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14.05.2020, Jamal Tuschick

Zu allen Zeiten aus der Zeit gefallen

Weiterlesen – Das Literarische Colloquium Berlin zieht zu rbbKultur ins Radio und ins Internet – Heute eine Wohnzimmerlesung mit Christian Schulteisz

Christian Schulteisz (c) Ramune Pigagaite

Heute träumte mir, ich sei eine kleine Erbse mitten im Atlantischen Ozean. Ich erhob mich aus den Wellen und sagte: Mit mir fängt die Landbildung an! Darauf zerschellte ich am afrikanischen Kontinent. Hans Jürgen von der Wense 

Eingebetteter Medieninhalt

Lesung

Wense wäre zu allen Zeiten aus der Zeit gefallen.

Das glaubt Christian Schulteisz. Er widmete sich in seinem ersten Roman dem „Universaldilettanten“ Hans Jürgen von der Wense (1894 – 1966), der sich allen möglichen Gegenständen außerordentlich schwungvoll und eigendynamisch zuwandte und gelegentlich abrupt umschwenkte. Wense wanderte, dichtete und fotografierte in beflügelten Zuständen und tat das besonders gern und ausdauernd in Hessen.

„Karten sind Partituren der Landschaft.“

Das ist ein Wense-Satz, bestimmt von seinem Urheber zur multiplen Verwendung. Stets wie aus dem Augenblick geschöpft und als Frucht der einseitigen Zwiesprache deklariert, taucht die Vergoldung in Briefen auf. Das weist auf die abgegriffene Seite des Repertoires hin und so auch auf Wenses Schreibökonomie. 

Schulteisz liest aus dem Roman. Er zeigt seinen Helden in einer Lazarettstadt. Ein Rollstuhlfahrer legt auf Tauben an. Dann quert Wense eine Nebellandschaft und „schlüpft zwischen Fichten“, bevor er im Verließ einer Burg Schülerinnen in Klassenstärke begegnet, die auf den Wanderer spukhaft wirken. Er verleitet sie, das Echo ihrer Stimme herauszulocken. Vor Ort könnte lange vor der ersten christlichen Gründung ein wotanischer Sachsenfürst residiert haben. Wense greift in den Dreck. Der Staub glitzert in seiner Phantasie. Seine Zunge spürt „heidnischen Krümeln zwischen den christlichen Zähnen“ nach.

Schulteisz macht einen Tarzan aus dem Kauz. Wense astet von Baum zu Baum. Er „bricht ein ins Gehölz“, nicht ohne gelegentlich etwas zu notieren. Ich fühle mich an Arno Schmidt erinnert – ein Tausendsassa in Gummistiefeln. Von der „Weserrenaissance“ zu den Gurkenmagnolien, „die noch klein waren als Zar Peter …“

Die Referenzen kapriolen und kollabieren. Als ein Wense ist Jürgen auch mit den Münchhausens und einem Staats von Wacquant-Geozelles verwandt. Erst wollte man ihn hart vor Karlshafen vom Hof und aus dem heruntergekommenen Englischen Garten (dem ersten seiner Art auf dem Kontinent) scheuchen, doch kaum hat sich Wense zu erkennen gegeben, gehört er praktisch schon zur Familie.

Er sticht um drei Ecken durch bis zum gerade weggesprengten Kasseler Altmarkt.

„Die Schäden früherer Angriffe sind im Totalschaden verschwunden.“

Die Romangegenwart führt den Leser in das Jahr 1943. Kriegsgefangene schaufeln schadenfroh den Schutt zur Seite. Wense geht zur Schönen Aussicht. Da stand das 1811 abgebrannte Stadtschloss der kurhessischen Landgrafen.

Wense treibt sich herum. Es zieht ihn nach Kassel-Wilhelmshöhe. Er hat aber auch eine Arbeit in Göttingen, die ihn zu einem widerwilligen Aufseher von Zwangsarbeiter*innen macht. Er dilettiert als Dissident und distanziert sich von den kriegsautoritären Umgangsformen. Die militante Vormundschaft gegenüber zum Dienst Gezwungenen verweigert er nach Kräften.

Aus der Ankündigung

Hans Jürgen von der Wense war Schriftsteller, Übersetzer, Komponist, Fotograf, Völkerkundler, Wanderer, Enzyklopädist – all dies und nichts davon ganz, sagt Christian Schulteisz, der in seinem rasanten Romandebüt von dem Universaldilettanten Wense erzählt. Der allwissende Taugenichts Wense muss sich trotz aller Weltvergessenheit in einer vom Krieg beherrschten Welt zurechtfinden, und das liefert Stoff für ebenso tragische wie komische Szenen.

Zum Autor

Christian Schulteisz kam 1985 im hessischen Gelnhausen zur Welt und lebt in Stuttgart. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, veröffentlichte kürzere Erzählungen und Hörspiele. Unter anderem gewann er 2016 mit dem Hörspiel "Alles was" den Ideen-Wettbewerb des Bayerischen Rundfunks und war 2017 mit seiner Erzählung "Hunger auf Schienen" für den Open Mike nominiert. "Wense" ist sein Romandebüt.

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