MenuMENU

zurück zu Main Labor

30.05.2020, Jamal Tuschick

„Corona und wir - Denkanstöße für eine veränderte Welt“

Gesellschaftlicher Kreuzbandriss

Die Karlsbrücke - Regina und ich waren im Februar in Prag und wunderten uns spöttisch über lauter Maskenträger*innen in der Stadt.

Atavistischer Alarm

Auf der Karlsbrücke. In meiner Erinnerung trug die Braut Mundschutz. Vielleicht war sie ein Modell. Wir sahen sie auch auf einem anderen illustrierten Schauplatz in einem anderen Brautkleid. 

Eingebetteter Medieninhalt

Anfang Februar waren Regina und ich in Prag. Asiatische Touristen trugen beinah ohne Ausnahme Mundschutz. Wir hielten das für ein phobisches Phänomen, einzuordnen in die Fächer Ekel & Hygienehammer. Das Virus machte bereits von sich reden. Es ging uns nichts an. Die Pandemie war längst in Europa angekommen, meine Antennen empfingen kein Signal. Kein atavistischer Alarm erhöhte die Aufmerksamkeit. Obwohl ich das Gras wachsen höre und sich Gefahr bei mir normalerweise mit einem Premiumreaktionszeitbonus ankündigt.

Eingebetteter Medieninhalt

Das Virus überraschte mich wie jeden anderen. Daran denke ich beim Lesen von Stephen Greenblatts Bericht „Der Tod in Rom“. Ihm ging es wie mir. Das Virus als Nachricht wirkte so erschreckend wie ein Eichhörnchen auf dem Sims. Greenblatt genoss ein Forschungssemester in Rom, die Entfernung zum Krisenherd hielt er für ausreichend. Eine chinesische Freundin informierte ihn über dystopische Veränderungen in ihrer Heimat.

„Corona und wir - Denkanstöße für eine veränderte Welt“, Penguin Verlag, eBook, 14.99 Euro

Das Virus als TV-Ereignis

Wir fernsehen Chinesen in Wohnungsquarantäne und ihre Selbstbelustigungen, die wir mit unserer Skepsis-App für verordnet halten. Das Virus stellen wir uns extrem heimatverbunden vor. Das verreist nicht. Die ersten Hinweise auf Notstände in Norditalien sickern durch die Wand der Ignoranz und werden so abschätzig wie Wasserschäden betrachtet.

Die ersten Abriegelungen erscheinen in ihren Übertragungen wie Dreharbeiten zu Filmen, die erschrecken sollen. Dann wird die Mailänder Modewoche abgesagt. Eine Flugzeugträgerin der italienischen Wirtschaft läuft nicht aus.

Das ist ein Zeichen, das man versteht. Plötzlich verbinden sich wieder die Informationen zu Bildern, mit denen zu arbeiten wir gewöhnt sind. Das kennt man, auch wenn man es noch nie erlebt hat. Das Virus beginnt in Europa zu performen. Es kommt an in der viralen Ästhetik, die uns puffert. Es kommt bei uns zuhause an.

Der gesellschaftliche Kreuzbandriss ist das erste Geisterspiel – Juventus Turin gegen Inter Mailand. Das sagt in einem katholischen Land mehr aus als die Schließung der Kathedrale von Mailand.

Schlagartige Reduktionen

Jeder Fünfte endete im Mittelalter als Seuchenleiche.

„Corona und wir“ - In seinem Beitrag „Demografische Katastrophen der Menschheit“ erinnert Matthias Glaubrecht, dass „Hungersnöte, Krankheiten und klimatische Veränderungen“ von jeher die Menschheit begleiten. Dazu kommen Kriege. Der Zoologe und Journalist zieht das Virus in diese Betrachtungsklammer und organisiert so die übergeordnete Perspektive. Populationseinbrüche entbehren nicht der Regelmäßigkeit. Sie gehören zum Programm. Mitunter stufen sie die genetische Vielfalt herab. Engländer sind sich heute ähnlicher als sie es vor den schlagartigen Reduktionen von 1340 und 1660 waren. Die Pest hat bestimmten Gruppen und Familien weniger abgepresst als anderen. Die Resistenten bilden den Stamm aktuell atmender Engländer.

In ihrer Blütezeit übertraf Tenochtitlan alle anderen Städte Amerikas an Größe und Pracht. Wie „Dorftölpel“ staunten die Konquistadoren unter der Führung von Hernán Cortés 1519 über Avenuen und Kanäle zwischen den Einschüchterungsmonumenten in der Kapitale des Aztekenreichs. Paris, damals Europas bedeutendste Metropole, war kleiner und weniger glanzvoll. Die Spanier hätten, so Glaubrecht, Tenochtitlan niemals einnehmen können, wenn nicht im Zuge des ersten Kontakts mit den Weißen eine Pockenepidemie ausgebrochen wäre.

Glaubrecht spricht von der weltweit „größten demographischen Katastrophe … Die Stadt verlor … ein Drittel ihrer Bevölkerung“ ohne Kampfhandlungen. Neben den Pocken wirkten sich in der Konsequenz fehlender Immunität „Masern, Typhus, Diphtherie und Influenza“ tödlich aus. Viele starben ohne Kontakt mit den Eindringlingen. Die Viren und Bakterien der Weißen kolonisierten mit dem Tempo eines Lauffeuers die neue Welt. „Gespenstige Seuchenzüge entvölkerten ganze Landstriche“ unter Ausschluss einer sichtbaren Begegnung mit dem Feind.

Glaubrecht nennt verspätete Immunantworten auf Virenangriffe „biologische Lektionen aus der Geschichte der Menschheit“.

Die natürliche Anpassung verschleppt sich in den Prozessen von Versuch & Irrtum. Die Konquistadoren erkannten den Effekt.

„Denn überall, wohin die Spanier kamen, war es, als ob ein Feuer … alles auf seiner Bahn zerstöre.“

Glaubrecht diskutiert, wie „die unbeabsichtigte Tragödie“ sich auf das Schuldkonto der Kolonialisten niederschlägt. „Das große Sterben“ führte zum Kollaps der ursprünglichen Kulturen.

„Nicht Waffen und … Weihen“ ebneten der weißen Suprematie den Weg, sondern Krankheiten. Das ist Glaubrechts superplausibles Credo. Die Gegenwart macht anschaulich, was man sonst kaum glauben könnte.

„Es fällt nicht schwer, sich den Schock der Berliner vorzustellen, als plötzlich von allen Seiten die längst ins Reich des Aberglaubens verwiesenen Reiter der Apokalypse durch die prosperierende Stadt zogen. Die Pest war ausgerottet, aber die Cholera an ihre Stelle getreten. König Friedrich Wilhelm III. zog sich nach Charlottenburg zurück“, Hegel floh auf den Kreuzberg. Man verspottete die Vorsicht. „Er hatte Recht gehabt …, aber es nützte ihm nichts mehr“, resümiert Karl Heinz Götze in seinem Aufsatz „Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung (1831)*“

Eingebetteter Medieninhalt

„Grenzschließungen vermitteln den Eindruck von Entschlossenheit, aber in Wirklichkeit bewirken sie gar nichts.“

Das behauptet Anne Applebaum in ihrem Beitrag Die Regierenden wittern ihre Chance. Die auch journalistisch publizierende Historikerin warnt mit Beispielen aus der Geschichte. Regierungen nutzen Pandemien von jeher, so Applebaum, um Freiheitsrechte zu verkleinern und machtherrlich zu expandieren.

„Wenn Menschen Angst haben, beugen sie sich.“ 

Karl Heinz Götze bemerkt im freien Galopp komplementärer Kongenialität in seinem im Merkur erschienenen Aufsatz Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung (1831): Preußen machte (nach dem Choleraausbruch im angezeigten Jahr), was man am besten konnte. Man führte Krieg gegen die Krankheit, zunächst mit den schärfsten Maßnahmen. So schloss man anfangs Posen mit einem dreifachen Militärkordon ein in der vergeblichen Hoffnung, so das weitere Vorrücken der Krankheit nach Westen aufhalten zu können. Die Cholera lachte darüber und holte am 23. August 1831 keinen Geringeren als Gneisenau, den Oberbefehlshaber des Preußischen Heeres, im November des gleichen Jahres Clausewitz, den berühmten Strategen.

*Marie Hegel schildert ihren süddeutschen Verwandten die zwecklosen Vorkehrungen, die gegen die Cholera getroffen wurden.

Applebaum kritisiert die italienischen und französischen Ausgangssperren. Sie moniert den Polizeiaufwand und die allgemeine Akzeptanz der Maßnahmen. Das ist längst Makulatur, bedenkt man das große Sterben in diesen Ländern.  

Die Seuche als Motor der Neuzeit taucht bei Heiner Müller aus den Giftindustrien der Kloake als Kanalisationsproblem auf. In der Keimzeit seiner Isolation denkt er über Daniel Defoe nach. Dessen fiktiver Bericht über einen Londoner Pestausbruch stimmt Müller lyrisch. Es entstehen zwei auseinanderlaufende Fassungen eines Pestgedichts, das so oder so unfertig bleibt. Die Häuser der Toten sind ledig. Ledig werden sie zu Lieferanten von Brennbarem.

Jakob Augstein und Nikolaus Blome fragen:

„Warum lassen die Leute das alles mit sich machen?“

Augstein noch Blome fürchten einvernehmlich die Folgen des Coronakaters für die Freiheit & die Wirtschaft. Blome antizipiert die Regierungsargumentation in naher Zukunft. Man werde zur Abschirmung der amtlichen Amnesie & Amnestie von einem temporären „Kontrollverlust“ sprechen. Augstein widerspricht. Er weiß, dass die Kritiker*innen des Merkel-Managements einen schweren Stand haben werden. Schon jetzt wirkt Skepsis stigmatisierend. Man steht als reservierter Zeitgenosse (zumindest virtuell) auf Berliner Plätzen am Querfront-Querulanten-Selbstanzeiger-Pranger. Da macht keine(r) eine gute Figur.

Aus der Ankündigung

Nichts wird danach mehr sein, wie es war – und wir werden nicht mehr dieselben sein. Die Corona-Pandemie hat uns in kurzer Zeit in eine weltumspannende Krisensituation gebracht. Jeden Einzelnen, aber auch uns alle als Gesellschaft, als Nation, als Weltgemeinschaft. Mit hoher Geschwindigkeit bilden sich momentan neue Formen des Lebens und Arbeitens, aber auch neue Ängste und Sorgen, andere Prioritäten und Werte als zuvor, neue Hoffnungen. Dieser Band versammelt die wichtigsten aktuellen Texte zum Leben während und nach der Krise und bietet spannende Impulse zum Nachdenken über das, was uns allen momentan widerfährt.

Mit Beiträgen von Anne Applebaum, Jakob Augstein, Abhijit V. Banerjee, Nikolaus Blome, Luca d’Andrea, Thea Dorn, Ulrike Draesner, Esther Duflo, Gerd Gigerenzer, Matthias Glaubrecht, Stephen Greenblatt, Dana Grigorcea, Annett Gröschner, Yuval Noah Harari, Matthias Horx, Philipp Hübl, Bas Kast, Martin Korte, François Lelord, Geert Mak, Annette Mingels, Ian Morris, Mareike Ohlberg, Boris Palmer, David Quammen, Richard C. Schneider, Martin Schröder, Frank Sieren, Mark Spitznagel, Peter Spork, Reinhard K. Sprenger, Nassim Nicholas Taleb