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24.05.2020, Jamal Tuschick

Muskelerotik in Suburbia

In der Weimarer Republik drängen Rumpf beugende Reformbewegungen auf den Markt. Manche setzen natürlich mit nackt gleich. Der Körper bleibt Kult auch im Trikot. Carola Spitz kriegt „die Tragkraft der Luft zu spüren“. Sie stählt ihre Arme und folgt dem Loheland-Kurs. Loheländer sehen in Menschen keine „Körpermaschinen“, sondern „Luftgeschöpfe“. Man betreibt gymnastischen Angstabbau. Carola wandert mit Kommiliton*innen im Südschwarzwald – Glottertal – Waldsee – Feldberg. Christoph Ribbat trägt eine Pittoreske zusammen. Er sieht „gepflegte junge Männer“ in Carolas irisierender Gesellschaft. Alles ist Schmuck: der Zopf genauso wie das Gedicht. Der Autor trifft die Wandervogel-Stimmungen gut. Ab und zu macht man eine Pause von der ganzen Gesundheit und raucht Zigaretten auf einer Lichtung; malerisch das Gras drapierend. Der Schwarzwald als Jugendchiffre geht Carola nie mehr aus dem Kopf. Sechzig Jahre später schwärmt sie davon in Manhattan.

Ihre besten Schüler sind Physiker, Chemiker und Mathematiker. Niemand wird je „fokussierter“ dem Spannungsabbau via Gymnastik Vorschub leisten als die Apokalypse-blinden Zauberlehrlinge des Manhattan-Projekts in Oak Ridge, Tennessee.

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Wikipedia: „Oak Ridge wurde 1942 unter dem Namen Site-X als Werkssiedlung … gegründet. Maximal 75.000 Menschen wurden in die vorher nur dünn besiedelte Region geholt, um unter größtmöglicher Geheimhaltung die erste Atombombe zu bauen.“

Carola Speads (geborene Joseph, verheiratete Spitz, amerikanisierte Speads) kommt 1947 in die Blue Ridge Mountains zu den psychosomatisch erkrankten Koryphäen. Die Spezialistin baut die Spezialisten auf. Alle suchen Zuflucht in Anwendungen.

Smaze, Smoze und Smag

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Der Körper bringt den Kies. – Im New York der 1950er Jahre konkurrieren europäische Migrant*innen auf dem Markt der Achtsamkeit um die Solvenz schnell gelangweilter Hustler mit geringen spirituellen Potentialen und großem Verschleiß in allen Funktionen des Körpers und der Seele.

Smaze, Smoze, Smag nennen die New Yorker ihren Smog. Darin verschwinden „Wolkenkratzer, Brücken und Parks“.

„Man kann die stickige Luft nicht einatmen. Man kann sie aber auch nicht nicht einatmen.“

Eine Atemlehrerin, die sich im Schatten der Freiheitsstatue über Wasser hält, geht rasch die Luft aus, wenn ihr zur schlechten Luft in der Stadt nichts Gescheites einfällt. Man erwartet ihre Expertise.

Carola Speads (geborene Joseph, verheiratete Spitz, amerikanisierte Speads) hält „Vorträge über das innere Gleichgewicht“, während sie sich selbst über ihren Schwerpunkt hinausbewegt, um in der Überforderung die Miete zahlen zu können. Die Überforderung ist das Äquivalent zur Entfremdung. Amerika liegt Carola nicht. Sie geht nicht auf in der Hefe dankbar in ihre neue Heimat verliebter Firststepper.

Auf dem Achtsamkeitsmarkt spenstet man sich die Kundschaft mit harten Bandagen ab. In Carolas „Studio für körperliche Umerziehung“ ist keine Verbraucherin bereit, sich zu langweilen.

Der Körper bringt den Kies. Europäische Migrant*innen konkurrieren um die Solvenz von Snobs mit geringen spirituellen Potentialen und großem Verschleiß in allen Funktionen des Körpers und der Seele.

Aus der Vorschau

Eine Dame mit Akzent unterrichtet Achtsamkeit in New York City: wie man bewusst atmet, den Körper erspürt und den Stress der Großstadt überlebt. Ihr Studio ist ein Geheimtipp für Sängerinnen, Tänzerinnen und verkrampfte Büromenschen. Ihre Schülerinnen meinen, sie sei ganz und gar entspannt. Aber ihre eigene, schmerzhafte Vergangenheit hält sie vor ihnen geheim.

Die Atemlehrerin erzählt die berührende Geschichte der Carola Joseph. Die Gymnastiklehrerin, 1901 geboren, lebt, arbeitet, forscht in Berlin, heiratet, heißt nun Carola Spitz und verlässt die Stadt erst, als es fast schon zu spät ist. Sie wird zu einem jüdischen Flüchtling unter Zehntausenden, etabliert sich als »Carola Speads« in Manhattan und lehrt, als sie 97 Jahre alt ist, noch immer in ihrem Studio am Central Park.

Carola braucht mehr Schüler*innen, während eine Welle des Antisemitismus die Sowjetunion flutet. Die Welt bleibt ein Ort zum Fürchten. Carola wähnt sich am „Anfang des Grauens“. Das schreibt sie ihrer Lehrerin Elsa Gindler nach Berlin.

Wikipedia weiß: „Elsa Gindler (1885 - 1961) war eine deutsche Gymnastiklehrerin, und Begründerin einer Form der Gymnastik und Bewegungstherapie. Da sie ihrer Schule weder einen theoretischen Überbau noch einen zugkräftigen Namen gab, wird heute häufig von „Gindler-Arbeit“ oder „Therapie nach Gindler“ gesprochen. Hauptmerkmal dieser Arbeit ist die behutsame Förderung der Selbsterfahrung und der Entfaltung der natürlichen Anlagen. Ihre Ansätze wurden von der Körpertherapie bzw. Körperpsychotherapie aufgenommen.“

Carola präsentiert sich als Gindlers Meisterschülerin. Die Meisterin gestattet sich behutsame Winke mit dem Zaunpfahl. Gindler passt es nicht, dass Carola eine obsolete und keinesfalls exklusive Nähe zu ihr zum Unique Selling Point macht.

In New York wirkt wenigstens eine weitere Gindler-Jüngerin. Charlotte Selver (geb. Wittgenstein) nutzt ihren Berliner Background effektiver zu Reklamezwecken als Carola. Charlotte, angeblich oberflächlich und schwer von Begriff, unterrichtet die Koryphäen der New School for Social Research. Erich Fromm hat das eingefädelt.

Carola ist eifersüchtig und neidisch auf den in ihren Augen unverdienten Erfolg.

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Das Verhältnis von Peripherie und Zentrum spiegelte sich lange in der Bedeutungsdifferenz zwischen dem, den Status markanter als alles anderes anzeigenden Stadthaus in Manhattan und der Yacht mit ihrem clubmäßig abgeschirmten Liegeplatz in den Hamptons. In den Fünfzigerjahren gaben aber viele begüterte New Yorker ihre urbanen Repräsentanzen auf und verzogen sich nach Suburbia in die Randbezirke der Agglomeration. Der Umzug transformierte das Umland. Gemeinden mutierten zu Vorstädten.

Christoph Ribbat, „Die Atemlehrerin. Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm“ Suhrkamp, 191 Seiten, 22,-

Carola erlebt den Wandel in ihrer Nachbarschaft. Das Architektur gewordene Selbstbewusstsein des Citoyen verkümmert in Umnutzungen als Mietskasernen. Lebhafte Milieus entstehen im Zuge eine Migration. Vor allem Puerto-Ricaner siedeln sich an. Sie bringen ihre karibischen Farben mit. Eingesessene nehmen nun die Upper West Side als „Terrain des urbanen Niedergangs“ war.

Während sich die Stadt häutet, befasst sich Carola mit Muskelerotik und den Schluchten zwischen Dystonien und Triebabwehr. Allgemein glaubt die Avantgarde, dass sich die Verdrängung in der Motilität als Verriegelungsaktivität fortsetzt. Die Dystonie zeigt eine Angst an, die aus der Triebabwehr kommt. Mit Gymnastik, das ist die Idee, vermindert man den Verdrängungsdruck und hilft der Libido, ihr Werk zu verrichten.

Das Konzept geht in der Praxis auf Elsa Gindler und in der Theorie auf Otto Fenichel zurück. Die psychoanalytische Überformung der Reformgymnastik ist der letzte Schrei im New Yorker Augenblick. Die Devise lautet, runter von der Couch und los geht es auf der Matte. Auch die Übertragung funktioniert nach Schema F. Die Reformpädagogin im Rang einer Leibesübungsmeisterin fungiert als Mutterersatz, der zuliebe der Praktizierende sich selbst erlöst, indem er das geforderte Pensum erfüllt.

Man muss die Ambition in folgendem Rahmen betrachten: Zu Carolas Klientel zählt „die Mutter, die so erschöpft ist, weil sie kein neues Kleid für ihre Tochter finden kann“.    

Wenn die Gewalt aufrückt

Privaten Besuch rät Carola zu Umwegen wegen der neuen Einwanderer. Die Gäste sollen über die 86. Straße eintrudeln, die 85. gilt als zu gefährlich.

Christoph Ribbat, geboren 1968, ist nach Stationen in Bochum, Boston und Basel Professor für Amerikanistik an der Universität Paderborn. Sein Buch „Im Restaurant. Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne“ wurde 2016 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und in 14 Sprachen übersetzt.