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09.06.2020, Jamal Tuschick

Coraghessans Coup

Microsoft Beauregard ist nicht einfach nur eine regressive Rumpfgestalt. Er macht Geschäfte mit der seelischen Grazie eines Auftragsmörders. Er hat die größere Gravitation im Vergleich mit Ernestine Nightshade und dem Mann, der seine Tochter verscherbelte, um mittelalterlich seinen Frieden mit der Welt zu machen. 

Eher nebenbei erzählt Albert Camus von einem christlichen Missionar, der von seinen Bekehrungsabsichten in eine missliche Lage gebracht wurde. Die Herren des Salzes von Taghâza, die von der steinalten Erinnerung einer maritimen Lage ihrer Senke heimgesucht werden, leben seit Jahrhunderten mit der Erfahrung, dass so gut wie alles, was auf ihren glühenden Streifen getrieben wird, schnell und schaurig stirbt. Diese Beobachtung hat ihnen einen fürchterlichen Gottesbegriff eingegeben. Ihre Divination ist dämonisch. Man kann sich leicht vorstellen, was sie, die ihre Sklaven wie Ziegen halten, einem Mann anzutun sich gezwungen sahen, der so vermessen war, ihnen einen faden Gott anzubieten.

Zynismus ist auch eine Versicherung gegen bestimmte Erwartungen. Der bekennende Zyniker wird zwar genauso überrascht wie der Naive, aber der Gegner rechnet nicht mit der kleinen Lücke. Das weiß sogar der mit allen Wassern der Verfolgung erzogene Microsoft „Vanilla“ Beauregard nicht, als Ernestine „Maximum“ Nightshade von allem zurücktritt, wofür sie lächerlich kurz auf dem Feld der Globalisierungsgewinnmaximierung gerade stand. Die Silverman-Swab-Analystin heiratet aus Verzweiflung und wie auf der Flucht, kurz nach einem Fiasko, dem ich mich jetzt zuwende.

Was zuvor geschieht

Ernestine scheitert in Russland bei dem Versuch, das Superrädchen im Getriebe einer Expansion zu sein, die als Coraghessans Eastern Move historisch werden soll. Ernestines im Akut des Geschehens höchst kollegial wirkender Vorgesetzter, der vor seinem Sliverman-Swab-Engagement bereits eine unter dem Namen Coraghessan’s Wise House aufgezogene Unternehmensberatungsgesellschaft mit internationalem Instanzcharakter seinem Portfolio eingab, kopiert einen politischen Schachzug der deutschen Sozialdemokratie unter Willy Brandt und Karl Schiller. Mit der Festschreibung der Oder-Neiße-Grenze (als einer Garantie Polens in den Grenzen von 1945) schuf der „Vaterlandsverräter“ Brandt Voraussetzungen dafür, dass der Westen wieder einmal vor Moskau steht; nur diesmal, ohne zu frieren.

Brandts „Annäherung durch Wandel“ auf dem Sockel von Karl Schillers verführerisch-falscher Konvergenztheorie („Verführung ist die wahre Gewalt“, Friedrich Schiller) eroberte den Ostblock mit Schmeichelei.

Doch stieß Ernestine sich an einem anderen Ostblock. Brandts Gegenspieler Breschnew war eine notorische Fin de Siècle-Gestalt, wie sie in Russland alle hundert Jahre als Gegenfigur zu einem Zar Peter der Putin aufgeboten wird.

Russland ist das geopolitische Irrlicht der Welt. Das Land könnte manchmal allen heimleuchten, aber dann passiert wieder nichts. Dann hat der Koloss die Effizienz eines Gartenzwergs.

Breschnew spielte auf Zeit und hoffte auf ein Wunder. Brandt wollte die Friedensfrist für Deutschland verlängern. Ernestine trifft als Coraghessans Agentin andere Akteure. Das sind Mimikry-Virtuosen, die mit spiegelnden/blendenden und verätzenden Imitationen des verachteten Westens vorderhand zivil Ziele verfolgen, die zu Breschnews Zeiten nur sichtbar militärisch erreicht werden konnten. Diese Spieler*innen übertreffen den Absorptionsartisten Beauregard mit aushöhlenden Nachahmungen. Da der alte Coraghessan über Brandts taktile Interventionen (Schmeichelpolitik) nicht hinausdenken kann, kapiert er nicht, dass sein System selbst der Fehler ist. Er degradiert Ernestine, um sich ein paar Champagnerlängen falsche Sicherheit zu verschaffen.

Ernestine versteht, dass auf der Führungsplattform die Klugheit von zehn Meter Feldweg vorherrscht. Sie hat keine Chance. Deshalb greift sie zu Beauregard wie zu einem Notanker. Beauregard durchschaut das Manöver und verspricht sich Rache an der eigenen Ehefrau, die sich herausnimmt, in ihm eine Second-best-Variante zu ihrer gefloppten Karriere zu sehen. Dazu wurde Beauregard nicht auf die seit Jahrhunderten zum Zerreißen gespannte Generationenschnur gezogen: dass er so einer halbwegs feingliedrigen Westmoreland-Britin das Ruhekissen bestickt. Ein orientalisches Patriarchat wird über Ernestine kommen und die Gesamtschule in ihrem Kopf in die Luft sprengen. Für weniger hätte sich doch das Überleben* der Altvorderen gar nicht gelohnt.  

*Zum Überleben

Die Wüste war Beauregards Schule des Begreifens. Viel passierte an einer Stelle, wo eine Ungeheuerlichkeit aus Sand und Hitze die schlechten Manieren und Verachtungsspasmen des Helden leicht erklärt. Eher nebenbei erzählt Albert Camus von einem christlichen Missionar, der von seinen Bekehrungsabsichten in eine missliche Lage gebracht wurde. Die Herren des Salzes von Taghâza, die von der steinalten Erinnerung einer maritimen Lage ihrer Senke heimgesucht werden, leben seit Jahrhunderten mit der Erfahrung, dass so gut wie alles, was auf ihren glühenden Streifen getrieben wird, schnell und schaurig stirbt. Diese Beobachtung hat ihnen einen fürchterlichen Gottesbegriff eingegeben. Ihre Divination ist dämonisch. Man kann sich leicht vorstellen, was sie, die ihre Sklaven wie Ziegen halten, einem Mann anzutun sich gezwungen sahen, der so vermessen war, ihnen einen faden Gott anzubieten.  

Anders gesagt, Beauregard ist nicht einfach nur eine regressive Rumpfgestalt. Er macht Geschäfte mit der seelischen Grazie eines Auftragsmörders. Er hat die größere Gravitation im Vergleich mit Ernestine und dem Mann, der seine Tochter verscherbelte, um mittelalterlich seinen Frieden mit der Welt zu machen**. Auf der Hochzeit brach Exotik durch; erwähnte ich bereits den Orient als Erfindung des Westens? … Im Augenblick verdampfen die Vorurteile des Schwiegervaters.   

**Darüber wird noch zu reden sein.