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02.06.2020, Jamal Tuschick

Eskalierende Mutter

1997 unternimmt Marianne Louise Mclean einen Selbstmordversuch, den ihre Töchter unter der Überschrift Mama hat etwas ziemlich Dummes getan seelisch inventarisieren. Die Krise ist sofort da in Katya Apekinas erstem Roman, der in Amerika als Future Cult Classic Novel gelabelt wird.  Edie und Mae wachsen am Rand von New Orleans in Metairie auf. 

Letzte Bemerkungen zu Katya Apekinas Roman „Je tiefer das Wasser“

Sie sind Töchter eines berühmten Schriftstellers und streitbaren Aktivisten, der in ihrem Alltag solange nicht vorkommt, bis ihre Mutter Marianne einen Selbstmordversuch unternimmt und sie in die Obhut des Vaters Dennis und so von einem südstaatlichen Stadtrand nach New York transferiert werden. Während die sechzehnjährige Edie (Edith) dem Vater das Scheitern der Familie anlastet, zeigt sich die jüngere Schwester Mae begeistert. Es berauscht sie, im Mittelpunkt einer lange entbehrten Aufmerksamkeit zu stehen. Sie ahmt ihre Mutter nach. Sie erscheint als Akteurin in einem gefährlichen Spiel.

„Manchmal redete er mit mir tief in Gedanken, und ich antwortete ihm als Mom.“

Vater und Tochter inszenieren sich in der Öffentlichkeit mit dem Retroschick, der Dennis in seiner Jugend richtig gut aussehen ließ. Mae besetzt den Vater in ihrer Doppelrolle. Sie okkupiert seinen Schoss und lässt sich mit Süßigkeiten füttern.

Katya Apekinas Roman „Je tiefer das Wasser“, Roman, auf Deutsch von Brigitte Jakobeit, Suhrkamp, 396 Seiten, 24.-

„Mir schmeckte nichts davon, aber ich aß mit meinem Mom-Lächeln … Ich merkte, wenn ich Mom gut wiedergab, weil sein Gesicht dann auf eine Weise bebte …“

Gleichzeitig arbeitet sich eine Doktorantin an Dennis heran.

Sein Werk ist ein beliebter Promotionsgegenstand. Doktorandinnen verlieben sich scharenweise in den hochgewachsenen, breitschultrig-melancholisch umwölkten Bestsellerautor. Seine Anziehungskraft („anziehend auf eine rohe Art“) erscheint im Roman als Selbstverständlichkeit. Der Verehrte bleibt ungerührt und reagiert mitunter zerstreut auf die Werbung an allen Ecken und Enden.

Dennis hat eine Vergangenheit als Bürgerrechtsaktivist. In den frühen Sechzigerjahren wurde er in der Gegend von Lafayette von einem weißen Mob angegriffen und niedergemacht. Der Maler Jackson McLean heilte ihn in einem Waldhaus. Jackson führte das Trutzdasein eines geächteten Antirassisten unter Rednecks, die auf ihren weitläufig verstreuten Gehöften im Geist des alten Südens wüste Lieder sangen. Jacksons Tochter Marianne litt stolz unter Hass und Häme. Dennis verliebte sich in das Mädchen. Zeugen werden nicht müde zu betonen, wie angemessen er sich verhielt. Nichts Zudringliches verdarb die holde Minne. Mit siebzehn heiratete Marianne den Verehrer. Die Ehe hielt kaum lange genug, um die Töchter zu zeugen. Edie war vier, und Mae zwei als der konventionelle Familienrahmen brach und sie zu Stützen einer alleinerziehenden Mutter wurden, die zwölf Jahre später ihre Mündigkeit aufgibt.

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Eine Nachricht aus Mariannes Medikamentendschungel

„Ihr seid die Glocke im Nebel, das einzige, was noch existiert.“

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Eine Obsession gibt Amanda als akademisches Interesse aus. Die Doktorantin infiltriert das Milieu des Schriftstellers zielstrebiger und skrupelloser als ihre Konkurrentinnen. Sie macht sich nützlich und bringt so auch die letzte Anfälligkeit des Überwachten in Erfahrung.

Amanda fördert Maes Musenpotential. Sei unterstützt das perverse Arrangement, mit dem sich Dennis als Autor wieder flottmacht, ohne Rücksicht auf den seelischen Rückstoß, der seine Tochter aus der Bahn wirft.

Mae kommt sich selbst magisch vor. Sie erinnert surreale Szenen ihrer Kindheit und verknüpft sie mit Beobachtungen in der Gegenwart. Wenn Amanda und Dennis sich abtasten, den Geschlechterkampf mit erotischer Gemütlichkeit auf dem Sofa tarnend, dann fallen der Zeugin merkwürdige Kindheitsereignisse ein. Bei einer Nachtwanderung mit ihrer Mutter erlebte Mae, wie drei Raubvögel einen Waschbären ausweideten.

„Das Schlagen … ihrer Flügel war unheimlich laut.“

In Maes hochgespannter, im Fieber luzider Perspektive ist der Vater Beute. Sie hört den Flügelschlag des Todes im Wohnzimmer. Man schafft sie ins Bett, mit der Fürsorglichkeit von Terroristinnen. Amandas Krallen reißen ihren Bauch auf. Mit den „nassen Schlingen“ der Eingeweide im Schnabel rauscht Amanda ab. Krächzend lässt sie sich auf Dennis nieder.

Narzisstisch raffiniert/Eskalierende Mutter

In den 1970er Jahren wurde Ethnologie zur Modewissenschaft und Schamanismus zu einem beliebten Forschungsgegenstand. In der Luft lag die Erwartung, dass sich Vorreiter einer sakralen Praxis, die ihren Platz in der Gesellschaft verloren hatten, im trivialen Wahnsinn ankündigen könnten. Akteure der Anti-Psychiatriebewegung schlugen in diese Kerbe. 

Ein Narrativ der Ethnologie war der verkehrtherum auf seinem Pferd reitende Prärieamerikaner, dem niemand ein Strick aus seiner Sonderrolle drehte. Vielmehr glaubte man, so ging die akademische Legende, dass der Verkehrte in Wahrheit richtiger saß als Leute, die über die Ohren ihres Pferdes hinauspeilten. Katya Apekina spielt in ihrem ersten Roman mit diesem Genre. Marianne taucht nachts im Brackwasser des Lake Pontchartrain, entdeckt Schlösser in Sümpfen, lässt Katzenfische auf Autorückbänken zappeln und verfolgt Leute ohne Grund. Die Autorin deutet ein Hexenrepertoire an. Marianne passt gut zu John Updikes „Hexen von Eastwick“, die so magisch wie irdisch sind – verrückt – kreativ – bezaubernd.

Nicht alle sehen es so. Mae wünscht sich ihre eskalierende, mit einem Selbstmordversuch endgültig aus dem Ruder gelaufene Mutter „vakuumversiegelt an einem Ort“, wo sie keinen Schaden mehr anrichten kann. Edie unterstellt sie, keine Ahnung von Mariannes Psyche zu haben. Sie fängt einen Brief der Rekonvaleszentin ab, liest ihn so oberflächlich, dass kein Wort verfängt, zerreißt die Seiten und spült sie in die Kanalisation.

Mae keschert nicht alle Nachrichten. Edie wird zur Kryptologin ob der mitunter lyrisch abgesetzten, narzisstisch-raffinierten Botschaften. Sie zieht ihre Schwester zu Rate, die sich beeilt, die chiffrierten Sirenentexte weiter zu kodieren und diesen Prozess als Aufklärung ausgibt. Sie verrätselt das Rätselhafte.

Ich erfand „eine mythologische Interpretation“.

Katya Apekina - Geboren in Moskau, mit drei in die USA gekommen, lebt heute in Los Angeles. Auf ihre ersten Texte in Magazinen folgten Stipendien und Auszeichnungen. Sie übersetzt russische Lyrik, schreibt Drehbücher. Ihr Debütroman Je tiefer das Wasser, veröffentlicht in einem kleinen Indie-Verlag, entwickelte sich zum Überraschungserfolg des letzten Jahres, Übersetzungen ins Französische, Spanische, Italienische erscheinen zeitgleich im Frühjahr 2020.