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21.06.2020, Jamal Tuschick

Grabo

Durch Grabo nahm die Frankfurter Folklore einen Weg ins kostümierte Nichts.

© Jamal Texas Tuschick

Man nannte ihn Grabo, er hatte eine Rolle im Häuserkampf gespielt. Er kannte alle, die aus der Revolte bürgerliche Gewinne gezogen hatten. Von seiner Jaguar-Phase war eine Radkappe übriggeblieben. Sie hing daheim neben einer gerahmten Autogrammkarte von Jürgen Grabowski.

Daher Grabo. Auf der Straße gab er den Stutzer. Grabo erschien als Mann des auswärtigen Frühstücks. Er war ein Genussbeschwörer, wie viele, die den Karrierezug der Grünen nach Berlin verpasst hatten. Regelmäßig verfügte sich Grabo zu „Mutter Ernst“, wo die Alten Herrn der Eintracht verkehrten. Er neigte zu rätselhaften Feststellungen. Er behauptete, mit seinen Eltern auf den Knien zur Welt gekommen zu sein. Das waren geachtete Leute, verwurzelt in einem Milieu wohlhabender Handwerker und Händler. In ihrer Umgebung besaß man Häuser und Grundstücke schon in der zweiten und dritten Generation. Man führte Geschäfte des täglichen Bedarfs, Eisenwarenhandlungen, Fischläden mit Filialen, Konditoreien, Metzgereien und Schreinereien. Man lebte in gehörigem Abstand zu allem Intellektuellen – mit Verachtung für Professoren, die ihre Nachbetrachtungen der Revolte als Meinungsfürsten in Frankfurt anstellten. Der eigene Nachwuchs mochte im Bankwesen und Immobilienhandel Fuß gefasst haben. Er blieb gebunden an die Regeln und Ressentiments der Altvorderen, diesen reichen Kleinbürgern.  

Durch Grabo nahm die Frankfurter Folklore einen Weg ins kostümierte Nichts. Die Leute krochen seinem Hessisch auf den Leim. Sie fielen herein auf das Schoppengeschwätz, die angereicherten Schenkimitationen. 

Wir sahen uns auf Wochenmärkten. Ich merkte mir einen Text aus lauter Anspielungen auf vertiefte Kenntnisse. Grabo nannte ein Lokal nicht bei dem Namen, unter dem es im Branchenverzeichnis geführt wurde. Er rief den Namen des Wirts auf.

Er kannte die alten und neuen Namen sämtlicher Brücken, die in Frankfurt über den Main führen. Die ursprüngliche, im Krieg versehrte Topografie lag wie eine Folie unter seinen Betrachtungen. Geläufig waren ihm die Bedeutungen von Wörtern wie Steuber und Schirn.  

Immer mal wieder wartete eine Frau so lang auf ihn, bis sie keine Minute länger Zeit für ihn hatte. Auf seiner Beerdigung soll niemand mehr gewesen sein.