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24.05.2020, Jamal Tuschick

Im Frost der Entropie*

Gemeinsam ein dickes Buch lesen: Das Mainlabor an Bord von Leon Uris' Supertanker "Exodus".

Eva Marie Saint und Paul Newman als Hollywood-Traumpaar. Gemeinsam heben sie einen Widerspruch auf. Krankenschwester Kitty verkörpert das saubere Amerika und Ari repräsentiert ein muskulöses Israel: tough, straight, tight. Sein Charme ist eine Waffe. Kitty möchte glauben. Ari bestimmt bloß noch die Notwendigkeit.

Heiner Müller sagt: Die Aussicht auf den „gemeinsamen Untergang (der Systeme) im Frost der Entropie*“ öffnet den Blick für „eine Wirklichkeit jenseits des Menschen“. Während Müller so vor sich hin murmelt, formuliert Günther Anders engagiert: „An die Stelle des Satzes Alle Menschen sind sterblich ist der Satz getreten: Die Menschheit im Ganzen ist tötbar.“

Eingebetteter Medieninhalt

Das war eine Grunderfahrung des II. Weltkriegs. Sie ließ sich nicht von allen in der gleichen Weise teilen. Leon Uris lotet in „Exodus“ die Unterschiede zwischen Sterblichkeitsvarianten aus.

*

Der Roman beginnt mit einem Shakespearezitat: „Willkommen hier in Zypern!“

Der mit allen Wassern gewaschene und folglich grundskeptische Korrespondent Mark Parker landet im November 1946 auf der Insel. Seine Skepsis überstimmt die Rollfelderwartung, von seiner Jugendliebe Kitty Fremont wie ein Gatte an der Haustür empfangen zu werden.

Kitty kommt aber nicht. An ihrer Stelle erscheint ein Engel. Jedenfalls begrüßt der zwanghaft knackig formulierende Mark jene Person so, die an Kittys Stelle auftritt. Nach aktuellen Maßstäben macht Leon Uris einen Kotzbrocken zum Attaché des Geschehens. Man muss dem Autor die Zeit in Rechnung stellen, die seit der ersten Veröffentlichung des Romans 1958 verstrichen ist. Vermutlich hatte Uris einen lebhaft-unkomplizierten Charakter im Sinn, eine pflegeleicht-handfeste Natur mit kaum einer Handbreit Tiefgang.

Jeder Gedanke verlangte ein geistiges Getränk

Die in ihre zivilen Fassungen zurückgestoßenen D-Day-Veteranen brillierten nicht als Philosophen. Nie war Amerika mächtiger, nie der Unterschied zwischen einem WASP-Leben und dem Dasein des riesigen Rests größer. John Wayne hieß ein Mann der Stunde. Seine Vorbildfunktion stand außer Frage. Fragte sich also so ein weißer Mittelstandssieger, warum seine Hände zitterten, dann stand ihm eine psychologisch aufschlussreiche Antwort nicht zur Verfügung. Das große Auto, die Küchengeräte, der ganze Komfort sprachen zu ihm: Was willst du noch? Was du erlebt hast, erlebten Millionen. Das Besondere deiner Existenz ist der Wohlstand, nicht die posttraumatische Belastungsstörung, die man noch gar nicht diagnostizieren konnte.

Im furiosen Epochengeist dieser Verdrängung hatten die tiefe Persönlichkeit und der zweifelnde Mensch keine Konjunktur außerhalb Montmartres. Um ein weltweites Identifikationsfeld effektiv zu bestellen, bedurfte es massiver Simplifikation.

Leon Uris, „Exodus“

Die weltberühmte Geschichte mit dem biblischen Titel beginnt nostalgisch. Mark erinnert sich auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel an Kittys hyperamerikanische Perfektion, die wie ein verätzender Spiegel seine Unzulänglichkeit hervorhob, solange beide im Zustand der juvenilen Gnade das Fest der körperfrischen Unwissenheit feierten.

Mark erinnert sich ganz schön lange. Er kommt gerade von den Nürnberger Prozessen, aber auch aus Palästina. Offenbar gelingt es ihm gleichzeitig überall zu sein, und stets ist auch „ein Mädchen von der UNO (da), eine leidenschaftliche Französin“, mit der man sich in der einzigen American Bar  weit und breit zeigt, wo „die Kollegen von der Presse“ abhängen.

Wegen solcher Schilderungen bin ich Journalist geworden und fand die von Uris aufgestellte Behauptung, das große Geschichten einem zufallen, bestätigt. Eine Weile ist es wirklich so einfach. Man sitzt in Bars herum und wittert sich durch das Gerede. Plötzlich fällt ein Wort. Niemand außer dir achtet darauf. Aber du weißt, du hast jetzt einen Auftrag.