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16.05.2020, Jamal Tuschick

documentasplitter 10

Klaus Baum erinnert sich

George Trakas (c) Klaus Baum

Um die Erzählung über Trakas abzuschließen, möchte ich noch ein wenig über meinen Anteil an seiner Arbeit für den Königsplatz hinzufügen. Trakas hatte die Empfindung, dass die Oberleitung der Straßenbahn besonders in der Königsstraße die Menschen niederdrückt und gefangen hält. So fasste er den Entschluss, auf beiden Seiten des Königsplatzes die Oberleitung zu überbrücken. Und da kamen die Städtischen Werke ins Spiel, mit denen ich die Verhandlungen führte: Die wichtigste Auflage war die, dass die Oberleitung der Bahn nicht mit irgendwelchen Stecken von oben berührt werden konnte. Bei dem Wort Stecken war in erster Linie an die Drahthalterungen von Luftballons gedacht, an Kinder, die einen solchen Draht durch die Bretter der Brücke hindurchstecken konnten. Wir hatten Bretter bei Riffer, dem großen Holzhandel in Oberkaufungen, erworben. Da das Holz aber noch sehr frisch war, mussten wir davon ausgehen, dass die Bretter sich zusammenzogen. Um die dadurch entstehenden Ritze auszugleichen, habe ich dann zusammen mit Reiner Will, einem Studenten der Malerei, auf der Unterseite der Bretter überstehend stabile Leisten verschraubt, was, wenn man die Brücken von unten betrachtete, eine schöne Reihung, ein Gleichmaß ergab.

Die zweite Anforderung seitens der städtischen Werke war die, dass wir die Brücken nur nach Dienstschluss der Bahn aufbauen durften. Das war so gegen 1 Uhr in der Nacht. Kaum hatten die Mitarbeiter der Kasseler Verkehrsbetriebe die Oberleitung abgeschaltet und geerdet, kaum waren die riesigen, schweren, fahrbaren Baukräne erschienen, tauchte die Polizei auf und musste kontrollieren, was da vor sich geht. Ein kurzes Gespräch mit den Herren der Verkehrsbetriebe reichte nicht aus, die Polizei wollte Papiere sehen, was mich wunderte, denn eine Bank gab es damals auf dem Königsplatz noch nicht, allenfalls eine unterirdische, versiffte öffentliche Toilette. Und die wollte wahrlich niemand ausheben. Jedenfalls hatten es spätere Bürgermeister der Stadt mit dem Abriss von Kunst leichter als wir 87 mit dem Aufbau. Zu erwähnen wäre noch, dass die Firma Lamparter aus Niederkaufungen, die schon für Christo tätig war, die Brücken für Trakas erstellt, gebaut, montiert hatte. Ein Problem zeigte sich aber noch in jener Nacht: die Brücke zum Friedrichsplatz hin schwankte. An ihr wurde dann nachträglich noch ein schwerer Betonklotz befestigt.

Ich habe damals so für mich Vergleiche mit der Arbeitsweise von Christo angestellt. Dieser war und ist, man verzeihe mir den Vergleich, ein Generalfeldmarschall, der die einzelne Bauschritte so plant, dass Mitarbeiter sie ausführen können, wobei er im Gegensatz zu Gerhard Merz selbst mit zugreift. Trakas wollte am liebsten alles allein machen. Als Frank Barth merkte, dass Trakas bis zur Eröffnung der documenta nicht fertig werden würde, drückte er ihm drei Holländer aufs Auge, die so richtig ranklotzen konnten. Trakas fluchte und sagte zu mir: "I don't want them. They are full of shit."

PS.: Im Jahre 2002, auf der documenta 11, hatte ich eine Gruppe der Firma Lamparter in einer Führung. Der damalige Chef war auch dabei, und als Chef gab er natürlich den Ton an. Er lästerte über fast jedes Kunstwerk im Fridericianum. Das sei doch alles keine Kunst mehr. Ich lobte seinen unbestechlichen Charakter, der darin bestand, dass er von jeder documenta Großaufträge bekam, sich aber nicht korrumpieren ließ, das auch noch für Kunst zu halten.