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12.06.2020, Jamal Tuschick

Die alte Bundesrepublik im Friesennerz

Susanne Matthiessen lässt die alte Bundesrepublik im Friesennerz wieder auferstehen … eine beschickerte Clubkellergesellschaft. Der Wohlstandsspeck flottiert im Frotteemantel. High Fidelity bis zum Abwinken. Sylt ist ein Renommierschauplatz der Hanseatischen Gesellschaft zu der Zeit, als Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl als Paradepaar der liberalen Bourgeoisie im Verein mit dem abgerockten, ungemein nachlässig auftretenden Rudolf Augstein und seinen Ehefrauen stilbildend wirkten.

„Auf dem Wasser stehen“

Baywatch auf Deutsch – Sylter Rettungsschwimmer als Surfpioniere – „Wir dachten, wir sind die Ersten“

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Die vegane Lammfelljacke oder Das Soundpaket für ein Attrappenleben

Pfuschis Elternhaus, eine abgetakelte Angelegenheit, wird auf fünf Millionen Euro taxiert. Allgemein sind Sylt-Liebhaber*innen bereit, für jede baufällige Remise tief in die Tasche zu greifen …

Auf Sylt existieren hundertfünfzig Immobilienmakler. Die wenigsten leisten sich einen Hausmeister mit Inselanschrift. Jeden Tag pendeln rund viereinhalbtausend festländische Dienstleister über den Hindenburgdamm. Zu ihren Arbeitergebern gehört Malte Fürbringer, „Spross einer eingesessenen Vermieterdynastie“. Die Erzählerin rechnet ihn zu jenen, „die alle Hände schütteln“ und als Mittfünfziger „die Haare wieder surferlang tragen“.

„Zweimal geschieden und jetzt Großvermieter.“

Malte akquiriert Objekte, die als nebensächlich genutztes Eigentum zur Refinanzierung eingesetzt werden. Er trennt die Apartments von ihrem Luxusinterieur und löscht die individuelle Note. In seinem dezentralen Hotel liegt und steht bis zur Nespresso-Maschine alles auf einer Designlinie.

Susanne Matthiessen, „Ozelot und Friesennerz“, Ullstein, 245 Seiten, 20,-

Dazu gehören (aus den verwitterten Planken eines antiken Bootsstegs gearbeitete) „Beachhouse Möbel“.

Der letzte Schrei ist die „vegane Lammfelljacke“.

Matthiessen lässt die alte Bundesrepublik im Friesennerz wieder auferstehen … eine beschickerte Clubkellergesellschaft. Der Wohlstandsspeck flottiert im Frotteemantel. High Fidelity bis zum Abwinken. Sylt ist ein Renommierschauplatz der Hanseatischen Gesellschaft zu der Zeit, als Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl als Paradepaar der liberalen Bourgeoisie im Verein mit dem abgerockten, ungemein nachlässig auftretenden Rudolf Augstein und seinen Ehefrauen stilbildend wirkten.

Die Kürschnertochter Matthiessen fängt sowohl die Originalstimmungen als auch Nachbilder der Großen Sause ein. Heute soll der Pelz „unbedingt aussehen wie echt. Darf aber nicht echt sein“. Wer vom Echten nicht lassen kann, muss das Exponat als one hundred percent dead free deklarieren und das Qualitätssiegel aus dem Futter schneiden.

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Zur Inseltradition gehört: „Nie sagen, was ist. Die anderen wissen sowieso immer besser Bescheid. Der Rest ist Anpassung.“

Insulares Immunsystem

Als man noch wochenlang Urlaub am Stück machte, die alten Sylter sich in einem geheimbündlerischen Netzwerk verschworen hatten und das Immunsystem der Insel intakt war …

Alles ist weg, sogar der „seidenweiche … Muschelsand“, der in eine sagenhaften Damals „so fein durch die Finger“ rieselte. Westdeutsche verbindet mit Sylt die uniforme Individualität von Friesennerz und Gummistiefel. Die Insel war der kleinste gemeinsame Nenner der Republik. Da konnte man auch bei schlechtem Wetter gut gelaunt bleiben.

„Sylt in den Sechzigern und Siebzigern, ja, das war eine wilde Zeit.“

Der Erzählerin fällt da zuerst ein stark behaarter, ständig glühender, wie ein „beheiztes Fell“ wirkender Mann ein, der als Feriengast im Haus ihrer Eltern einen bleibenden Eindruck hinterließ.

Jedes Bett wurde vermietet. Die Urlauber regneten durch die Wellpappe des Privatlebens und teilten sich ein Bad mit der gastgebenden Familie. Noch nicht einmal die Gästetoilette war obligatorisch. Stattdessen gab es überall noch Plumpsklos. Man campierte im Leben der Anderen. Trotzdem firmierten die Festländer als Kurgäste und schätzten sich glücklich, von der Fremdenverkehrszentrale vermittelt worden zu sein.

Ich erinnere das Procedere, und das war schon Edelurlaub im Vergleich zum Kolonnestehen mit der Zahnbürste in der Hand vor einer Duschbaracke auf dem Zeltplatz.

Pracht & Pleite

Susanne Matthiessens Großvater verkörperte den Kürschner als Künstler und Grandseigneur mit prominenter Kundschaft und Stammgastgarantien im „Trocadero“, wo im Übrigen auch Marlene Dietrich einkehrte. Es herrschte Smokingzwang in dem Liveschuppen an der Westerländer Strandstraße. Der alte Meister lebte zwar pompös, starb aber ruiniert. Sein Rauchwarenwerk ging über auf seinen Sohn Peida/Peter, dessen Besitzstandswahrungskampagne zwischen Tourismus und „Pelz-Design“ im Dauerstress über die Buhne geht.

Peida freit Telse, die sich auf keinen Fall festlegen will. Sie springt nur ein. Sie verfeiert auf ihrer eigenen Hochzeit das Arrangement für eine Eheschließung, die in der Planung steckenblieb, weil die Braut das Weite suchte.

Plietsch von Geburt an

„Alles war schon bestellt und vorbereitet“ für eine andere. Wer sich unter solchen Umständen auf ein „Dauerprovisorium“ einlässt, kennt den Stoff nicht, aus dem Rührseligkeit gemacht ist. Entsprechend spartanisch ist das Liebesregime, mit dem Tochter Susanne vorliebnimmt. Das von Geburt an plietsche Boomerbaby weiß es nicht besser. Der Winter ihres Geburtsjahres ging wegen sibirischer Kälte in die Inselgeschichte ein:

„Die Sylter schlottern (1963) bei minus 22 Grad, Väterchen Frost hat sogar das Meer zum Erstarren gebracht: Meterhoch türmen sich die Schollen … Das Eis zwischen dem Festland und der Insel ist so dick, dass es bequem die Last eines Autos tragen kann. Schon bald markieren immer mehr Reifenspuren eine Piste – im Volksmund Eis-Avus genannt –, die hundert Meter parallel zum Hindenburgdamm verläuft. Die Deutsche Bundesbahn hat das Nachsehen – nur die ganz Ängstlichen fahren mit dem Autozug.“ – Quelle: https://www.shz.de/4132711 ©2020

Oswalt Kolle kommt in der Keimzeit des „Schulmädchen-Reports“ in den Laden von Telse & Peida Matthiessen auf der Suche nach einem Bärenfell für seine Aufklärungsarbeit. Die Goldene Generation geht an Start. Nun gibt es für alles Gebrauchsanweisungen, auch für den ehelichen Sex zur Aufrechterhaltung der Monogamie.

Hinreißend beschreibt Matthiessen ein Ereignis am 14. Januar 1973. Ich bin dabei. Was Susanne gemeinsam mit ihrem Vater sieht, sehe ich gemeinsam mit meiner Mutter: Die erste Satellitenübertragung eines Solokünstlerkonzerts - Elvis Presley auf Hawaii. Meine Mutter schwelgt in Erinnerungen, während sich ihr fettgewordenes Idol bemüht. Susannes Vater zeigt sich ebenfalls weggetreten vor Ehrfurcht.

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Peida und Susanne werden während der Übertragung an einen Tatort gerufen. Ein bewährtes Ehepaar hat sich im Hotel Wünschmann aus dem Leben geschossen. Die Tochter der Toten will den „Oma-Persianer“ ihrer Mutter, eine kostspielige Rüstung voller Schneiderfinessen. Der Fachmann soll sagen, ob da trotz Einschussloch und Blutbad noch was zu machen sei. Von diesem Kaliber sind die Episoden. Der Wiedererkennungseffekt lässt nichts zu wünschen übrig. Etwa, wenn Matthiessen von Terminen des „reichsten Frührentners Deutschlands“ aka dem „letzten Krupp“ Arndt von Bohlen und Halbach bei ihrem Vater berichtet. Die Resultate solcher Gipfeltreffen haben wir alle in Illustrierten gesehen, Modelle von nahezu antinomischem Schnitt mit Kragen wie Opern auf Stücken von Londoner Schlichtheit.

Zu den Berühmtheiten im hochtoupierten Jetzt, die bei den Matthiessen übernachten, gehört Renate Kern. Sie ist Stargast einer Pelzmodenschau, die von der Familie mit höchstem Einsatz ausgerichtet wird.

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Matthiessen erwähnt Valeska Gert, die sie als exzentrische Wirtin des „Ziegenstalls“ und strapaziöse Kundin ihrer Eltern kennenlernt.

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Susanne Matthiessen, Jahrgang 1963, ist gebürtige Sylterin. Als Journalistin verarbeitet sie gesellschaftspolitische Entwicklungen zu Programmideen für Radio, Fernsehen und Internet. Sie hat unter anderem als Redaktionsleiterin der TV-Magazine „Dunja Hayali“ (ZDF), „Gabi Bauer“ (ARD) und - dort stellvertretend - „Sabine Christiansen“ (ARD) gearbeitet und hatte Programmverantwortung bei Inforadio Berlin, der Deutschen Presse-Agentur audio & video, Radio Schleswig-Holstein und BB Radio Brandenburg. Sie ist seit 25 Jahren Dozentin an der Akademie für Publizistik in Hamburg und war 15 Jahre lang Kolumnenschreiberin für die „Sylter Rundschau“. Susanne Matthiessen lebt gern in Berlin, lebt aber nur am Meer richtig auf.