MenuMENU

zurück zu Main Labor

11.05.2020, Jamal Tuschick

Christa Ritter zu einem aktuellen Thema

Haareschneiden in den Zeiten von Corona

Christa Ritter (c) Christiane Koch

Friseure in Quarantäne, meine Haare zu lang. Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich selbst mit der Schere risch-ratsch endlich aktiv wurde. Eine selbst designte Frisur entstand, mit der ich mich wohl fühle. Nun denke ich nach: Mein Anfang von Selbstbestimmung? Noch ist mir eher selten bewusst, was aus mir heraus getan/gedacht/bestimmt wird. Dass ich nicht einem Programm folge, mich stattdessen selbst überrasche. Vor langer Zeit las ich einmal über die Künstlerin Louise Bourgeois, dass sie erst in ziemlich hohem Alter so weit war, sich in ihren Objekten selbst erfand. Erlösung vom Vater, nannte sie das. Das hat mich berührt: War ich nicht auch auf diesem Weg?
Bisher sehe ich kaum Frauen, die schon für sich auftreten. Mit eigener Stimme. Es ist die patriarchale Matrix, aus der sie erfolgreich sind: Wissenschaftlerinnen, Ehefrauen, Moderatorinnen, selbst noch die jungen Influenzerinnen. Denn sie zeigen sich noch immer auf eine Weise, die dem Vertrag des Patriarchats entspricht, der durch das Virus gerade gegen die Wand fährt. Einem toxischen System, das Eva mit Adam verabredete und das die Frau bis Ende des 19. Jahrhunderts mittrug. In seinem Schatten ging es ihr gut. Das änderte sich, wie wir wissen, mit der ersten Frauenbewegung. There’s a crack in everything, that’s where the light comes in. Frauen wollten von damals an auch auf die Reise gehen: Mensch werden. Eine lange Reise der ständigen Evolution für jeden.

Seitdem immer wieder scheinbare Rückschritte, dann wieder Schübe. 68 war ein wesentlicher, auch für mich. Frauenbewegt blieb ich opfermäßig hängen. Deshalb dringend der erste bewusste Schub: Harem mit den Frauen und Rainer. Ausdrückliche Kündigung der patriarchalen Matrix, von genormter Ehe, Sex, landläufige Karriere in die Selbsteroberung. Irgendwie ein Gefühl von: Ins Nichts! Meine Vaterprägung würde ich aufdröseln, auch die der Mutter. Dieses Unbekannte macht immer wieder noch Angst, wie hier öfter gejammert, traue ich mir bis heute immer wieder nur kleinste Schritte zu. Und doch: Irgendwie ist jeder wichtig und irgendwie großartig! Siehe mein eigener Haarschnitt. Dann wieder Downfall: Meine nur scheinbar unbezwingbare patriarchale (von Mutter und Vater) Sperre kommt mir ätzend in die Wege: Ich krieg meinen YouTube-Account der über 100 gesammelten Videos nicht hin. Obwohl bestens angeleitet. Widerstand, Angst vor dem Neuen, Angst vor Unfähigkeit und schon bin ich auch unfähig. Zurück zur unmündigen Frau. Scheiße. Wie ihr von euch vermutlich kennt: Ich taumele im Zwiespalt. Und das ist gut so. Denn die Reise geht ja weiter, noch im eher Verborgenen, vermutlich ähnlich wie bei Louise Bourgeois.