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25.05.2020, Jamal Tuschick

Homöostase

Heute wäre Zumwinkel vielleicht Coach und würde Selbstoptimierer*innen in Eislöchern baden lassen.

Eingebetteter Medieninhalt

Sämtliche Reaktionen des Körpers haben eine genetische Wurzel, die Milliarden Jahre zurückreicht. Sobald wir die thermoneutrale Zone verlassen, dreht sich alles um die Wiederherstellung der Homöostase. Interessant ist, dass die stärksten Ausschläge am unteren Ende der Temperaturskala stattfinden. Kälte ist der Schlüssel. Rainer Zumwinkel bringt seinen eigenen Polarkreis mit. Er ist siebenunddreißig, in meinen Augen ein alter Mann. Die Überheblichkeit eines Herangewachsenen rät mir, ihn wegen seiner grauen Haare für ausgebrannt zu halten.

Zumwinkel verschleppt die Begrüßung. Erst mal irritieren. Ich kenne das Programm, Holger gestattet seinen Debütanten höchstens einmal im Jahr etwas Umgängliches auf der Basis von Normalfloskeln. Im Übrigen findet er kein Ende mit dem Irritationstraining. Der gegenstandslose Übergriff ist die Königsdisziplin.

Wie fixiert man jemanden, ohne auch nur in seine Richtung zu gucken? Wie suggeriert man jemanden, man läge auf seinen Schultern und schände seine Intimzone, während man nachweislich die gesellschaftliche Distanz wahrt.

Ich weiß, wie man das macht. In Holgers Orientierungslaufgruppe bin ich der einzige, der den Nutzen immaterieller Manipulationen erkennt. Ich bin fünfzehn und diskutiere mit mir die Frage, ob es eine moralische Limitierung der psychologischen Penetration gibt. Ich habe schon als Fahrgast Busfahrern so zugesetzt, dass sie kurz vor dem totalen Kontrollkollaps waren, und dann beobachtet, wie sie sich selbst wieder zurechtgaloppierten. Ich erkannte, dass ihr Bewusstsein die Fehlermeldung zurückhielt. Sie vergaßen ihr Versagen.

Darauf kann man bauen, sagt Holger. Du selbst verhältst dich nicht anders. Niemand tut das.

Holger ist mein Kunst- und Sportlehrer. Er ist so vieles: Agitprop-Künstler mit einem Rochus auf die Documenta-Macher, weil sie ihn übersehen, Juso-Vorsitzender, Kraftdreikampf-Hessenmeister und unser Orientierungslaufgruppenleiter. Bei Vollversammlungen legt er sich mit der Schulleitung an. Er hat keine Berührungsängste. Er spricht mit den K-Gruppenführern, obwohl sie der SPD vor Ort Schwierigkeiten machen. Er wirkt supermoderat, fast schon krankhaft freundlich, aber sobald er uns für sich hat, geht es nur um Orientierung. Finde mal nachts einen zusammengebrochenen Hochsitz in der Nähe des vor Jahrzehnten versiegelten Stellbergstollenmundlochs auf der Basis von drei Informationen.  

Ein Gegner, der seine Absichten verrät, ist keiner, sagt Holger.

Ich referiere den Standardtext. Ich habe mal ein ganz abgegriffenes Handbuch gesehen, da stand unter der markant-unbeholfenen Überschrift Judo des Geistes vermutlich das alles drin.

Von Holger kam der Auftrag, mich bei Zumwinkel zu melden. Zumwinkel taxiert mich und fintiert gemächlich gegen das Phantom in einem Raum, der wie eine Arztpraxis aussieht. Doch beweist nichts auch nur den verschwiegenen Publikumsverkehr auf gehobenen Privatpatientenschleichwegen. Seit Holger mit der Behauptung hausieren geht, er habe noch keinen so begabten jungen Mann (wie mich) geschult, begegne ich seltsamen Gestalten. Obwohl ich mit ihm allein bin, sagte Zumwinkel eben:

„Das also ist unser Wunderknabe.“

Ich bin daran gewöhnt, von Wenigen über den grünen Klee gelobt zu werden. Das hält die meisten nicht davon ab, mich für einen Idioten zu halten. Zweifellos haben sie Recht. Ich bin ein Idiot mit Fähigkeiten. Ich verstehe, wenn Leute in mir den pathetischen Affen sehen.

So wurde ich natürlich nicht geboren. Ich war so unkontrolliert wie alle. Sehe ich heute Kinder leidenschaftlich Bewegungen ausführen, deren Bedeutung sie nicht ermessen können, fallen mir manchmal wenigstens von Holger inszenierte Szenen ein.