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13.05.2020, Jamal Tuschick

Angenehmer Angriff

Das Literarische Colloquium Berlin zieht zu rbbKultur ins Radio und ins Internet – Heute eine Wohnzimmerlesung mit Janna Steenfatt

Das Wohnzimmer der Autorin

Lesung

Bei der Besichtigung einer WG-Kammer auf St. Pauli überkommt die Erzählerin „das dringende Bedürfnis, auf der Stelle ein neues Leben anzufangen“. Schauplatz des angenehmen Angriffs auf das Überkommene ist eine dezent aufgeräumte Wohnung; nichts Besonderes für sich genommen und doch „nicht leicht zu haben“ für den Preis und in der Stadt.

Janna Steenfatt, „Die Überflüssigkeit der Dinge“, Roman, Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 22,-

Ina registriert viele Bücher und wenig Möbel. Die Arrangements wirken leicht unvollständig, als seien in letzter Zeit Dinge aus dem Ensemble gepflückt worden.

Die Genauigkeit der Beobachtungen nimmt den Zuhörer ein. Der Besitzer zeigt sich als vollendeter Gastgeber. Er bleibt in dieser Rolle. Das weiß Ina noch nicht, als sie Falk dabei zusieht, wie er Milch mit einem Schneebesen aufmischt.

„Der Kaffee ist stark und gut.“

In der Ferne schimmert die Elbe durch das Küchenfenster. Falk ist Fotograf. Ina versäumt es, nachzufragen und mehr in Erfahrung zu bringen. Sie erscheint wie eingefangen von einer Poesie aus ungezwungenem Gleichmut und Diskretion.

Diskretion erfüllt eine Leitsternfunktion in der sich anbahnenden Gemeinschaft. Noch spielt man mit dem Anfang in schönen Figuren.

Behutsame Verteidigung

Falk lässt für Ina das Licht brennen, wenn sie lange ausbleibt. Behutsam verteidigt er seine Ordnung gegen ihren bedingt vorsätzlichen Schlendrian. Er installiert sich in einer Funktion, die sie in Frage stellt. Dagegen stürmt sie leise an. Er reagiert „freundlich resigniert“ und errichtet unbeirrt „Mahnmale (seiner) Ordnung“. Er legt „eine symmetrische Spur“ quer durch die Wohnung.

Er experimentiert am Herd und freut sich wie eine Mutter über das Lob ihres Appetits.

*

Fleisch und Blut ist schön und gut. Janna Steenfatt hat sich aber eine männliche Fee ausgedacht, soweit ich von der Hörprobe ins Bild gesetzt werde. Ich habe gerade den Roman bestellt. Dazu rate ich jedem.

Im Gespräch mit Natascha Freundel sagt Steenfatt: „Die Figuren drängen sich mir auf.“ – Offenbar mit Macht und einer Suggestion, die andere auflädt. Mir ist das Personal sofort plausibel. Inas alkoholkranke Mutter stirbt bei einem Verkehrsunfall und erhält eine Seebestattung. Die Halbwaise macht sich daran, ihren Vater an Land zu ziehen, der gerade an einem Hamburger Theater inszeniert.

„Falk war plötzlich in meinem Kopf.“

Und immer wieder Falk. Ina geht mit ihm aus. Oder sie sucht ihn auf ihren gemeinsamen Plätzen, so allein wie er da auf sie wartet. Man erlebt Ina und Falk als Paar. Sie streiten immerhin so. Falk bleibt gelassen bis zum Erbrechen, sie gerät in Rage und wirft Dinge in seine Richtung. Gemeinsam etablieren sie sich in Verhältnissen, die sie lange für provisorisch hielten. Während an Ina Existenzängsten nagen, gibt Falk den Stoiker an der Wasserkante.

Aus der Ankündigung

Ein Coming of Age-Roman, ein Theaterroman, ein MeeToo-Roman, ein Buch über Hamburg und die Liebe heute - all das ist „Die Überflüssigkeit der Dinge“ von Janna Steenfatt. Sie liest aus ihrem Debüt und spricht mit Natascha Freundel und Hanne Reinhardt über weibliche „Slacker“-Figuren und die Suche nach dem richtigen Leben im Falschen.

*

Ina hat sich eingerichtet in einer Welt, in der niemand etwas von ihr erwartet. Mit ihrem Mitbewohner Falk streift sie durch die Nächte auf St. Pauli und begnügt sich mit genug Schlaf, etwas Sex und Gin Tonic. Als ihre Mutter bei einem Autounfall stirbt, wird Ina eingeholt von einer Kindheit im Theater und den Gedanken an einen Vater, den sie nie kennengelernt hat. Ausgerechnet jetzt kehrt er zurück nach Hamburg und inszeniert Shakespeares Sommernachtstraum. Und Ina, die endlich so etwas wie einen Plan hat, nimmt einen Aushilfsjob in der Kantine des Theaters an. Doch bevor sie sich überlegen kann, ob sie sich dem Vater offenbart, trifft sie auf die Schauspielerin Paula. Ina, die ihr Herz bisher weder an Dinge noch an Menschen gehängt hat, lernt die Liebe kennen – und den Verrat an ihr. --- »Ein berührender Coming-of-Age-Roman über Liebe, Sex und Schuld.« Olga Grjasnowa. --- »Schlafwandler wissen: wenn sie die Augen öffnen, stürzen sie ab. Von einem solchen Augenöffnen erzählt Steenfatt mit schwindelerregender Sicherheit und einem spröden Witz.« Antje Rávik Strubel.

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