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14.05.2020, Jamal Tuschick

Bratfisch & Kaffee

Fleisch und Blut ist schön und gut. Janna Steenfatt hat sich aber eine männliche Fee ausgedacht. Falk fotografiert Leichen in der Gerichtsmedizin. Die Autorin gibt der Vermutung Raum, Falk sanktioniere so einen vergangenen Kunstwillen, dessen Schwarzweißmanifestationen ihm manchmal übel aufstoßen. Er rahmt Inas Haltlosigkeit und garantiert Verhältnisse, die es erlauben, schöne Sommerabende „nahtlos in Gin Tonic übergehen“ zu lassen.

Ina geht mit ihm aus. Oder sie sucht ihn auf ihren gemeinsamen Plätzen, so allein wie er da auf sie wartet. Man erlebt Ina und Falk als Paar. Sie streiten immerhin so. Falk bleibt gelassen bis zum Erbrechen, Ina gerät in Rage und wirft Dinge in seine Richtung. Während an Ina Existenzängsten nagen, gibt Falk den Stoiker an der Wasserkante.

Das Vorspiel von Margarethe Mayers kostengünstiger Seebestattung geht als läppische Angelegenheit über eine Elbuferbühne. Es „riecht nach Bratfisch und frisch gebrühtem Kaffee“. Der „brackige Gestank des Hafenwassers“ dominiert die Vormittagsmischung. Die hinterbliebene Erzählerin verzählt sich beim Zählen von Hotelstockwerken. Später verlangt Katharina „Ina“ Mayer einen Schnaps in der Bordbar und lässt sich mit Sprudel abspeisen. Nun widmet sie sich dem Vater, der immerhin noch lebt, auch wenn Ina sonst nicht viel über ihn weiß.    

Janna Steenfatt, „Die Überflüssigkeit der Dinge“, Roman, Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 22,-

Wolf ist ein Theatertier. In der Spielzeit 86/87 hat er am Schauspielhaus Hamburg „Das Käthchen von Heilbronn“ inszeniert. Inas Mutter spielte die Titelrolle. Der Regisseur hatte Margarethe aus dem Strauß der Elevinnen gepflügt; mit räuberischen Absichten zweifellos. Sein Interesse verflog. Doch hielt er sich in Margarethes Aura als Inas abwesender/unerreichbarer Vater.

Die Mutter nahm mit dem Alkohol vorlieb. Ina sah sie trinken. Sie schenkte ihr nach und schenkt sich das musische Programm. Das Klavier, „auf dem ich nicht spielen gelernt hatte“, gehört dann zu den Nachlassdingen von Wert.

Angenehmer Angriff – Eine Rückblende

 

Bei der Besichtigung einer WG-Kammer auf St. Pauli überkommt die Erzählerin „das dringende Bedürfnis, auf der Stelle ein neues Leben anzufangen“. Schauplatz des angenehmen Angriffs auf das Überkommene ist eine dezent aufgeräumte Wohnung; nichts Besonderes für sich genommen und doch „nicht leicht zu haben“ für den Preis und in der Stadt.

Ina registriert viele Bücher und wenig Möbel. Die Arrangements wirken leicht unvollständig, als seien in letzter Zeit Dinge aus dem Ensemble gepflückt worden.

Die Genauigkeit der Beobachtungen nimmt den Leser ein bis zur Benommenheit. Der Besitzer zeigt sich als vollendeter Gastgeber. Er bleibt in dieser Rolle. Das weiß Ina noch nicht, als sie Falk dabei zusieht, wie er Milch mit einem Schneebesen aufmischt.

„Der Kaffee ist stark und gut.“

In der Ferne schimmert die Elbe durch das Küchenfenster. Falk ist Fotograf. Ina versäumt es, nachzufragen und mehr in Erfahrung zu bringen. Sie erscheint wie eingefangen von einer Poesie aus ungezwungenem Gleichmut und Diskretion.

Diskretion erfüllt eine Leitsternfunktion in der sich anbahnenden Gemeinschaft. Noch spielt man mit dem Anfang in schönen Figuren.

Behutsame Verteidigung

Falk lässt für Ina das Licht brennen, wenn sie lange ausbleibt. Behutsam verteidigt er seine Ordnung gegen ihren bedingt vorsätzlichen Schlendrian. Er installiert sich in einer Funktion, die sie in Frage stellt. Dagegen stürmt sie leise an. Er reagiert „freundlich resigniert“ und errichtet unbeirrt „Mahnmale (seiner) Ordnung“. Er legt „eine symmetrische Spur“ quer durch die Wohnung.

Er experimentiert am Herd und freut sich wie eine Mutter über das Lob ihres Appetits.