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21.05.2020, Jamal Tuschick

Zwischen Schiffsschaukel und Anhängerkupplung - Eine Stadtrandgeschichte

Stefan machte Karriere, weil er schon mit Mitte Zwanzig das Repertoire des gesetzten Babyboomers besaß und sich für die ödesten Bereitschaftsdienste nicht zu schade war. Er sah aus wie einer vom Technischen Hilfswerk, doch hütete sich Stefan vor jeder Anstrengung. Boomer wie er schoben ihre ruhige Kugel im Blaumann. Sie erschöpften sich in der Vortäuschung reger Tätigkeit. In der Nachbetrachtung erkennt Klytämnestra Joyce (von der Jeremy Joyce Foundation in Oxford/Ohio) eine evolutionäre Masche und ein Erfolgsmodell. In dem ressourcenschonenden Umgang mit sich selbst, steckt(e) Alphakompetenz.

Susi & Stefan durchlaufen gemeinsam die Standardstadien in einer Stadtrandgegend zwischen Dorf und Neubausiedlung. Man kommt nicht in die Stadt. Der Kindergarten, die Schule, der Verein, der Blockföten- und der Konfirmationsunterricht sowie alles andere vom Bäcker bis zu den Pfadfinder*innen befinden sich vor Ort. Nominell ist man Städter, de facto Dörfler. In dieser Enge erscheint jede lokale Eigenart universell. Man spricht Dialekt und glaubt, die Leute, die anders sprechen, sprechen falsch. Und so weiter. Es kommt, wie es kommen muss. Susi & Stefan erleben sich als gute Freunde, zwischen denen nichts läuft. Beide sind Kumpeltypen, wie freiwillig, das weiß keiner. Ich meine, zwei, drei Schnittmusterfehler und du landest bei den verworfenen Bögen auf dem Boden.

Man verliert sich aus den Augen und trifft sich kurz auf der Kirmes wieder. Da passiert es zwischen Schiffsschaukel und Anhängerkupplung. Auf einem Fahndungsplakat wird ein junger Mann zum Mitreisen gesucht. Wir sind immer noch in der Draußen nur Kännchen-Welt. Was Susi & Stefan nicht zu vermeiden wussten, nennt man ein trauriges Erlebnis bei paritätischer Unzulänglichkeit.

Jahrzehnte später

Er war in den guten Zeiten Geschäftsführer geworden. Anfang der Neunziger hatte man ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, wenigstens drei Tage in der Woche im Büro die Stellung zu halten.

Damals bedeutete das, Anrufe von Leuten entgegen zu nehmen, die sich entweder verwählt hatten oder annahmen, die KSZ sei eine kommunale Anlaufstelle, etwas Städtisches und so offiziell wie das Liegenschaftsamt oder die Industrie- und Handelskammer mit ihren Existenzgründungsseminaren.

Stefan legte jedes Blatt Papier ab, das ihm in die Finger geriet. Das brachte ihm den Ruf ein, der Gewissenhafteste von allen zu sein, die sich im Dezember 1989 noch in der alten Löwengrube zu einer Vereinserweiterung entschlossen hatten, namentlich Dani, Fanni, Q, Verena, Susi, Sabi, Sally, Knolle, Walli, Augenthaler, Muck, Walter, Orhan, Giesbert und eben Stefan ohne ph.

Stefan hatte Sitzfleisch. Ihm wurde mit einer Zeitung nicht langweilig. Ihn unterhielt jede Wurfsendung. Er war von Haus aus wenig zupackend. Körperliche Arbeit verweigerte er angewidert.

Seine Freundin Susi war ewig verpennt und erkältet. Überfordert, angespannt, ausgekühlt bis auf die Knochen. War einerseits und andererseits; jederzeit bereit, sich auf eine Brotscheibe dick Butter zu schmieren und darauf mit einem Wiegemesser kleingemachten Schnittlauch zu streuen. Sie brachte ausgelassenes Gänsefett mit und sagte bei keiner Salamistulle je nein.

In den verdächtigen Zuständen äußerster Unscheinbarkeit waren Susi & Stefan durch die Schule geschlendert und hatten wie aus der Luft gegriffen so plötzlich und unerwartet das Zeug zum Abitur gehabt. Da war so viel Simsalabim, das ich den Überblick verlor und fortan aus dem Staunen nicht herauskam, wenn Susi & Stefan es völlig normal fanden, bei jeder Gelegenheit zutraulich wie kleine Tiere auf mich zuzugehen und von einem Nähe-Phantasma nicht abzubringen waren, das sich nach ihren Begriffen aus unserer gemeinsamen Kindheit ableiten ließ.

Stefan machte Karriere, nur weil er schon mit Mitte Zwanzig das Repertoire des bedächtigen Boomers besaß und sich für die ödesten Bereitschaftsdienste nicht zu schade war.