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12.05.2020, Jamal Tuschick

Chronik eines Ausnahmezustands - Residenz-Autor*innen bloggen - Tag für Tag neu. #alleswirdgut

Am 13. März werde ich einer befreundeten Autorin schreiben: Zum Glück ist Polen ein paranoides Land und hat schon bei nur 16 Fällen alles abgeriegelt. Ein Beitrag von Kaśka Bryla

(c) Kaśka Bryla

Kaśka Bryla, Leipzig/2. April 2020

Kurz vor der Leipziger Buchmesse fangen für unsere Redaktion – die der Literaturzeitschrift PS: Anmerkungen zum Literaturbetrieb/Politisch Schreiben – die Auswahltage an, bei denen wir uns darüber einig werden müssen, welche Prosatexte in der nächsten Ausgabe erscheinen. Diesmal hatten wir 85 Einsendungen, ganz schön viel zu lesen, ganz schön viel zu besprechen. Hierfür kommt die sonst über Berlin, Leipzig und Wien verteilte Redaktion in Leipzig zusammen. So auch am 11. März. Schon da beherrscht der Corona-Virus die Gespräche zwischen den Text- und Autorin_innenbesprechungen. Die Leipziger Buchmesse wurde sehr spät, aber dann doch abgesagt. Wir denken noch: Großveranstaltung und so, scherzen ein wenig darüber. Es betrifft uns ja nicht direkt. Die Zahlen aus Italien sind zwar beunruhigend aber noch nicht alarmierend. Die EU-Außengrenzen, die Lager auf Lesbos beschäftigen uns mehr.
Trotzdem telefoniere ich bereits täglich mit meiner Mutter, die sich in Warschau aufhält und mahne sie eindringlichst, bitte, bitte, um meinetwillen, das Haus nicht mehr zu verlassen. Meine Mutter ist 74 Jahre alt, besitzt nur noch 40 % ihrer Lungenkapazität, von den Rheuma-Medikamenten, die sie nimmt, ganz zu schweigen. Aber so, wie wir es noch nicht sehr ernst nehmen, versucht auch meine Mutter meine Bedenken und Mahnungen zu zerstreuen, bis ich schließlich Rotz- und Wasser plärre und ihr so das Versprechen abringe, zuhause zu bleiben.
Am 13. März werde ich einer befreundeten Autorin schreiben: Zum Glück ist Polen ein paranoides Land und hat schon bei nur 16 Fällen alles abgeriegelt.
Und sie wird zurückschreiben: Das hätten wir uns auch nie gedacht, dass du jemals folgenden Satz schreiben würdest: Zum Glück ist Polen ein paranoides Land!!!
Am 15. März werden die Grenzen von Deutschland nach Polen zugezogen. Nur noch unter bestimmten Voraussetzungen wird man danach einreisen dürfen. Wenn man zum Beispiel einen polnischen Pass oder Perso hat. Was ich theoretisch tue, nur leider habe ich den Perso nicht bei mir, denn den habe ich bei meinem letzten Aufenthalt in Polen erneuern lassen und wollte ihn zu Ostern abholen. Ich müsste also jetzt sofort fahren, das wäre am unkompliziertesten. Dann müsste ich allerdings für vierzehn Tage in Quarantäne, nämlich bei meiner Mutter und sollte ich tatsächlich den Virus haben... Das wäre denkbar ungünstig und noch sind Tests große Mangelware. Ich entscheide nicht zu fahren.
Am Samstag, den 14. März, reisen unsere beiden Redaktionsmitglieder Eva und Josh verfrüht zurück nach Wien. Aus Angst, womöglich in der kommenden Woche nicht mehr so leicht nach Österreich einreisen zu dürfen. Ich überlege mitzukommen. Für Österreich habe ich immerhin einen gültigen Pass. Dort wohne ich alleine und könnte alleine in Quarantäne. Aber zwischen Österreich und Polen liegt Tschechien und wer weiß, ob Durchreisen noch erlaubt sein wird. Es gibt keine Zeit, alle Eventualitäten gut abzuwägen, um dann die richtige Entscheidung zu treffen.
Ich bleibe in Leipzig, in dem Kollektiv, in dem ich wohne. Letztlich. Wenn ich krank werde, ist es auch egal, ob hier oder dort. Um zu helfen, ist es auch egal, wo ich gerade bin. Und sollte meine Mutter krank werden, dann komme ich zumindest wahrscheinlicher nach Polen. Hoffentlich.

Kaśka Bryla (c) Krahl

Der Text erschien zuerst hier

Kaśka Bryla - In Wien geboren, zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor_innennetzwerk PS-Politisch Schreiben mitbegründete. Sie war Redakteurin des Monatsmagazins an.schläge, erhielt 2013 das STARTStipendium, 2018 den Exil Preis für Prosa. Seit 2016 gibt sie Kurse zu Kreativem Schreiben in Gefängnissen und für Menschen mit Migrationshintergrund. 2019 inszenierte sie in Leipzig die Reihe Szenogramme. „Roter Affe“ (2020) ist erster Roman. www.kaskabryla.com

Roland K., mehrfacher Mörder und Vergewaltiger, sitzt in der JVA Moabit seine Haftstrafe ab. Mit Mania, der Gefängnispsychologin, scheint ihn mehr zu verbinden als ein paar Therapiestunden. Doch als Manias Kindheitsfreund Tomek aus Wien verschwindet und sie sich gemeinsam mit der Hackerin Ruth auf die verzweifelte Suche nach ihm macht, beginnt ein rasant erzählter Wettlauf mit der Zeit. Werden sie Tomek finden? Und will Tomek überhaupt gefunden werden? Und was hat das alles mit Roland K. zu tun? Mutig und lustvoll verknüpft Kaśka Bryla die großen Fragen von Schuld und Vergebung, von Gut und Böse mit einer unerwarteten Liebesgeschichte zu einer mitreißenden Road Novel.

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