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12.05.2020, Jamal Tuschick

Riffe der Ressentiments

Der Erzähler sieht seine Mutter an den Rand gedrängt auf einem Schwarzweißgruppenfoto von 1976 unter einem gotischen Bogen. Pierre Jarawan arrondiert die Szene. Sie zeigt eine Studierende der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris.

„Man kann niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt.“ François Truffaut

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Mit dem Taxi nach Damaskus

1981 flieht die Großmutter nachts mit ihrem Enkel in einem Taxi nach Damaskus. In meiner Phantasie fahren sie immer weiter. Sie passieren Istanbul und Athen, bevor ihrem Fahrer in München der Sprit ausgeht. Auch Amin zieht sich einen fremden Erzählschuh an. Zum Zeitpunkt der Reise war er neun Monaten alt. Er ist also um die dreizehn, als ihn Beirut wieder in die Arme schließt und er als Enkel einer Caféchefin zu seinem Arabischsein findet.

Ancient City of the Future

Beirut wird zur Metapher für Krach. Die Stadt gleicht einer „Reparaturwerkstatt“. Amin entwickelt Heimweh nach Deutschland. Gleichzeitig lernt er von dem professionellen Sprachbildermacher Saber Mounir:

„Der Mythos ist die höchste aller Wahrheiten.“

Amin blendet auf Verhältnisse 2005 in Tripoli. Er flicht der Schäbigkeit ein paar Altstadtarabesken, bis der Leser Bescheid weiß. Er schreibt Briefe im Detonationsschatten explodierender Autobomben. Schließlich taucht der Romantitel als Kapitelüberschrift auf. Die Emanationen des Krieges bestimmen den Textbeat. Bedenkt man, dass Amin von all dem nie etwas mitbekommen hätte, wäre er in München geblieben, ergibt sich eine verschluckte, im Bauch des Erzählwals unversehrt eingelagerte Metabetrachtungsebene.

Pierre Jarawan wurde 1985 im Libanon geboren. Öffentlich trat er zunächst als Slam-Poet auf. Seinen Debütroman, „Am Ende bleiben die Zedern“, schrieb er in acht Monaten. Er wurde zum Bestseller und mehrfach ausgezeichnet. 

Angeblich kamen Amins Eltern 1981 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Mutter begleitet den Waisen als Schemen. Er sieht sie an den Rand gedrängt auf einem Schwarzweißgruppenfoto von 1976 unter einem gotischen Bogen. Pierre Jarawan arrondiert die Szene. Sie zeigt eine Studierende der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris.

Pierre Jarawan, „Ein Lied für die Vermissten“, Roman, Berlin Verlag 2020, 462 Seiten, 22,-

Der Autor addiert Ereignisse von Sechsundsiebzig zu einer alarmierenden Summe. Jarawan erwähnt auch den im Vorjahr vom Dach der amerikanischen Botschaft in Saigon aufgestiegenen letzten US-Hubschrauber: ein Bild, das um die Welt ging und für viele in Vietnam das Licht ausmachte.

Im Libanon zieht der Konflikt an, während die höhere Tochter aka Amins Mutter in „ihrer kleinen Wohnung in Montmartre“ studiert. Sie besucht Museen und hegt ihr Heimweh ein; ständig beunruhigt von den Nachrichten aus Beirut. Sie malt wie ihre Mutter. Ein Bild heißt so wie der Roman.

Der Leser sinkt mit dem Erzähler wie ein Apnoe-Taucherteam in die Tiefe. Er fließt über die Riffe der Ressentiments und der gewollten Unkenntnis als sozialem Statement. Amins Großeltern mussten als maronitische Christen gegen ihren Willen eine gescheiterte Ehe aufrechterhalten. Sie konvertierten zum Islam, um sich zu befreien.

„Siehst du den Apfelbaum?“

Der Roman steckt voller Überraschungen, die bloßen Einfallsreichtum übertreffen. Eines Tages fährt Amin aus der Checkpoint-Enge von Tripoli „zu dem (in einem Rentnerparadies gelegenen) Haus in den Bergen“, das zu einem Ankerzentrum seiner Erinnerungsarbeit werden wird. Er begegnet der adoleszent aufrauschenden Rabia. Dem Fremden serviert sie Kaffee in einem Garten. Gemeinsam erwarten sie die Rückkehr von Rabias Eltern.

Amin offenbart sich:

„Bitte, sag du zu mir … meine Mutter ist hier geboren … siehst du den Apfelbaum …? Als Kind ist sie in seiner Krone herumgeklettert.“

Das weiß der Erzähler auch nur aus Erzählungen. Die Vitalität, mit der Amin fremde Zeugnisse ablegt, überträgt sich auf den Leser. Man möchte mitdichten.

Die Wüste in uns

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Zwölf Jahre nach dem Tod seiner Eltern kehrt Amin 1994 mit seiner Großmutter aus Deutschland in den Libanon zurück. Er gewinnt die Freundschaft von Jafar. Gemeinsam beweisen sie allein zu ihrem Vergnügen an kleinen Freuden Geschäftstüchtigkeit. Ergatterten Ramsch verhökern sie zu Phantasiepreisen.

Jafars Text

Zwei Stunden mit dem Auto von Beirut entfernt, erinnert sich Amin auf einem Villenhügel für Premiumpensionäre an seinen ersten bewusst erlebten Sommer im Libanon. Er näht sich ein Ruhekissen aus Gedanken an nächtliche Stunden, heimliche Orte und auffliegende Tauben. Der Bürgerkrieg kam ihm nah in den Erzählungen des Freundes, der selbstverständlich mit Sprengkörpern hantierte, die überall liegengeblieben waren, so wie Figuren auf Brettern nicht zu Ende gespielter Partien.

Fünfzehn Jahre dauerte der Bürgerkrieg im Libanon. Er verschluckte siebzehntausend Menschen unter der Statusmeldung vermisst. Dieser ominösen Größe widmet sich Jarawan in seinem neuen Roman. Amin, der Delegierte des Poeten, kopiert inschriftlich Jafars Text. Während er auf dem honorigen Greisengipfel einen Zustand der freiwilligen Isolation kultiviert, geht der „Arabische Frühling“ in all seinen Erscheinungen über die historische Bühne.

Amin erinnert Ausflüge im aufgesprengten Beirut. Noch kommen sie ihm „mehr magisch als gefährlich“ vor. Er ist ein Tourist im Geschichtsraum seiner Eltern, die angeblich 1981 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen. Nie hätte der Erzähler es für möglich gehalten, dass das Gewicht der Granaten an den Armen zieht. Den Metallkörper vergleicht Jafar mit einer Brust.

„Sieht aus wie eine Brust, findest du nicht auch.“

Von Ruß geschwärzte Tapeten visualisieren einen Brandgeruch, der in gut gelüfteten Ruinen hängengeblieben ist. Der Erzähler findet ein Radio in Trümmern. Er merkt sich die Meldungen des Tages: Die PLO zieht von Tunesien nach Gaza. In Sarajevo richten serbische Sniper das Unheil der Angst an.

Amin dreht die Erzählspindel. Er berichtet von einer Kindheit unter Exilanten voller Heimweh. Mit offenen Augen träumten die Lichtbeschwörer von „unserem Meer“. Amin geht weiter zurück und memoriert eine Flucht „in nachtdunkler Stille“.