheinung treten lassen. Natürlich gibt sich kein(e) Einzelne(r) jetzt erst als Dissident*in von #Unteilbar zu erkennen. In der Corona-Krise lüften sich Grauzonenschleier. Darauf wies Leon Kahane hin, der in der Dercon-Intendantenstreitzeit Antisemitismus und Lokalpatriotismus in repressiven Interpretationen von Exklusion bei manchen Aktivist*innen bemerkt hat.

Dercon sei angespuckt und geschlagen worden, so Kahane, von Leuten, das sage ich, die den Modus Operandi progressiver Bewegungen mit klassischem Revierkampfverhalten mischen. Sie erheben Gebietsansprüche. 

Kahane hält die Theatralisierung von Verschwörungstheorien in gesellschaftsfähigen Kostümen für „extrem gefährlich“, auch wenn diese Travestien einen „hohen Unterhaltungswert“ haben. Kahane erinnerte daran, dass „der Mörder von Hanau von Verschwörungstheorien durchdrungen war“.

Alle waren sich einig, dass es „tradierte Narrative“ unterhalb der akuten Relevanzschwelle gibt, mit denen ein bürgerlicher Untergrund immer wieder neu faschistisch getüncht wird. Eine sich öffentlich verbergende Haltung veröffentlicht sich chiffriert. Die Mentoren der Latenz streben seit Jahren Verzahnungen mit anerkannten Positionen an, um Reichweite zu gewinnen. Sie spekulieren dabei auf eine Kultur der Offenheit. Sie pervertieren die Rituale des Meinungspluralismus und kolonisieren Toleranzbegriffe.

Lars Dreiucker erzählte von einschlägigen Diskussionsabenteuern. Wie bei den „Hygiene-Demonstrationen verbirgt sich nicht selten der reaktionäre/antisemitische/menschenfeindliche Impetus in einem Yogakeks oder einer Impfgegnerschaft oder einem Plädoyer für das Grundgesetz und die Durchsetzung der Versammlungsfreiheit mit allen Mitteln.

„Man bellt die Polizei zwar an“, bettele im Grunde aber nur eine Festnahme herbei, um Identität im Widerstand zu erleben.

Artist*innen der verschrobenen Differenz vollbringen Drahtseilakte auf Exklusionslinien … obwohl, so Kahane, man doch immer merkt, wes Geistes Kind einer ist. Die Wahrheit bringt sich selbst zur Sprache. Vielen ginge es nicht um Politik, sondern um Kultur- und Identitätsfragen.  Man erarbeitet sich auf der Straße „klassisch neoliberal“ Aufmerksamkeit.

Ein anderer Punkt.

Es wird, so Kahane, auf eine Sprache zurückgegriffen, „die einen selbst als Opfer identifiziert“. Protagonist*innen dieser Strategie fühlen sich nicht repräsentiert; dem Mehrheitsselbstverständlichen fehlt der Stachel. Sie reagieren neidisch auf jene, die im Diskurs der Minderheiten aufholen und zu Gestalter*innen avancieren. Sie entwickeln Opferneid, so Kahane.

Aus der Ankündigung

Wir sind da und wehren uns: Die sogenannten „Hygiene“-Demos auf dem Rosa-Luxemburg-Platz rutschen im politischen Spektrum zunehmend nach rechts und in die Hände von Identitären und Verschwörungsideologen ab. Eine besorgniserregende Entwicklung, gegen die wir gemeinsam mit unseren Nachbar*innen Position beziehen.

Der angekündigten Versammlung am 2. Mai stellen wir uns mit Fakten und Aufklärung entgegen und starten eine weitere Gegenaktion – mit Abstand: Pünktlich um 16:00 Uhr übertragen wir über unsere Webseite aus dem Grünen Salon der Volksbühne eine Diskussion zwischen der Journalistin Shelly Kupferberg, dem Künstler Leon Kahane und dem Philosophen Lars Dreiucker über die Vermischung von Narrativen, die Entstehung und Wirkweisen von Verschwörungstheorien und aktuelle rechtsextreme Räume.

Wir sind da, wir denken weiter. Wehrt Euch mit uns, unterstützt mit uns die kritische Auseinandersetzung, klickt euch ein und bezieht so solidarisch Position mit Abstand!

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