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09.05.2020, Jamal Tuschick

Betreff: Buchvorstellung als Videostream: Delphine Horvilleur "Überlegungen zur Frage des Antisemitismus" // Hanser Berlin

Täglich erreichen uns Nachrichten über antisemitische Vorfälle in ganz Europa. Erlebt der Antisemitismus eine Renaissance oder war er nie weg? Delphine Horvilleur eröffnet in ihrem Buch „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ neue Perspektiven auf eines der hartnäckigsten Übel der Menschheitsgeschichte.


Überlegungen zur Frage
des Antisemitismus



Delphine Horvilleur im Gespräch
mit Mirjam Wenzel
(Jüdisches Museum Frankfurt)
Lesung: Sarah Fischer


am Di., 12. Mai um 19:30 Uhr
auf Facebook
und YouTube:
https://t1p.de/35jk
 
Wo liegen die Ursprünge antisemitischen Denkens? Was heißt es, jüdisch zu sein, ohne den definierenden Blick des Antisemiten? Und wie hängen Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit zusammen? Delphine Horvilleur ist eine von drei Rabbinerinnen Frankreichs und eine der einflussreichsten Stimmen des liberalen Judentums in Europa. In ihrem Essay beleuchtet sie die fatalen Parallelen von Antisemitismus, Faschismus und Misogynie. Dabei spannt sie den Bogen von religiösen Texten bis hin zur politischen Gegenwart. Ihr in deutscher Übersetzung von Nicola Denis bei Hanser Berlin erschienenes Buch Überlegungen zur Frage des Antisemitismus eröffnet eine neue Perspektive auf eine alte Frage, die sich in unserer Gegenwart erneut mit großer Dringlichkeit stellt.

Die vom Jüdischen Museum Frankfurt konzipierte Buchpremiere mit Delphine Horvilleur wird am Di. 12. Mai um 19:30 als Videostream stattfinden. Prof. Dr. Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums, spricht via Videokonferenz mit Delphine Horvilleur. Das Gespräch findet in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln statt. Die Lesung aus der deutschen Übersetzung des Buchs von Nicola Denis übernimmt Sarah Fischer. Prof. Mirjam Wenzel steht für Fragen zur Verfügung und wird live kommentieren.
 
"Delphine Horvilleur ist mit diesem ebenso klar wie leicht geschriebenen Essay ein starker Einspruch gegen die verzerrenden Diskurse unserer Zeit gelungen.“ Hannah Bethke, FAZ, 07.03.2020

Cultural Appropriation oder Aktivistischer Corpsgeist

Denken wir nur an den Satz, den Marceline Loridan-Ivens so gerne zitierte: »Nie werden sie uns das Böse verzeihen, das sie uns angetan haben.« --- Aber wo liegen die Ursprünge antisemitischen Denkens? Was heißt es, jüdisch zu sein, ohne den definierenden Blick des Antisemiten? Und wie hängen Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit zusammen? Delphine Horvilleur ist eine von drei Rabbinerinnen Frankreichs und eine der einflussreichsten Stimmen des liberalen Judentums in Europa. In ihrem Essay beleuchtet sie die fatalen Parallelen von Antisemitismus, Faschismus und Misogynie. Dabei spannt sie den Bogen von religiösen Texten bis hin zur politischen Gegenwart.

In ihren „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ bemerkt Delphine Horvilleur ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Größe Israels und seiner Bedeutung im Weltgespräch. Israel erscheint überrepräsentiert in allen möglichen Diskursen. 

Delphine Horvilleur - Sie ist eine von drei Rabbinerinnen Frankreichs, Herausgeberin der Zeitschrift Tenou’a und eine Stimme Europas.  In ihrem aktuellen Essay analysiert Horvilleur den Hate Train mit Faschismus und Misogynie als Tender des Antisemitismus. 

Die Autorin unterstellt nicht wenigen Akteuren ein abseitiges Interesse an einer Welt ohne Israel. Sie zitiert Houria Bouteldja, „der Sprecherin der Parti des Indigènes de la République (PIR), einer Gruppe, die nach eigenem Bekunden jede Form ‚imperiale, kolonialer und zionistischer Dominanz‘ bekämpft. Ihr Buch Les Blancs, Les Juifs et nous entwickelt die These, dass der Weiße als soziologische Kategorie für die Fehler des Westens verantwortlich und grundsätzlich an der Beherrschung der Kolonisierten mitschuldig sei. Und wie verhält es sich mit den Juden?“

Delphine Horvilleur, „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“, aus dem Französischen von Nicola Denis, Hanser, 141 Seiten, 18,-  

Konvergenz der Kämpfe

Mit großer Klarheit und argumentativer Brillanz zeigt uns Delphine Horvilleur Leitmotive des Antisemitismus auf und spannt dabei den Bogen bis hin zur politischen Gegenwart. Ihr Essay ist eine zeitgemäße Re-Lektüre talmudischer Legenden und zugleich eine scharfsinnige Analyse gegenwärtiger Identitätspolitik.

Warum, fragt Horvilleur, identifizieren „Teile der extremen Linken … die Juden“ (grundsätzlich) mit den Herrschenden? Stets würden ihre Privilegien vorausgesetzt. Selbst Juden in prekären Lagen nähme man als Begünstigte wahr.

Horvilleur zitiert die Aktivistin Linda Sarsour, die meint, man könne „nicht gleichzeitig Zionistin und Feministin“ sein. Horvilleur spielt den Advocatus Diaboli, indem sie sich die strategische Rechtfertigung der Gegenseite so zurechtlegt wie der Stürmer den Ball auf den Elfmeterpunkt. Demnach sei der Feminismus „immer und überall … im Namen einer Konvergenz der Kämpfe“ bei den Unterdrückten.

Horvilleur kritisiert einen aktivistischen Corpsgeist, der das Individuum zugunsten von Sammelbegriffen und Subsumtionskoffern negiere. Sie weist auf eine Vielfalt „totalitärer Versuchungen“ hin und entdeckt Beispiele auch da, wo ein Zionismus „die jüdische Identität der Diaspora als abwegig einstuft“.

Extreme Positionen begrüßen sich. Darüber haben wir oft im Mainlabor diskutiert. Auch Horvilleur wendet sich gegen alle, die glauben, einen „identitären Purismus zurückgewinnen“ zu müssen. Sie verweist auf Amin Maaloufs Warnungen in „Mörderische Identitäten“.

Delphine Horvilleur, geboren 1974 in Nancy, ist Rabbinerin und die Leitfigur der Liberalen Jüdischen Bewegung Frankreichs (MJLF). Sie ist Herausgeberin der Zeitschrift Tenou’a und Autorin mehrerer Bücher zum Thema Weiblichkeit und Judentum. Überlegungen zur Frage des Antisemitismus ist ihr erstes Buch in deutscher Übersetzung.

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