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27.05.2020, Jamal Tuschick

Überleben ist teuer - Eine Gesellschaft wartet auf den Coronakater

Die Demokratie darf nicht in Quarantäne gehen

Nichts wird danach mehr sein, wie es war – und wir werden nicht mehr dieselben sein. Die Corona-Pandemie hat uns in kurzer Zeit in eine weltumspannende Krisensituation gebracht. Jeden Einzelnen, aber auch uns alle als Gesellschaft, als Nation, als Weltgemeinschaft. Mit hoher Geschwindigkeit bilden sich momentan neue Formen des Lebens und Arbeitens, aber auch neue Ängste und Sorgen, andere Prioritäten und Werte als zuvor, neue Hoffnungen. Dieser Band versammelt die wichtigsten aktuellen Texte zum Leben während und nach der Krise und bietet spannende Impulse zum Nachdenken über das, was uns allen momentan widerfährt. Mit Beiträgen von Anne Applebaum, Jakob Augstein, Abhijit V. Banerjee, Nikolaus Blome, Luca d’Andrea, Thea Dorn, Ulrike Draesner, Esther Duflo, Gerd Gigerenzer, Matthias Glaubrecht, Stephen Greenblatt, Dana Grigorcea, Annett Gröschner, Yuval Noah Harari, Matthias Horx, Philipp Hübl, Bas Kast, Martin Korte, François Lelord, Geert Mak, Annette Mingels, Ian Morris, Mareike Ohlberg, Boris Palmer, David Quammen, Richard C. Schneider, Martin Schröder, Frank Sieren, Mark Spitznagel, Peter Spork, Reinhard K. Sprenger, Nassim Nicholas Taleb

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„Wir brauchen robuste Entscheidungsstrategien.“ GG

Gerd Gigerenzer plädiert für größere Risikokompetenz. Der Psychologe prophezeit, die Pandemie im historischen Augenblick sei ein Anfang. Sein Credo: „Wir müssen lernen, mit Ungewissheiten zu leben“, anstatt uns von ihnen „in Geiselhaft“ beugen zu lassen.

„Corona und wir - Denkanstöße für eine veränderte Welt“, Penguin Verlag, eBook, 14.99 Euro

Gerd Gigerenzer ist Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Direktor des Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

In seinem Aufsatz „Corona, Sars und Schweinegrippe: Warum wir Risikokompetenz brauchen“ reißt er den Horizont zwischen unterschätzen & überreagieren auf. Man kennt Gigerenzer als einen Erforscher des unterkomplexen Pfiffs, der mitunter Theorien, die mit dem Nobelpreis gekrönt wurden, ausrangiert.

Gigerenzer weiß: Wir fürchten das Unwahrscheinliche. Schläge, die auf der Agenda stehen, werden ein- und weggesteckt. Manche Leute motorisieren deshalb ihre alten Treibkähne der Normalität. Sie integrieren das Virus allein schon zu dem Behuf, sich über die Destabilisierten erheben zu können. 

Dem Grauen mit einem Schwank begegnen

Die Boykottierung von China-Restaurants liegt auf dieser Linie der Konfliktbewältigung. In der Krise kaufen die Amerikaner mehr Waffen, die Franzosen mehr Wein und wir mehr Klopapier. Die Rollen unter dem Arm sind ein Statement des Gemeinsinns. Risikokompetenz heißt, „informiert und entspannt“, sein Kontingent in Sicherheit zu bringen. 

Anne Applebaum/Heiner Müller - Die Seuche als Motor der Neuzeit taucht bei Heiner Müller aus den Giftindustrien der Kloake als Kanalisationsproblem auf. In der Keimzeit seiner Isolation denkt er über Daniel Defoe nach. Dessen fiktiver Bericht über einen Londoner Pestausbruch stimmt Müller lyrisch. Es entstehen zwei auseinanderlaufende Fassungen eines Pestgedichts, das so oder so unfertig bleibt. Die Häuser der Toten sind ledig. Ledig werden sie zu Lieferanten von Brennbarem.

Schlagartige Reduktionen

Jeder Fünfte endete im Mittelalter als Seuchenleiche.

In seinem Beitrag „Demografische Katastrophen der Menschheit“ erinnert Matthias Glaubrecht, dass „Hungersnöte, Krankheiten und klimatische Veränderungen“ von jeher die Menschheit begleiten. Dazu kommen Kriege. Der Zoologe und Journalist zieht das Virus in diese Betrachtungsklammer und organisiert so die übergeordnete Perspektive. Populationseinbrüche entbehren nicht der Regelmäßigkeit. So gehören zum Programm. Mitunter stufen sie die genetische Vielfalt herab. Engländer sind sich heute ähnlicher als sie es vor den schlagartigen Reduktionen von 1340 und 1660 waren. Die Pest hat bestimmten Gruppen und Familien weniger abgepresst als anderen. Die Resistenten bilden den Stamm aktuell atmender Engländer.

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„Grenzschließungen vermitteln den Eindruck von Entschlossenheit, aber in Wirklichkeit bewirken sie gar nichts.“

Das behauptet Anne Applebaum in ihrem Beitrag „Die Regierenden wittern ihre Chance“. Die auch journalistisch publizierende Historikerin warnt mit Beispielen aus der Geschichte. Regierungen nutzen Pandemien von jeher, so Applebaum, um Freiheitsrechte zu verkleinern und machtherrlich zu expandieren.

„After this is all over, I never, ever want to hear again about how businessmen would run the government better than politicians.“

Anne Applebaum auf Twitter

Sehen wir das zurzeit in der Bundesrepublik? Kommt das Virus Merkel & Söder wie gerufen?

Lassen Sie uns später darüber streiten. Im Augenblick referiere ich Applebaums Position.

„Wenn Menschen Angst haben, beugen sie sich.“

Applebaum kritisiert die italienischen und französischen Ausgangssperren. Sie moniert den Polizeiaufwand und die allgemeine Akzeptanz der Maßnahmen. Sie erwähnt die totalitären Steigerungen in Ungarn.

Die Seuche als Motor der Neuzeit taucht bei Heiner Müller aus den Giftindustrien der Kloake als Kanalisationsproblem auf. In der Keimzeit seiner Isolation denkt er über Daniel Defoe nach. Dessen fiktiver Bericht über einen Londoner Pestausbruch stimmt Müller lyrisch. Es entstehen zwei auseinanderlaufende Fassungen eines Pestgedichts, das so oder so unfertig bleibt. Die Häuser der Toten sind ledig. Ledig werden sie zu Lieferanten von Brennbarem.

Jakob Augstein und Nikolaus Blome fragen:

„Warum lassen die Leute das alles mit sich machen?“

Augstein noch Blome fürchten einvernehmlich die Folgen des Coronakaters für die Freiheit & die Wirtschaft. Blome antizipiert die Regierungsargumentation in naher Zukunft. Man werde zur Abschirmung der amtlichen Amnesie & Amnestie von einem temporären „Kontrollverlust“ sprechen. Augstein widerspricht. Er weiß, dass die Kritiker*innen des Merkel-Managements einen schweren Stand haben werden. Schon jetzt wirkt Skepsis stigmatisierend. Man steht als reservierter Zeitgenosse (zumindest virtuell) auf dem Berliner Rosa Luxemburg Platz am Querfront-Querulanten-Selbstanzeiger-Pranger. Da macht keine(r) eine gute Figur.

Attraktive Chimäre

Die Gesellschaft formiert sich in Prozessen der Anpassung so organisch wie ein Sardinenschwarm. Abweichungen werden als Angriffe gedeutet. Die Argumentation ist so apokalyptisch wie basal. Im Ausnahmezustand begreift sich die Gesellschaft in der familiären Spannung zwischen Altruismus und Aversion. Sie erwartet eine Performance der Eindeutigkeit und Führung. 

Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo beleuchten in ihrem Aufsatz „Glaubt an den Staat“ das geringe Staatsvertrauen der amerikanischen Bürger*innen. Es hat eine manieristische Seite, in der sich extremer Individualismus zu beweisen versucht. Banerjee und Duflo stellen nebenbei fest, dass die historisch begründete Staatsferne nur noch Hohlformen hergibt. Die Anarchie hängt am Tropf. Die Ideologie des potenten Selbst ist eine Chimäre, wenn auch eine attraktive.